10. Juni 1916

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Liebe Freunde!

Getragen von eurer Geisteswelle, konnte ich meinen Pfingstspruch schon gestern Nachmittag fertig aussinnen, und nun möchte ich euch sagen, wie innig ich euch danke, daß ich so bei euch sein durfte, und wie wohl es mir bei euch war. Ich habe diese Tage wie eine große Freude und Erquickung in Erinnerung und bin mit fast geheiltem Zahn und neuem Mut und heilsamen Vorsätzen zu Weib und Kind und Safenwilern zurückgekehrt. Es war einfach lieb von euch, daß ihr mich so gepflegt und genährt (Äpfelküchlein) habt. Der Zweck hätte nicht besser erreicht werden können. Dir, Eduard, habe ich noch besonders zu danken für die verschiedenen «amtlichen» Sprüche, denen ich als Zuhörer assistierte und die mir viel geboten haben; ich stellte mich gerne unters «Wort» und würde dir als Laie jedenfalls fleißigst in die Kirche kommen. Gefehlt hat eigentlich nur eins, nämlich daß es zu keinem Kontakt mit Marguerites Musik kam. Warum nicht? Haben wir zu ununterbrochen geredet und damit die guten Geister des Schönen verscheucht? Oder hat meinerseits Nelly gefehlt, um mir die rechte Willigkeit auch zu diesem Hören zu suggerieren? Kurz, das muß ein andermal anders werden.

Ich bin ausgezeichnet heimgekommen trotz eines kleinen Irrgangs zwischen Leutwil und Kulm. Bereits um 9 Uhr konnte ich meine Familie in die Arme schließen! Ich habe noch allerlei vom alten Blumhardt über den hl. Geist gelesen in deinem Buch und mich dann stracks an die Predigt gemacht: «Nehmet hin …» (Joh. 20,22). Die Jünger Jesu, die hinnahmen und in eine neue Natur versetzt wurden — wir, die wir uns mit bloßem Christentum begnügen und doch nach der neuen Natur Sehnsucht haben, — Jesus, der mit seiner Gabe vor uns wie vor jenen steht, — wenn alle diese Kontraste verschwinden, kommt das neue (fortgesetzte) Pfingsten. So etwa. Die artilleristische Charakteristik meiner Methode dürfte in Stärke und besonders in Schwachheit wieder sehr zutreffen. Die unheimlichen 30,5 und 42 cm Geschütze, mit denen |142 du arbeitest, stehen mir wirklich nicht zu Gebote, das kam mir auch gestern in der Unterweisung beim Vergleich deutlich vor Augen. Es wird auch bei der Konferenz so sein: die eigentlich unheimlich tiefen und entscheidenden Wahrheiten mußt du dann aussprechen.

Die Andachten1 des «jungen» Blumhardt sind doch ein schönes und wichtiges Buch. Er wird mir sehr lebendig und ich lese mit sich mehrender Aufmerksamkeit darin herum. Und nun steht noch Kutters Keulenschlag2 bevor!! Es ist mir, ich höre schon die Scheiben klirren und die Ziegel von den Dächern fallen und die Kamine umstürzen.

[…] Gestern Abend hatten wir Kirchenpflegssitzung. Sie brachte mir ein ganzes Bouquet von wichtigen und unwichtigen Wünschen: ich solle mehr Hausbesuche machen, die Konfirmanden sollten zum Predigtbesuch angehalten werden, die Frau Pfarrer solle doch den Pfarrstuhl in der Kirche wieder benützen!! Ich meinerseits konnte es erreichen, daß ich nun endlich vom Oktober an drei Stunden Unterweisung statt zwei geben kann.

Lebt wohl und seid herzlichst begrüßt und bedankt von
eurem
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Chr. Blumhardt, Haus-Andachten nach Losungen und Lehrtexten der Brüdergemeine, Stuttgart/Basel o. J. (1916) 📖. Darüber K. Barths Rezension: Auf das Reich Gottes warten, zuerst in: Der freie Schweizer Arbeiter, 15. und 22.9. 1916 📖, wieder abgedruckt in der 2. Aufl. von Barth/Thurneysen, Suchet Gott, so werdet ihr leben, München 1928, S. 175–191. 📖 ↩
2
Reden an die deutsche Nation 📖.↩