11. Juni 1916

Predigt: Johannes 20,22 (Pfingsten)

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Pfingsten
Johannes 20,22
Nehmet hin den heiligen Geist!
Liebe Gemeinde!

Der heilige Geist war die Gabe Jesu an seine Jünger. Und die merkwürdige Geschichte von der Ausgießung des heiligen Geistes am Pfingstfest in Jerusalem ist nichts Anderes als die Beschreibung, wie ihnen diese Gabe ausgerichtet und ausgeteilt wurde und wie sie sie in Empfang nahmen. Es ist ganz in der Ordnung, wenn uns dieses Ereignis merkwürdig, seltsam, außerordentlich erscheint. Was dort geschehen ist, ist in der Tat das Außerordentlichste, was gewöhnlichen Menschen je geschehen ist. Alles, was die Menschen vorher Großes erlebt haben, waren Vorahnungen und Vorbereitungen auf dieses Ereignis. Und Alles, was nachher und bis auf unsere Tage auf der Erde geschehen ist an wirklich außerordentlichen Dingen, das waren Nachklänge von jenem Ereignis oder vielmehr Andeutungen und Verheißungen, daß das, was dort geschehen ist, wohl ein Anfang war, aber noch nicht die Erfüllung, daß es weitergehen und sich vollenden will mit dem, was dort angehoben hat. Wir wollen uns nun nicht verwundern und aufhalten etwa über das Brausen vom Himmel, das das ganze Haus erfüllte, in dem sie saßen, über die Feuerzungen, die über ihnen erschienen und sich auf sie setzten, über ihr Reden in einer Sprache, die die Fremden aus aller Herren Länder gleich verstanden [Act. 2,2–8]. Wenn wir an das ganze Wunder jenes Tages und jener ganzen Zeit denken, daß da gewöhnliche Menschen den heiligen Geist hinnehmen durften und hingenommen haben, dann müssen uns daneben die kleinen äußeren Wunder fast natürlich und selbstverständlich vor|219kommen. Warum soll sich nicht auch die Natur mit ihren Kräften merkwürdig bewegt haben, wo in den Menschen die neue, göttliche Natur [vgl. 2.Petr. 1,4] sich auf einmal so merkwürdig bewegte?

Das war’s eben, das Ereignis des Pfingstfestes, daß die neue, göttliche Natur sich in den Jüngern bewegte und zum Vorschein kam. Sie kam von Jesus her zu ihnen, zu ganz gewöhnlichen Menschen wie wir.

