17. Dezember 1917

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Ja, ich habe den letzten Montag auch in der seltsamsten Erinnerung, bin aber doch froh, dabei gewesen zu sein. Eingegriffen habe ich nicht […], empfing aber zum Schluß im Privatgespräch von Ragaz noch die Mitteilung, das sei nun eben die wahre Art gewesen, von den Taten Gottes zu reden, was ich stumm und höflich entgegennahm. Die Geschichte endigte damit, daß alle noch ihre Adressen austauschten, das Letzte, was ich hörte, war ein lautes Rufen von St. nach Nachtessen. Auf dem Heimweg über den Engelberg gelang es immerhin, den Herrn L. etwas zum Schweigen zu bringen; er wußte schließlich nur noch Gerbers Frömmigkeit zu rühmen!! Kutters Bücher schneiden sie scheints |251 dort hinten nicht einmal mehr auf! Mein Brief an Guidon habe allgemeine Entrüstung erregt, ich gelte ihnen nun als der typische «Theologe», wogegen der deinige an Gerber die Stimmung dann wieder verbessert habe. Was mich aufs Neue darin bestärkt, daß das Departement des Äußern besser in deinen Händen ruht als in den meinigen. Der gute Z. ist auch ein Greis auf dem Dache, der sich nicht zu helfen weiß. Er hat zwei Jahre die Militärsteuer verweigert, die ihm dann heimlich von verwandter Seite doch bezahlt wurde!! Nun will ers doch wieder tun, da «der Militarismus jetzt eigentlich erledigt sei». In seiner Gemeinde offenbar alle mögliche Beunruhigung, in die er allerlei hineinruft. Ich kam seinem dumpf rauchenden Feuer nicht recht bei, zu hören oder zu lesen begehrt er nichts, er schwingt ganz in sich selber, und so nahmen wir bald wieder freundlich Abschied. Die Haltlosigkeit des Oltener Unternehmens war ihm aber auch aufgegangen, und die Situation zwischen uns und den Andern hatte er auch durchschaut, nur daß er mehr als Zuschauer hin- und herwandert und Alles zu vorderhand unerklärlichen Zwecken auf sein Berner Gemüt wirken läßt.

Die Bader’sche Welt ist mir sehr fremd, und den Schulmeisterton, den er uns gegenüber immer anschlägt, habe ich satt. Wir wollen, Ragaz glücklich entronnen, ja nicht unter diese Traufe kommen. […] [Seine] «Bitte um Stillschweigen»! Ja, ja! Das Nächste [was Bader uns empfehlen wird] sind dann des Nachts phosphoreszierende Wandsprüche, wie die, mit denen Sch. hausiert! Und das Übernächste relig. soziale Totenkränze unter Glas zu hängen! […]

Hier war am Samstag Neuwahl in den Gemeinderat für zwei vom Regierungsrat kassierte Wahlen.1 Die Freisinnigen haben sich nun aufgerafft und den Sieg errungen, aber es ging nahe aneinander; die Differenz zu der sozialdemokratischen Stimmenzahl ist nur noch knapp 20. Wahrscheinlich wird sich nun der Groll gegen mich wieder etwas legen. Aber morgen Abend ist Kirchenpflegssitzung, wo W. [der Präsident] seine Fahne entrollen will. Kirchenrat Haller sieht milde über die Grenze.

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Und nun kommt da gestern der Brief der Aarauer Studenten.2 Ich bin ratlos. Natürlich sollte ich annehmen. Aber das war mir sofort klar: wenn ichs tue, dann müßte nun endlich einmal die uns schon lange obliegende Auseinandersetzung mit Cohen und Natorp sich ereignen, mit der allein den Ragazianern gegenüber reiner Tisch geschafft werden kann. Das naive Wiederholen unserer Positionen hat in diesem Kreis keinen Sinn, wir müßten auf die tiefsten Voraussetzungen, von denen die Leute herkommen, eingehen und zeigen, warum wir gerade von dort her, vom νόμος im reinsten Sinne, das Ärgernis und die Torheit [vgl. 1.Kor 1,23] behaupten müssen. Aber woher nehme ich die Zeit zu diesem Unternehmen? Natürlich lockt es mich mächtig! Aber der Römerbrief 📖, mit dem ich ohnehin im ärgsten Gedränge bin! Ich hätte einfach ein schlechtes Gewissen, wenn ich mir nun diese Diversion gestattete, noch dazu in der strengsten Zeit des «Kirchenjahrs». Und darum möchte ich dich allen Ernstes fragen, ob ich ihnen nicht dich angeben darf als Retter in der Not. Du würdest dich nun die nächsten Monate nur dieser Sache widmen und dann einen großen wohlgezielten Schlag führen, was es bei mir vermutlich doch nicht würde. Das Thema und die Sache und die Gelegenheit muß dich ja freuen. — Eine ganz andere Möglichkeit wäre ja nun die, das Feld dies Jahr überhaupt zu räumen und ihnen ans Herz zu legen, nun einmal gründlich die andere Seite zu hören, etwa in Gestalt meines Bruders Heinrich, der mit Lejeune3 und Adler4 ein ungleich harmonischeres Ganzes bilden würde als ich oder du. Was hältst du davon? Aber bitte sag nun nicht unbesehen, ich soll den Elefanten nur machen, es stehe mir wohl an etc. Du weißt ja, wie ich dran bin und daß, wenn ich absage, auch wichtige Interessen im Spiel sind. Wie lösen wir diesen Knoten? Könnte ich nur meinen Sohn Markus mitten unter sie stellen! […]

Das Predigen fällt mir all die Zeiten immer schwerer. Ich sprach gestern entsprechend meiner Lage über den Unglauben und die Stummheit des Zacharias Luk. 1.

Wenn nur die Leute in Bern unser Buch 📖 noch herausbringen, solange die Käufer noch Weihnachtsbatzen im Sack haben. Die |253 Korrekturen sind durch, aber wenn nun dort nicht ganz entschieden gearbeitet wird, ist der «Lack» da.

Mit herzlichem Gruß auch von Nelly und an Mutter Marguerite
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Die Wahl zweier sozialdemokratischer Kandidaten war vom Regierungsrat (= Kantonsregierung) für ungültig erklärt worden.↩
2
Barth war eingeladen worden, auf der Aarauer Studentenkonferenz 1918 über das Thema «Erlösung» zu sprechen. Er lehnte dann ab. Von den im folgenden Genannten war nur R. Lejeune unter den Aargauer Referenten von 1918.↩
3
Robert Lejeune (1891–1970), Pfarrer in Graubünden, später in Zürich, Freund von L. Ragaz.↩
4
Max Adler (1873–1937), österreichischer Marxist.↩