7. Mai 1917

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Liebe Freunde!

Herzlichen Dank, daß ich kommen darf! Ich werde morgen Dienstag Abend mit Freuden etwa um 7 Uhr das Brücklein überschreiten, mit ein paar Predigten im Sack, dagegen die Unterweisung daheimlassend, da sie zu viel ungelegte Eier enthält und vor dem Pleroma der deinigen doch nicht bestehen kann. Zur Fortsetzung des Römerbriefs 📖 rüste ich mich eben durch Aufsuchung von allerhand Anschauung, letzte Woche lauter Pietisten und ihre Feinde, jetzt bin ich an Steffens1 Religions(= Natur!) philosophie. Das ist ein schönes Buch, das mich stark an Kutter erinnert, unsern Idealisten allerdings ein Ärgernis und eine Torheit und darum begreiflicherweise verschollen. An die Laupener habe ich am Samstag ein großes Sendschreiben über gemeinsame Sachlichkeit und Einigkeit im Geist gerichtet unter kräftiger Abgrenzung gegen den «Christlichen Welt»-Geist und Kirchengeist. Gestern im |197 Blaukreuz Sprüche über die noch nicht gegrabenen «Brünnlein Gottes». Am Morgen Frühlingspredigt mit realistischer Ablehnung der pietistischen Hybris. […]

Herzlich grüßen euch
Nelly, die Kindlein und euer
Karl

Sachfußnoten

1
Henrik Steffens (1773–1845), Naturphilosoph, Freund Schellings, Professor in Halle und Berlin: Christliche Religionsphilosophie, 2 Bände, Breslau 1839. 📖↩