Wenn wir an Jesus denken, liebe Freunde, so stellen wir ihn immer unwillkürlich abseits, fern von uns Anderen mit seiner neuen Natur. Das begreifen wir noch bald an ihm, wenn wir ihn nur ein wenig kennen, daß in ihm wirklich etwas Neues, Anderes war. Es muß uns z. B. an ihm auffallen, wie sein Leben im Unterschied zum unsrigen in eine ganz bestimmte Richtung ging, von einem beständigen, höheren Willen geleitet war. Wir sehen an ihm, wie er es wagt, in Allem gleichsam von oben her, ganz und gar nicht aus unserem zwiespältigen, zweifelhaften Menschenwesen heraus zu denken und zu reden. Und doch ist er so ganz und gar kein Frommer, Gerechter und Tugendhafter, der über den Anderen steht, sondern neben ihnen steht er, auch neben den Geringsten und Verdorbensten, als ihr Freund und Bruder, nicht um sie zu belehren, sondern um hervorzuziehen und offenbar zu machen, was in ihnen allen verborgen ist, indem er sie lieb hat. Wir sehen ihn im unerhörtesten Krieg gegen die geltenden Weltordnungen des Mammons und des Hochmuts und des Gewaltwesens; aber er führt diesen Krieg nicht, indem er die gottlose Welt verdammt und von sich stößt und bekämpft, sondern indem er sie erträgt und trägt mit allen ihren Sünden und nur immer hinsieht und hinschafft auf das, was noch einmal aus ihr werden soll. Wir sehen ein Licht in ihm, und durch dieses Licht bekommt für ihn das Leben der Menschen und dies ganze Wesen zwischen Himmel und Erde, alles Schreckliche und Traurige inbegriffen, einen anderen Sinn als für uns, einen trotz Allem fröhlichen, hellen, hoffnungsvollen Sinn. Wir sehen aber vor Allem Kräfte von ihm ausgehen, Gewissenskräfte, Liebeskräfte, Gesundheitskräfte, Lebenskräfte, an denen wir merken, daß das Neue in ihm nicht etwa nur ein neuer Glaube, eine neue Religion war, sondern wahrhaftig der Anfang einer neuen Welt und Natur. Wir können es mit ihm halten, wie wir wollen: wir können mehr an seine Worte über Gott und sein Reich denken oder mehr an seine Gebote, die das neue Leben beschreiben, an seine Wundertaten oder an das Geheimnis seiner Person oder an sein Leiden und Sterben, wir bekommen immer wieder |220 stark den Eindruck, daß hier etwas Neues, Anderes in das alte, gewöhnliche Wesen gleichsam hereingebrochen ist, und zwar etwas Befreiendes, Hilfreiches, Erlösendes in das traurige, verworrene, verkehrte Wesen von vorher. Oder wenn wir jetzt das Wort «Gott» brauchen wollen: wir merken bei Jesus, daß Gott die Welt und uns damit nicht will fahren lassen, daß er seine Gedanken und Absichten hat mit uns und Allem, was ist, und daß er am Werk ist auszuführen, was er sich vorgenommen hat. So steht Jesus vor uns irgendwie sicher für uns alle, wenn wir es uns auch sehr verschieden denken und ausdrücken mögen.|

Aber Jesus steht allein vor uns, abseits von uns allen, von uns gewöhnlichen Leuten, auf einer Insel gleichsam. Wir denken: ja, das war eben er! So konnte er denken und handeln! So konnte er Gottes Sohn und Gottes Werkzeug sein! Vielleicht fügen wir dann hinzu: und wir sollten ihm nun nacheifern, so gut wir’s können! Oder wir sagen: wir müssen ihn lieb haben, verehren, vielleicht sogar zu ihm beten! Oder wir fassen das alles zusammen und sagen: wir müssen und wollen an den Heiland glauben! Seht, so ist die christliche Religion, das Christentum entstanden. Es gibt sehr viel eifriges, inniges, ernstes Christentum in der Welt, aber was man so Christentum heißt, das bedeutet tatsächlich immer: Jesus dort, wir hier. Jesus auf der Insel, wir um ihn herum. Von ferne sei herzlich gegrüßet!2 Überlegt euch selber, wieviel oder wie wenig wir daran eigentlich haben, wieviel oder wie wenig Hilfe, Trost und Befreiung von unserem Christentum ausgeht auf unser Leben, wieviel oder wie wenig Macht unser Christentum in der tatsächlichen Welt hat. Es mag sehr wohl sein, daß wir uns dann die Antwort geben müssen: nun, es ist doch immer noch etwas recht Gutes und Großes um das Christentum mit seinen sogenannten religiösen Wahrheiten und Bestrebungen, wie es von allen Kirchen und Gemeinschaften und von den allermeisten Pfarrern und frommen Leuten gepflegt und aufrechterhalten wird, jedenfalls wissen und haben wir nichts Besseres. Ja, das wird wohl so sein.

