25. Januar 1917

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Liebe Freunde!

Ist heute nicht euer Hochzeitstag? So senden wir euch unsre freudig gedenkenden Grüße und Wünsche zum zweiten Ehejahr.

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Ich sah das Ehezuchtbüchlein1 bei euch aufliegen, sicher nur zur Verzierung?! Das ist doch das Gefreute, daß wir auf Grund unsrer Voraussetzungen ohne Spezial-Ethik und Individualitätssensatiönchen auch auf diesem Gebiet offene Wege wenigstens ahnen und unterdessen Tag für Tag, Jahr um Jahr einander liebhaben dürfen, ihr dort und wir hier, und so Solls weitergehen.

Dein heutiger Brief tönt betrübt und wie aus Stimmungen, die ich auch kenne. Auch meine Unterweisungen sind gegenwärtig nicht auf der Höhe, und was die Ohrfeige betrifft, so kann ich dir zum Tröste sagen, daß ich an einem Adventssonntag in der Kirche auch eine habe fliegen lassen zu einem verlorenen Sohn. Sicher hat auch das in unsrer Sphäre einen andern Sinn, als wenn J. F. M. [Schulinspektor] es tut. […] Ich predige am nächsten und vermutlich auch übernächsten Sonntag.2 Wenn du den folgenden übernehmen und uns bei diesem charitativen Anlaß ein gemütliches Besüchlein machen würdest, so zu einem freundlichen kleinen Gemunkel über dies und das?! […]

Was du über Pestalozzis schreibst, so hatte ich diesmal, wo wir sie ruhig kennen lernen konnten, den Eindruck, daß ihnen an dem, was wir speziell suchen, eigentlich nur das Intellektualistische fremdartig oder unwesentlich erscheint. Wir sollten darüber einmal reden. Was verstehen wir unter dem «Sinn der Botschaft»? Eine neue Formulierung, einen Durchbruch zu letzten Thesen und Gleichungen, wie ihn Kutter jetzt wieder vollzogen hat? Selbstverständlich meinen wir mehr, aber es ist vielleicht gerade für so praktische Leute wie Pestalozzis nicht immer erkennbar, daß wir mehr meinen.

Nelly ruft zum Essen, nachher muß die Post weg. Ich begrüße euch innigst. […] Mit freudigem Zuruf!
Karl, Nelly, Fränzeli, Markus

Sachfußnoten

1
H. Oeser, Ehzuchtbüchlein, Heilbronn 1913. 📖 ↩
2
Vertretung eines erkrankten Nachbarpfarrers.↩