9. September 1917

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Freund!

Ich bin auch an der Arbeit und […] glaube, wir werden nun hindurchbrechen. Mich tröstet für die mir sehr deutliche Schwäche meiner Produkte der Gedanke, daß deine daneben stehen werden, anonym zur Deckung meiner Blößen, und so magst du es umgekehrt dir auch zurechtlegen, sodaß wir einäugig und einhändig eventuell doch ins Himmelreich eingehen können [vgl. Mt 18,8f.]. |229 Übrigens gehe ich am Sonntag nach Bern […]. Da werde ich dann am Montag Bäschlin aufsuchen und dich und mich festleimen. Wann würden wir es der Sache gegenüber verantworten können? Wir wollen jetzt als καυχώμενοι obwohl ἁμαρτωλοὶ ὄντες [vgl. Rm 5,2.8] voran gehen, nicht?

Im Römerbrief 📖 bin ich nun an den gigantischen Zusammenhang 5,12–21 gelangt. Lies doch J. T. Beck über 5,12,1 wenn du einen Begriff von seiner Art haben willst. Mitten hinein platzen hier große Entscheidungen: 55 Stricklerinnen haben sich letzten Montag organisiert. Nun bedroht sie der Fabrikant alle mit Kündigung! Daraufhin bin ich heute Nachmittag bei ihm in der Villa gewesen wie Mose bei Pharao, um ihn zu bitten, das Volk in die Wüste ziehen zu lassen. Höfliches Männergespräch in tiefsten Klubsesseln, das leider doch mit einer glatten Ablehnung und Kriegserklärung endigte, wobei ich hören mußte, ich sei «sein ärgster Feind» in seinem ganzen Leben. Nun wird es sich zeigen müssen, wie die 55 (und das hinter ihnen stehende Dorf) sich halten werden. Natürlich bin ich auf einen Zusammenbruch mehr als gefaßt, doch will ich vorher tun, was ich kann. Der Fabrikant stellt sich auf den bekannten «Herr im Hause»-Standpunkt und erklärt, lieber die Fabrik zu schließen oder an einen Schieber zu verkaufen(!), als nur einen Schritt nachzugeben.

[…]

Herzlichen Gruß
dein
Karl

Sachfußnoten

1
J. T. Beck, Erklärung des Briefes Pauli an die Römer, hrsg. von J. Lindenmeyer, 1. Hälfte, Gütersloh 1884, S. 396ff. 📖 ↩