20. September 1916

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Liebe Freunde!

So sind wir denn nun alle in unserm Otium cum dignitate angelangt und freuen uns gelassen am Ablauf der Zeit, an der Natur, an den Menschen und an unsern eigenen pendelnden Gedänklein, |154 ohne allen Zwang, kleine und große Sprüche über den lieben Gott tun zu müssen. Es ist ein rechtes Fest, und wir hoffen herzlich, ihr könnt es so freudig genießen wie wir. Für uns wars hohe Zeit, daß die Ferien kamen, speziell für mich diesmal; ich wäre 8 Tage vor Bettag beinahe noch zusammengeklappt, aber nur beinahe, es blieb bei einer Fiebernacht, nach der ich aber doch wieder predigen konnte, weil es eben sein mußte. […] Dann kam der Bettag, auf den ich mich als solchen in den zwei Predigtenα, die ich zu halten hatte, sozusagen gar nicht einließ; sondern ich variierte im Anschluß an Jes. 6,1ff. und 1.Sam. 3,1ff. das Thema vom «rechten Wort», das jetzt nicht zu haben ist für die großen Fragen, die uns bewegen. Nelly war diesmal erfreut und fand die Predigten «beflügelt», aber was alle die Bettagschristen gedacht haben mögen, ist eine andere Frage. Und dann stiegen wir alle ins Züglein […] und kamen zuletzt in einem Automobil durch «Babel» rasend, glücklich hier oben an, wo nun ein beschauliches «Warten» im schönsten Sinn, für mich z. B. bei den dicken Cigarren meines Schwagers, angefangen hat. Vorgestern und gestern war ich mit Nelly auf dem stolzen Ritterschloß Altenklingen im Thurgau zur Hochzeit Karls des Kühnen [Dr. Karl Guggenheim]. Schlaf in einer mittelalterlichen Kemenate, Gespräche unter Helmen und Hellebarden, Trauung in einer Schloßkapelle mit Ahnengrüften, große Mahlzeit […] in einer Art Krönungssaal mit unheimlichen Bildern von Vorfahren und ebenso unheimlichen vaterländischen Emblemen, Guggenheim und seine Frau unter einem Triumphbogen, wir zwei als Ehrenpersonen ihnen gegenüber in hohen Stühlen — ja, was noch alles und mitten drin dann, in einem bunten Kreis von bessern St. Galler Herren, Zofingern1 und Offizieren ich mit meinem Spruch vom Schatz im Acker [Mt 13,44], […] den ich doch ganz gern und freudig tat. So sind wir nun um eine merkwürdige festliche Erinnerung reicher geworden. Doch wird es nun vorläufig mit solchen Juristen-Trauungen genug sein. […]

Schild hat mir einige Détails von deinem Kampf mit dem Drachen [Pastoralkonferenz] in Kulm beschrieben, und ich hatte den Eindruck, du habest doch keineswegs vergebens deine Sache |155 gesagt. Daß die «elende Pfaffenwirtschaft» zunächst immer mit blöden Repliken reagieren muß, ist ja eine bekannte Sache, läßt aber noch keinen Schluß zu über den tatsächlichen Erfolg oder Mißerfolg. Und besonders erfreulich war doch offenbar die Attacke Epprechts. Diese Treibmine haben wir nicht umsonst geladen und aufgesetzt.

Ich bekam für die erste Hälfte des Blumhardt-Artikels bereits huldvolle Schreiben von Richard Preiswerk […] und von dem aufgeregten Sozialdemokraten Mattmüller in Buchs. Heute gehen wir nun zu Ragaz und werden uns verantworten müssen wegen dieser Publikation.

[…]

Meldet euch bei Zeiten wegen eurem Hieherkommen, wir haben allerlei vor. Tagsüber lege ich ruhig die Schrift aus, Abends aber leben wir in Saus und Braus, gestern Abend z. B. in der «Entführung aus dem Serail 📖»! […]

Und nun empfangt tausend herzliche Grüße von
euren getrosten und getreuen
N. und K.

Sachfußnoten

1
Altmitglieder der Studentenverbindung Zofingia.↩