1. Juni 1917

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Liebe Freunde,

Es ist allerlei gegangen seit meinem letzten Sendschreiben an euch. Z. B. ist der Aarauer Konferenzbericht1 eingetroffen, und ich habe Schädelins vortreffliche Arbeit gelesen. Sie hat mir starken Eindruck gemacht. Jetzt liegt wieder ein Wort vor, auf das wir verweisen können, wenn man uns fragt, was wir eigentlich wollen. Mir ist an seiner Arbeit nebenbei auch das wichtig, daß man merkt, daß die historisch-kritischen Fragestellungen darin auch verarbeitet sind, aber eben verarbeitet, es ist nicht dieses ewige Darüberstolpern und damit Wichtigtun, sondern es ist wirklich die Sache, die wichtig wird, ohne daß Schädelin deswegen in ein biblizistisch-harmloses Reden verfiele, sondern es ist der «Schriftgelehrte zum Reiche Gottes gelehrt» [vgl. Mt 13,52], der da redet. Meine Konferenzpredigt2 ist daneben mehr nur ein zaghafter Stoß ins große Horn, ich tröste mich aber, daß sie mit Schädelins Block und Wurf sehr viel enger zusammenhängt als mit dem andern Inhalt des Berichtes. Ich habe meine Predigt auch an einige andere Schriftgelehrte und Propheten gesandt. Sie hat aber nicht viel Widerhall geweckt. […]

Ich habe gegenwärtig Mühe mit dem Predigen, lese aber Zündel, Hofacker- und Blumhardtpredigten und eine Geschichte der Reformation. Was sagst du zu Ragazens Predigt3 von den Men|206schen, die Gottes Mitarbeiter sein sollen, und zu seinem erneuten Brief über Wilson?4 […]

Als letztes hier noch drei Predigten von drei berühmten Stadtpfarrern ungefähr zur gleichen Zeit gehalten — ist es das nun? Wir wollen noch nicht Stadtpfarrer werden!

Mit herzlichem Gruß an euch alle
wir beide

Sachfußnoten

1
Die XXI. Christliche Studenten-Konferenz. Aarau 1917. Den 12. bis 14. März, Bern 1917. 📖 Darin S. 16–45: A. Schädelin, Verheißung und Erfüllung. 📖 ↩
2
E. Thurneysen, Gotteshilfe, ebd. S. 5–15. 📖 ↩
3
L. Ragaz, Was der Einzelne kann (Predigt über 1.Kor 3,9), in: Neue Wege, Jg. 11 (1917), S. 219–231. 📖 ↩
4
Warum Amerika Krieg führt (Brief eines ungenannten Deutsch-Amerikaners an L. Ragaz), ebd. S. 268ff. 📖 ↩