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23. Januar 1918
Da kommen die verschiedenen Echos zurück, vermehrt um das von Freund [Gottfried] Ludwig. Dem Lukas Christ hätte ich überhaupt keine solche Wärme zugetraut, geschweige denn für unsre Predigten
📖. […] Wernle hatte ich also bereits genossen, ja, da wären noch viele Striche und Randglossen zu machen. Am Sonntag hatte ich Kistler, ein rechter Israelite, in dem kein Falsch ist [vgl. Joh 1,47], ahnungslos gegenüber unsern Problemen, aber völlig kindlich und offen für unsre Bedenken und weiteren Ge|260sichtspunkte, die ich doch fast mit einem gewissen Bedauern in sein reines Herz träufelte. Aber es mußte doch sein. Seine Predigt war eine mild leutselige Vermittlerpredigt mit jähem religiössozial-moralischem Beisatz. Von Ragazischer Tragik keine Spur. […] Er meint ganz tröstlich, wir müßten uns jetzt eben, so gut es gehe, am Urchristentum orientieren. Alles unbeschreiblich bernisch empfunden und gesagt, durch und durch echt und vorläufig in sich selbst schwingend. Er war auch Berner Zofinger und hat sich von da aus mit Bedacht erst zur Limonade [Abstinenz!], dann zum Sozialismus und schließlich zum Antimilitarismus entwickelt, wie zu seinem eigenen Erstaunen.
Nun ist Römer 8
📖 fertig, wieder 100 Seiten, ich fürchte, es wird ein sehr dickes Buch, der arme Rudi [Pestalozzi] mit seiner Gutsprache! Ich las es gestern abend Nelly und unsern beiden Hilfen vor, starke zwei Stunden lang, und sie standen alle erstaunt am Ufer der Fluten. Mitten drin sind Wernle einige Denkmale errichtet! Es ist ein großes schönes Kapitel mit viel Aussichten nach allen Seiten. Und nun habe ich bereits wieder die Wanderung durch 9-11 angetreten. Was will das werden? Ich bin eben an Calvin, der da ganz auf der Höhe ist. Die Gegner seiner Prädestinationslehre erinnern mich stark an Wernles Einwände gegen uns.
[…] Meine Mama hat mir auch wegen der Polemik in den Predigten geschrieben. Das muß also offenbar unterbleiben, wenn ich noch Diakonissenvater oder dergl. werden will. Warum hast du mirs nicht vorher gesagt, sondern noch Beifall gerufen wie die Römer 1,32?
Mit herzlichem Gruß euch Beiden und Freude aufs Wiedersehen