10. Mai 1917

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Was für einen befremdlichen Anblick botest du dar, als du deinen Rückweg antratest, um in 2 1/2 Stunden nach Safenwil zu gelangen. Wir hatten eine große Freude an unsrer Begegnung mit dir und Gelzer. Gelzer blieb noch bis Mittag und gab mir weitere Aufschlüsse über die Hintergründe der Sakramente, über die Taufgnade und die Adoration. Er bewunderte mein Kirchlein, weil es mit seinem Chor und der abseitigen Kanzel diese geistlichen Geheimnisse auch räumlich auspräge. Soeben habe ich eine unerfreuliche geistliche Handlung mit Widerstreben vollzogen: eine Ehe zusammengegeben, deren Zusammenhalt ich leider nicht traue. Da wäre Kirchenzucht nötiger als die pietistische Erforschung des Gefühles. Ich bin eben an einer Predigt über «Wer bittet, der nimmt» [Matth 7,8], und du gräbst «Gottes Brünnlein» [Ps 65,10] aus. Wir greifen beide zu stärksten Worten für nächsten Sonntag, hoffentlich bleiben wir nicht ohne alle Vollmacht. — Nichtwahr, du sendest mir die Genossenschaftsliteratur. Ich bin in starker Bedrängnis: am Donnerstag Himmelfahrt, am Sonntag zur Predigt hinzu noch den Vortrag über die Genossenschaftsfrage. Aber ich durfte nicht absagen, da mich diese Landwirte selber um solch ein Wort bitten. Was werden wir wohl an Himmelfahrt predigen? Da wäre der alte Hofacker in seinem Elemente gewesen mit starken Worten über Christi Krönung.

Wir grüßen herzlich.
Eduard und Marguerite