Aber wenn wir heute Pfingsten feiern, dann wollen wir es uns wieder einmal gesagt sein lassen, daß es einmal Menschen gegeben hat, die etwas Besseres kannten und hatten als Christentum, und daß es wieder solche Menschen geben könnte und daß wir solche Menschen sein könnten. Zwischen den Aposteln und dem Heiland war eine wirkliche Gemein|221schaft. Das Neue und Andere an ihm, das wir ja auch sehen, stand ihnen nicht nur so gegenüber, sondern es kam von ihm her zu ihnen. Gottes Gedanken, Gottes Wille, sogar Gottes Macht blieben nicht bei Jesus allein, sondern was ihn bewegte, das fing an, auch sie zu bewegen, was man ihm anspürte, das fing man an, auch ihnen anzuspüren. Es fing für sie nicht eine neue Religion an, sondern ein neues Leben, wie sie es vorher kaum geahnt hatten, daß es möglich sei. Auch wir können es ja kaum ahnen, wenn wir die Pfingstgeschichte und überhaupt die Geschichten aus dieser Anfangszeit lesen und hören, was das für ein verwandeltes, verherrlichtes Leben war, in dem diese Menschen drin standen. Wir merken etwas von einer siegreichen, leuchtenden Freudigkeit, mit der diese kleine Schar wie auf Adlersflügeln sich erhob über die Gehässigkeit und Feindschaft der Juden. Wir merken, wie sie alle hingerissen wurden von einer großen gemeinsamen Aufgabe, so daß gar keiner von ihnen sich mehr nutzlos und unbedeutend vorkommen konnte. Wir merken, daß sie Kräfte hatten, die Leiden des Körpers und der Seele der Menschen zu bekämpfen und zu besiegen. Wir merken etwas von einer übermächtigen Liebe in ihnen, die sie bewegte, allen Bedenken und Interessen zum Trotz alle Güter gemeinsam zu halten [vgl. Act. 2,44; 4,32]. Wir merken, daß sie sich vor Gott stellten und daß Gott mit ihnen sein konnte. Denkt euch, das alles und noch viel mehr nicht nur bei Jesus, bei dem wir’s gewohnt sind, sondern im Leben einer Schar ganz gewöhnlicher Leute wie wir; das können wir uns kaum vorstellen, aber nicht wahr, das verstehen wir schon: das war etwas Größeres, Besseres als unser Christentum. Es war eben ein anderer Grund, ein anderes Wesen, eine andere Natur, eine andere Welt, die da zum Vorschein kam, und gewöhnliche Menschen wie wir konnten darauf und darin leben, fanden darin ihre Heimat und ihre Ruhe3, atmeten auf, wie wir es im Wald und auf den Bergen tun, freuten sich, wie wir uns als Kinder beim Spielen freuten, waren geborgen und sicher wie wir, wenn wir von einer langen Wanderung nach Hause oder zu guten Freunden gekommen sind, hatten eine Zuversicht und Lust auf die Zukunft wie wir, wenn morgen Sonntag ist, hatten eine Tatkraft und Energie in sich wie wir, wenn wir am Morgen gut ausgeruht an eine nötige und wichtige Arbeit gehen können. Denkt euch alles das, was uns von Zeit zu Zeit freut, ermutigt, |222 tröstet, hilft, zur bleibenden Natur geworden! Denkt euch die Wahrheit, die wir so gerne sagen, die Liebe, die wir so gerne spenden, die Gerechtigkeit und den Frieden, die wir so gerne aufrichten möchten auf der Erde, damit es etwas heller und freundlicher werde in unserem Leben, denkt euch das alles als eine wirksame Macht, die hervorbricht und das Leben wirklich heller und freundlicher gestaltet! Denkt euch Gott, liebe Freunde, an den wir glauben und zu dem wir beten und von dem wir Hilfe erwarten für die Welt, ganz nahe und gegenwärtig und an der Arbeit, so daß wir ihm gleichsam auf die Hände sehen könnten. Dann habt ihr wenigstens eine Ahnung von dem, was die Jünger Jesu kannten und hatten in der Pfingstzeit. Das war die Gabe ihres Meisters und Heilandes an sie. Nehmet hin den heiligen Geist!, hatte er zu ihnen gesagt, als er von ihnen ging, und sie nahmen ihn hin und hatten ihn. Und daran erinnert uns der heutige Tag, daß Jesus nicht auf der Insel steht, daß es Menschen gegeben hat, Menschen wie wir, in denen der heilige Geist fortlebte und weiterschaffte, der in ihm war, Menschen, die sich von ihm mit der höchsten Gabe Gottes, einer neuen Natur, beschenken ließen.

