12. Dezember 1917

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Was waren das doch für seltsame schwankende Gestalten am Montag!1 Noch schwebt es mir vor Augen, dieses kleine Nebenlokal, Tische in Hufeisenform, 2 x 12 Apostel mit teilweise etwas unsichern, aber gespannten Gesichtern, in den Lüften gewaltige Parolen wie Neubau der Welt, Volksbewegung! Banner entfalten! Gemeinschaft! Taten! An der Wand ein Wildheuer, der zu lachen scheint, es aber nicht kann, weil er nur gemalt ist. Schon etwas gefährlicher dürften die Neuen Testamente sein, die in den geistlichen Röcken verborgen sind, aber auch sie werden nicht zu Worte kommen. Und das Ganze: die konstituierende Sitzung einer neuen religiös-sozialen Geistes- und Kraftbewegung mit dem immerhin beträchtlichen Resultat von drei Komités und einem Vorort.2 Aber ich will nicht spotten. Wir sind ja alle irgendwie an solchen Wähnen beteiligt. Mir ist noch niemals so taghell deutlich geworden, an was für einer Krankheit zum Tode unsere religiössoziale Sache leidet. Wir standen tief im Schatten der pietistischen Lebensversuche. Ich höre St. immer noch mit leiser Rührung in der Stimme nach Gemeinschaft rufen, und was waren alle die Pläne und Projekte, die entworfen wurden, anderes als «Liebeswerke» in neuer Gestalt? Und wie können anderswo so unglückliche Fragen gestellt werden wie die nach dem Verhalten bei Straßenkämpfen als da, wo man längst gewohnt ist, alles nur taktisch und strategisch zu behandeln? Und wo fängt man an, das Opfer um des Opfers willen zu verherrlichen und nach Heiligenscheinen zu greifen, als da, wo man sich selber und nur sich selber sieht und alles Gefühl für Sachlichkeit und echtes Zeugnis verloren hat? Und was ist das alles anderes als eine Abart von Kirchentum und Pietismus?

Wie bist du heimgekommen? Habe ich irgendein entscheidendes Schlußwort verpaßt? Hast du noch etwas Starkes gerufen? Hat G. Wieser noch einen Vorstoß gemacht? Oder blieb es beim stummen Lachen des Wildheuers von der Wand herab?

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Da folgt noch ein Brief von Bader mit seltsamen Eröffnungen über das Reich Gottes, mit allerlei Zusprüchen und Vorschlägen. Hat er nicht recht mit seinen einfachen Entscheidungen über das, was uns trenne von den Religiössozialen? Aber auch er endet irgendwie im Schatten eines Kirchentums. Ich bin darum gespannt auf das, was Paulus nach deinen Einsichten in Röm. 9-11 zur Sache zu sagen hat. Jedenfalls wird dein Römerbrief 📖 guttun, er wird die Luft reinigen. Wenn nur diese Kirchenmänner überhaupt noch darauf hören wollen und können!

Was machen die Safenwiler? Wir denken viel an euch und eure Lage. Es geht auch da in den Gesprächen mit der Kirchenpflege um ein Seilziehen in der Kirchenfrage. Was aber draußen im Dorfe sich regt, ist wohl schon der Widerspruch gegen deine Botschaft, der aber bereits seine innere Schwäche erkennen läßt.

Von Herzen
dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Teilversammlung der religiös-sozialen Konferenz in Olten, bei der Barth und Thurneysen ihre Ämter im Vorstand der Konferenz niederlegten.↩
2
= Leitungsgremium.↩