19. November 1917

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Freund,

[…] Ich war also in Basel. Am Montag konnte ich mit Pfarrer Benz reden und entnahm unserem Gespräch, daß eine Zusammenarbeit mit ihm nicht in Frage kommt. Er redete viel von «Gesinnung» und «Seelsorge», und ich suchte ihm zu sagen, daß es uns mehr auf Gott selber als auf die Seele ankomme. Er hat mich aber kaum recht verstehen können. […] Am Abend erlebte ich, wie Ernst Staehelin die «Unabhängigen Kirchgenossen» zusammentrommelte. Sie hatten sich ihn erbeten, er solle allerlei praktische Linien von der Reformation zu uns hin ziehen, Vor|243schläge, Anträge, Verbesserungen am Kirchenwesen darbieten. Er aber ließ sich gar nicht auf diesen Kampfplatz locken, sondern suchte einen Durchbruch in ganz anderer Richtung. Er skizzierte das Wesen der Reformation als den Versuch, zur Unmittelbarkeit Gottes vorzudringen, also aus aller Ferne in die Nähe Gottes zu gelangen. Aber er setzte sofort hinzu, daß dieser Versuch nicht zum Ziele gekommen sei. Daher gelte es, nicht vor allem rückwärts zu blicken, sondern vorwärts einer neuen Reformation entgegen, wie es schon der ältere Blumhardt gefordert habe. Du kannst dir die verblüfften Gesichter dieser Kirchgenossen denken. Wernle war da und setzte allem Gesagten seinen absoluten Widerspruch entgegen, wollte gar nichts wissen von der kosmischen Weite der Erlösung, sondern lobte sich seinen Luther, der diese Erde als den Kampfplatz betrachtet hat. […]

Safenwiler, Leutwiler und andere -iler — da könnte ich auch ein Lied singen aus jüngster Zeit von verschnupften Gesichtern, sogar offenen Drohungen, mit mir abzurechnen, ich rechne es wie du in das zu ertragende Dämonische. Es gab aber immerhin Augenblicke, wo «es» mir etwas verleidet war. — In Zürich sind also die Gewehre losgegangen anläßlich der Rede eines Friedensapostels.1 Was für ein seltsames Zeichen! Mir kommt es vor wie ein Witz, den sich der Teufel mit den verwirrten Menschen geleistet hat.

Ich begleite deinen Römerbrief 📖 mit allen guten Wünschen und freue mich schon aufs Lesen! Wir grüßen dich und die Deinigen recht herzlich.

Eduard und Marguerite

Sachfußnoten

1
Am 15.11.1917 fand auf dem Helvetiaplatz in Zürich eine Demonstration gegen Krieg und Militarismus und gegen den schweizerischen Munitionsexport statt. Zwei der Redner wurden verhaftet. Daraufhin kam es an den beiden folgenden Tagen zu Protestdemonstrationen. Dabei wurden am 17.11. von Demonstranten und von der Polizei Schußwaffen eingesetzt.↩