3. August 1917

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Freund,

Ich bin immer noch an Pietisten und Antipietisten und dem ganzen reichen Leben des 19. Jahrhunderts. Haben dich, Karl, die in die Kirchenpolitik eingreifenden Pietisten nicht auch schon an gewisse Religiössoziale erinnert? Meinst du nicht, wenn die sozialistische Welle die «Neuen Wege» hochbrächte, sie würden auch so etwas wie der ominöse «Kirchenbote» in Württemberg oder gar Hengstenbergs1 Blatt in Berlin? Zum Teil klingen solche Töne schon etwa an. Und wenn sie ihren Strauß oder Märklin fänden, sie würden ihn kaum viel anders behandeln als die Ch. G. Barth, Wilh. Hoffmann2 es zu ihrer Zeit taten. Überhaupt diese drei! Was für ein «Plauderi» dieser Barth, was für ein gesalbter Macher und Treiber dieser Hoffmann! Wie unheimlich das lange, inbrünstige Beten bei Kapff! Da steht wirklich L. Hofacker immer noch turmhoch über ihnen. Er blieb mir bisher neben Spleiß in seiner Art eine klassische Gestalt, einsam, bedrückt durch Leiden, fern von Kirchenregiment, ohne adlige Frau (Hoffmann hatte nach einer bürgerlichen noch zwei Gräfinnen zur Frau).

Ich war also doch in Olten und habe die Jungen beraten. Wie seltsam diese Studenten, ein Jahr sind sie begeistert vom religiösen Sozialismus, ein nächstes Jahr wollen sie einen Vortrag über Heidenmission hören! — Ja, unsere Predigten 📖! Wir müssen nochmals darüber reden. Es geht mir wie dir, man entwächst der Sache.

Lebt wohl!
Eure
Eduard und Marguerite

Sachfußnoten

1
E. W. Hengstenberg (1802–1869), Gründer der orthodox-reaktionären «Evangel. Kirchenzeitung» in Berlin, Streiter gegen den Rationalismus.↩
2
Wilh. Hoffmann (1806–1873), württembergischer Pietist, Prof. in Tübingen, von Friedr. Wilh. IV. als Hofprediger nach Berlin berufen.↩