27. Juli 1917

Karl Barth an Eduard Thurneysen

219
Liebe Freunde!

Eben habe ich Eduards Patriarchen ein erstes Mal durchgangen und auch die früheren Betrachtungen, die in dem Heft stehen. Und da freue ich mich eben über die in Leutwil fließende Quelle und gönne es allen dortigen Kinderlein, die daraus trinken dürfen, und möchte es dir so gerne, so gerne einfach nachmachen und kann doch nicht, weil ich diesen «Geischt» nicht habe, auch wenn ich dir die Worte nachsagen wollte. O dieses liebevolle sich Versenken in all die einzelnen [Patriarchen] auch als Einzelne, das dein Reden so anschaulich und anfassend macht, während ich überhaupt nur eine Melodie weiß, und wenn ich die vergesse, überhaupt lackiert |220 bin und darum so oft ganz mißlich dastehe vor gelangweilten Gesichtern, die mit Grund nur Worte hören. Und was ist das für ein intelligentes Bibellesen, bei dem wirklich etwas «heraus»- (ab und zu wohl auch hinein-) kommt für dich und die Kinder, während ich traurig dastehe, wenn ich meine eigenen Fäden spinne, trauriger wenn ich über etwas Biblisches referiere, und am traurigsten, wenn ich mit ihnen direkt aus der Bibel lesen sollte, wobei mir gewöhnlich einfach der Atem ausgeht bei den bekanntesten Dingen. Vielen Dank also für dein Heft, das ich nun wieder voll Sehnsucht und Lernbegierde und Spähen nach deinem Geheimnis studieren werde. Es ahnt mir aber schon, daß es nicht viel nützen wird. Ich bin nun einmal der katechetische Quak [Versager], was auf tiefer liegende Schäden hinweist, die man mir auch einmal hinweganalysieren sollte.

[…] Ich bin eben dran, mir durch langweiligste Studien von Weiß,1 Godet,2 Lipsius3… das Recht und die Möglichkeit zur Auslegung 📖 von Röm. 5 zu erwerben. Die Zeddel häufen sich, aber die Durchsicht hat sich noch nicht eröffnet. Weißt, ich glaube aus unsrer Predigtsammlung wird nichts, jedenfalls bei Reinhardt4 nicht. Auch entferne ich mich in raschem Lauf von meinen damals ausgewählten (leider z.T. schon abgeschriebenen!) Predigten. Gehts dir nicht auch so?

Heiner war da. «Ich glaube, ihr lest zu viel in der Bibel.» — «Wie schade, daß Thurneysen nicht kam, ich freue mich immer, mit so bedeutenden und gelehrten Männern zu verkehren.» Daneben aber auch sachliche Gespräche, in denen ihn der Verweis auf die historische Parallele des Hegelianismus in seinen fatalen Beziehungen zur Theologie doch etwas stutzig machte. Aber sonst geht er unentwegt auf sein Ziel los, die «religiösen Begriffe» für das System des reinsten Idealismus «in Anspruch zu nehmen», wie er sagt, unter mißfälligen Seitenblicken auf unsre allzu biblische Art des Denkens, die ihm wie ein seltsamer Rappel vorkommt. […]

Mit herzlichen Grüßen an euch Beide in großer Verbundenheit von Geist und Gemüt
Euer
Karl

Sachfußnoten

1
B. Weiß, Der Brief an die Römer (Krit.-exeget. Kommentar über das N. T., begr. v. H. A. W. Meyer), 6.-9. Aufl., Göttingen 1881-1899. 📖 ↩
2
F. Godet, Commentar zu dem Brief an die Römer, deutsch von E. R. und P. Wunderlich, 2 Bände, Hannover 1881/82. 📖 ↩
3
R. A. Lipsius, Hand-Commentar zum N. T. II, 2, Freiburg 1891. 📖 ↩
4
Verlag Friedrich Reinhardt in Basel.↩