7. Dezember 1917

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Freund!

Hier dein letzter Schlag.1 Was wird nun das Buch 📖 als Ganzes für ein Gesicht machen? Das wird uns selbst eine Neuigkeit sein. Unsere Sprüche haben wohl alle die Eigenschaft, im Anlauf gewaltiger zu sein als im Ertrag. Sie mahnen mich alle an Brücken, die vorläufig erst halb gebaut, verheißungsvoll, traurig, drohend |248 oder wie man will in die Luft hinausstarren. Darin wird sich unsere Gabe für den Weihnachtstisch des christlichen Hauses von der wohlgerundeten Leistung Kutters 📖 bedenklich abheben.

In einem meiner letzten Sprüche kommt das Zitat vor: «Mit der Freude zieht der Schmerz traulich durch die Zeiten.»2 Weißt du oder Marguerite etwas darüber? Von wem? Ob es nicht treulich statt traulich heißt?3 Wie es weiter geht? Ich nenne die Zeile nämlich einen «gottesfremden Unsinn», da sollte sie doch genau dastehen.

In Safenwil treiben die Dämonen ihr Wesen in Gestalt von fürchterlichen Lügen, die umhergehen, leider besonders über mich, immer noch wegen der dummen Gemeinderatswahl, die noch aktuell ist, weil es um zwei Sitze nächsten Samstag noch einmal losgeht. Was Leidenschaft und Phantasie da leisten an freier Erfindung, ist ganz großartig. Und nun wird scheints von einer Ecke aus ernsthaft für eine —— Kirchenaustrittsbewegung agitiert, andere sammeln scheints Unterschriften gegen mich. Ich mußte wieder zwei schöne Abende im Gespräch mit dem Kirchenpflegspräsidenten zubringen statt mit Römer 7! Der Mann schwankt beunruhigend zwischen seinen Tempelbauplänen und einer großen Hasenangst vor den freisinnigen Bonzen. Kurzum sei du froh, daß du in Leutwil bist, und sprich mir wieder einmal kräftig zu.

Mit herzlichem Gruß!
Dein
Karl

Die Kirchenpflege will mich nächsten Donnerstag verpflichten: aus der Partei auszutreten! keine Vorträge mehr im Arbeiterverein zu halten! auf ewig die Finger von der Gemeindepolitik zu lassen!

Sachfußnoten

1
Korrekturabzug einer Predigt für «Suchet Gott …!». 📖 ↩
2
Ebd. S. 148 (bzw. 1532) 📖.↩
3
J. P. Hebel, Neujahrslied. 📖 Das Gedicht beginnt mit den Zeilen: «Mit der Freude zieht der Schmerz traulich durch die Zeiten.»↩