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30. Juni 1917
Liebe Freunde!
Das sind nun allerdings ganz große und verhängnisschwere Dinge, die sich da bei euch ereignen, und ihr könnt euch denken, daß wir ihrer Entwicklung mit höchstem Anteil folgen. Als ich zuerst den Brief von […] [Außersihl] las, ahnte ich nicht, daß dir die Sache so nahe gehen werde. Ist das ganze neue Institut dort nicht etwas Unmögliches, eines von den vielen Kunststücken, |211 mit denen die Kirche hinter ihren versäumten Gelegenheiten herläuft, zum vornherein atavistisch belastet trotz seiner Neuheit, und zum vornherein der glatten Ablehnung derer, auf die es abgesehen ist, sicher? Eine veränderte Auflage deiner CVJM-Bemühungen [in Zürich]? Eine Falle für die bedauerlichen Inhaber schlimmer noch als das historische Pfarramt? Nun dir aber die Sache erwägenswert scheint, sieht sie doch auch mich ganz anders an. Sehr anders sogar als etwa neulich deine offene Tür in die [theologische] Prüfungskommission. Wenn du den Glauben hast, so ist es möglich, daß aus diesem verfehlten Kirchenmanöver etwas wird, etwas anderes als die Initianten meinen, etwas Besseres — daß du aus dir heraus den Geist ersetzest, aus dem das neue Institut nach deiner Schilderung offenbar nicht geboren ist — daß du in gänzlich verfehlter Stellung dem Spott und Hohn der Jungburschen über den neuen christlichen Schleichweg die Überlegenheit der größeren, umfassenden Sache erfolgreich entgegenwirfst. Ja, ich möchte sogar sagen, daß, wenn diese Unternehmung überhaupt einen Sinn haben soll, gerade du sie übernehmen mußt, wenn du den Beruf und den Glauben hast. Wenns einer von den neugebackenen Kandidaten macht oder einer von den im «Kirchenblatt» Angelockten, dann kommts sicher schief. Wenn du es machst (ἐκ πίστεως εἰς πίστιν [Rm 1,17]), so wird es dir schwerste Konflikte und Leiden eintragen, aber es geht dann etwas auf dem verlorenen Posten. Ich suche mir die Sache auch von deinem persönlichen Standpunkt aus zu denken. Du hast zweifellos einen besondern Ruf für das Wort an die Jungen, die Atmosphäre der Vereinsarbeit ist dir nicht von vornherein unsympathisch, du fühlst dich durch den engen Spielraum in deiner jetzigen Gemeinde stark beeinträchtigt (alles Punkte, die bei mir anders liegen), da könntest du dir durch die Annahme dieses Rufes die Türe öffnen lassen in jeder Beziehung. Kurzum ich könnte dir nicht abraten. Dem was in dir selber ja sagt, muß ich auch zustimmen. Wags, dem kindleinfressenden Moloch der Zürcher Kirche zum Trotz, den unsichern Kantonisten unter den Außersihler Pfarrern zum Trotz, dem angesägten Balken, auf den sie dich setzen wollen, zum Trotz |212 — es ist ja ganz klar, daß sich da allem zum Trotz Möglichkeiten auftun, und es kann sein, daß der Augenblick für dich gekommen ist, dich für die Hoffnungen, die uns bis jetzt im Stillen bewegt haben, auf dem Markt ins Zeug zu legen. Ich könnte es so nicht, aber ich würde mich über dich freuen und dich in aller Zuversicht von weitem begleiten.
Zwei Bedenken, die du in deinem Brief nicht nennst, möchte ich freilich nicht unterdrücken. 1. Darfst du schon von Leutwil weg? Wenn die Lage in unsern Gemeinden die wäre, wie du sie in deinen Worten zu meiner Wiederwahl beschreibst, darfst du dann — und es ist mir immer, es stehe bei euch drüben noch hoffnungsvoller als bei uns — den Pflug jetzt stehen lassen und einen andern annehmen?! 2. Und wir? Wäre nicht noch Einiges gemeinsam auszubrüten in den nächsten Jahren? Hast du deine seelsorgerliche Funktion speziell mir gegenüber schon beendigt? Was wird aus mir bei der Verwüstungszone, die ich um mich gelegt habe, wenn du weggehst? Denn darüber wollen wir uns nicht täuschen, daß Verschiedenes aus ist, wenn du einmal in den Wirbeln von Zürich-Außersihl verschwunden bist.
Das ist so das Sic et Non, das uns mit euch bewegt, und wir sehen nun gespannt eurem Entscheid entgegen.
Was ist das für dummes Zeug, was Ragaz da von den Pfarrerssöhnen gesagt hat?! Ist er wirklich bei solchen Erwägungen angelangt?!
Für morgen ist ein Spruch über Prädestination mit Blumhardtischem Endausblick entstanden. Und was treibst du? Bitte äußere dich auch ganz offen wegen der zu druckenden Predigten; es muß wirklich gegenseitiges Einverständnis dasein über die Auswahl. […]
Herzlich grüßend und teilnehmend
EureKarl und
Nelly samt Kindlein