23. Januar 1918

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Doch, die Kinderlehre sollte sein, und glaubs nur, du machst meiner Schar viel mehr und tiefern Eindruck, als meine Reden es |259 machen. Deine Philistergeschichte ist ihnen unvergeßlich geblieben.

Hier der «Kirchenfreund»1 mit einer immerhin bedeutend verständnisvolleren Bemerkung über uns, als es die von Wernle war, der sich keine Mühe gegeben hat, über das nachzudenken, was uns die Hauptsache ist. — Bist du der greuliche Sozialistenpfarrer, über dessen unerbauliche Bettagspredigt eine fromme Seele im «Zeltgruß» so herzbrechend jammert, und der Prediger Vetter so zornig recht gibt?

Was für eine seltsame Sache, die Anfrage der Predigergesellschaft an dich!2 Ich begreife dein erstes Schwanken, aber auch deine Absage. Es scheint uns gegenüber viel guter Wille vorhanden zu sein bei diesen ältern Herren, wir wollen das bedenken und anerkennen. Aber was für eine seltsam schiefe Frage haben die dir als Thema gestellt: «Denken und religiöses Erleben»! […]

Wir alle grüßen euch alle!
Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Kirchliche Zeitschrift rechtsstehender sog. «positiver» Gemeindekreise. In Nr. 7 des Jahrgangs 1918 Kurzrezension von W. Hadorn über «Suchet Gott …!». 📖 ↩
2
Barth war gebeten worden, bei einer Versammlung des Schweizerischen Predigervereins im September 1919 (sic) nach einem Vortrag von Prof. H. Lüdemann (Bern) die Diskussion mit einem Votum zu dem Thema «Denken und religiöses Erleben» zu eröffnen.↩