27. Juni 1917

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Liebe Freunde,

Wir waren, obgleich wir nie an eine Wegwahl glauben konnten, doch gespannt auf euren Wahlsonntag. Und nun habt ihr eine wahrhaft ermutigende Antwort auf die durch dich, Karl, an die Gemeinde gestellten Fragen erhalten. Es wäre ja leicht gewesen, nein zu stimmen, wenn die Safenwiler wirklich rundweg nichts als Nein sagen wollten auf das, was von dir her an sie herankommt. Sie sind durch alle die Jahre hindurch doch auf dich eingegangen und wie eine zwar widerborstige Herde durch dich vorwärts geführt worden und mußten nun dazu stehen.

Unterdessen geschehen auf unsrer Seite allerlei nicht unwichtige Dinge: aus der Beilage erseht ihr, daß die Zürcher mich allen Ernstes als 7. Außersihler Pfarrer haben wollen. Ich bin hingefahren, um mir den Plan auseinandersetzen zu lassen, obgleich ich Unlust spürte, darauf einzugehen. Die Arbeit dort würde darin |210 bestehen, Gruppen und Bünde unter den konfirmierten Burschen und Mädchen zu gründen mit Diskussions- und Beschäftigungsabenden. Am Sonntag Abend wäre jeweilen eine Jugendpredigt zu halten, und es müßte ein Blatt gegründet werden, das zur Außersihler Jugend redet. Sprechstunden und Seelsorge für die Einzelnen müßten stattfinden. Und der ganze Vorstoß hätte in möglichst freier, von kirchlicher Bevormundung gelöster Weise und in sozialistischem Geiste zu geschehen. Es könnte aufs Ganze gesehen ein Zeichen einer sich ihrer großen Aufgaben wieder bewußt werdenden Gemeinde sein. Aber das Problem wäre, ob die Zusammenarbeit mit den Kollegen in guter Weise zustande käme. Daran zweifle ich. […]

Außer bei den Außersihler Kollegen war ich noch bei Ragaz und Kutter. Ragaz gestand mir, er habe bei allem, was von unsrer Seite komme, ein gewisses Mißtrauen zu überwinden, weil wir beide — Pfarrersöhne seien, bei denen naturgemäß alles Göttliche leicht wieder zu einer bloßen Theologie werde und überhaupt mehr übernommen als wirklich errungen sei. Die Jugendpfarrstelle in Außersihl findet Ragaz grundsätzlich völlig verfehlt wegen der kirchlichen Hintergründe und der nicht rein laienhaften Ausgangspunkte der ganzen Arbeit. Aufs Ganze gesehen ist die Frage eine solche der innern Berufung. Was werdet ihr davon denken? […]

Von Herzen grüßen wir euch.
Eduard und Marguerite