5. September 1916

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Liebe Freunde!

Es wird nun allerhöchste Zeit, daß wir euch ein wenig ungestört lassen auf eurem Berg; es ist mir nachgerade, wir stecken die halbe Zeit dort oben und werden immer heimeliger bei euch, und jedesmal denken wir nachher, wir sollten euch nicht so überlaufen. Aber ihr seht nur, was ihr für eine Anziehungskraft habt auf uns, und jedenfalls war das Zusammensein gestern fein, und ich möchte dir nochmals danken für den guten Spruch an meine Pilger; ich glaube, er hat ihnen sehr Eindruck gemacht, und wahrscheinlich werde ich sie dir ein anderes Jahr wieder zur Segnung vorführen. Das ganze Unternehmen war überhaupt gelungen und war mir für die Kinder in allen Hinsichten wertvoll: der Zug durch den Regen unter Gesang als Demonstration gegen den Teufel, die |153 vielen 1000 Schrittlein, die zu machen waren als «Willenskultur» à la Foerster,1 der glänzende Heimmarsch im Sonnenschein als Vorbild himmlischer Siege — dazwischen dann eben deine milde Erscheinung als «Vater Thurneysen» — ich glaube es ist ein befriedigendes Ganzes, und jedenfalls waren alle […] sehr vergnügt und es gab keine einzige Szene!

Heimgekehrt fand ich meinen Schlag gegen den Bundesrat2 gedruckt vor und bereits das Zustimmungsschreiben eines «Laien», Rechtsanwalt in Zürich. Auf diesem Feld könnten wir überhaupt Lorbeeren einheimsen.

Was machst du am Bettag? Ich habe mich noch gar nicht orientiert, und da ich nun deine […] Worte in Kulm nicht hören werde, entgeht mir wahrscheinlich das Entscheidende. Nach Bettag kommt dann für mich noch Guggenheims Hochzeit3 mit all den Zofinger- und Offiziersgesichtern — ein höchst gewagtes Unternehmen!

Vale! Ich kehre zu meinen frommen Büchern zurück. Könntest du nicht zu gemeinsamem Nutzen die Bergpredigt verarbeiten? […] Hoffentlich sehen wir uns dann alle in Zürich in der pneumatischen Woche nach Bettag.

Eure getreuen und über und mit euch erfreuten
N. und K.

Sachfußnoten

1
Friedrich Wilhelm Foerster (1869–1966), Philosoph und Pädagoge.↩
2
K. Barth, Der schweizerische Bundesrat und die Glücksspielunternehmer, in: Der freie Schweizer Arbeiter. Wochenblatt für Sozialgesinnte aller Stände, Jg. 9, Nr. 47 (1.9.1916). 📖 ↩
3
Karl und Nelly Guggenheim-Zollikofer wurden am 19.9.1916 von K. Barth getraut. Vgl. den Brief vom 20.9.1916.↩