24. Januar 1917

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Wie seid ihr heimgekommen? Unser Kränzli war ein erfreuliches Zusammensein. An Pestalozzis Referat über Silvester Horne1 hat mich interessiert, was er am Pfarrersein hervorhob. Es war doch nicht zufällig, daß er die aktiven, auf Wirkung und Einfluß zielenden Züge stark unterstrich. Das ist doch Pestalozzis und aller ihm verwandten Naturen Meinung über den rechten Pfarrer: der Inhalt der Botschaft ist gleichsam bereit und gegeben, und nun brauchen wir einfach starke begeisterungsfähige Persönlichkeiten, welche die Botschaft erfolgreich vertreten. Unser Graben und Schürfen nach dem verschütteten Sinn der Botschaft ist auch für Rudolf Pestalozzi nur ein Stück weit verständlich. Freilich im Kern unsres Wollens verstehen wir uns vollständig. Wir alle suchen die neue Stadt Gottes, und da braucht es beiderlei Leute, solche die wie manche Religiössoziale aktiv-politisch vorgehen, um die Gesellschaft heute schon zu erneuern, und solche die gleich uns trachten nach den göttlichen Kräften, ohne die uns nichts gelingen kann. Schade war, daß wir uns nach Pestalozzis Referat nicht eingehender darüber aussprachen.

Gestern erlitt ich eine glatte Niederlage im Unterricht. So sehr fehlte es mir an innerer Überlegenheit, daß ich einem Schlingel sogar eine auswischte und darauf ohne Gesang und Schlußgebet die Stunde abbrach. Hast du auch schon Ähnliches erlebt?

Herzliche Grüße von
Eduard und Marguerite

Sachfußnoten

1
Silvester Horne (1872–1914), englischer Sozialreformer, den Rudolf Pestalozzi in London kennengelernt hatte.↩