Ja, und nun stehen wir vor diesem Ereignis wie vor einem hohen Berg, nicht wahr, und je deutlicher wir zu ahnen vermögen, was jene Menschen hatten, umso dringender wird uns die Frage, wieso wir es wohl nicht mehr oder noch nicht haben. Denn darüber können wir uns ja wohl keinen Einbildungen hingeben: wir haben es nicht, wir sind nicht so dran, wir stehen zueinander und zum Leben und auch zu Gott nicht wie sie. Wir sehen zwar wohl, daß es Zeiten gegeben hat, in denen sich das Gleiche wieder in der Menschheit regte wie damals, daß es da und dort Kreise von Menschen gegeben hat, in denen der heilige Geist gleichsam wieder aufflammte, in denen es statt des gewöhnlichen Christentums zu einer wirklichen und lebendigen Gemeinschaft mit Jesus kam, von denen eine Erneuerung, eine Hilfe, ein wirklicher Segen, ich möchte sagen eine Revolution ausging, in denen die neue, göttliche Natur sich wieder bewegte wie in Petrus und Johannes und ihren Freunden. Das hat es gegeben, aber wir, wir leben nicht in einer solchen Zeit, und wir sind kein solcher Kreis. Oder merkt ihr etwa unter uns etwas von jener Freudigkeit, jenem Zielbewußtsein, jener Liebe, jenen Kräften, etwas von jener Gottesnähe? Wir haben im besten Fall ein wenig Christentum.

Wißt ihr, warum wir nicht mehr haben? Liebe Freunde, darum, weil wir |223 nicht mehr haben wollen. Wir dürfen nicht meinen, Gott spiele gleichsam mit den Menschen, segne und erfreue sie jetzt und ziehe sich im nächsten Augenblick wieder von ihnen zurück. Unser Textwort: nehmet hin den heiligen Geist! ist kein einmaliges Angebot, das etwa jetzt zurückgezogen wäre, sondern es steht in voller Geltung und Kraft. Und wenn wir heute Pfingsten feiern, so könnte das mehr sein, als daß wir ein Wunder, das vor 1900 Jahren in Jerusalem geschehen ist, andächtig und wehmütig anstaunen. Die Ausgießung des heiligen Geistes, die dort begonnen hat, könnte sich fortsetzen, ja sie könnte sich verstärken, vertiefen, erweitern. Es ist ja Alles auch für uns geschehen, was geschehen mußte von der Seite Gottes aus. Christus steht vor uns als der Anfänger der neuen Natur, wie er vor jenen Jüngern stand. Gottes Hand ist hilfreich nach uns ausgestreckt so gut wie nach ihnen [vgl. Act. 4,30]. Und wir sind unter den geladenen Gästen zum großen Abendmahl, denen es gesagt ist: Kommt, denn es ist Alles bereit! [Lk. 14,17]4. Aber wenn wir’s nun wirklich haben möchten, dann müßten wir’s ganz anders nehmen wollen. Die Liebe und Bereitwilligkeit Gottes gegen das Menschengeschlecht ist nicht kleiner geworden, im Gegenteil; aber das unterscheidet uns von den Jüngern der Pfingstzeit, daß wir so lässig und träge sind, das hinzunehmen, was uns angeboten wird. Sie haben gesucht, gebetet, angeklopft, darum konnten sie beschenkt werden [vgl. Mt. 7,7 par.]. Wir merken es kaum, daß uns etwas fehlt, darum kriegen wir auch nichts oder ganz wenig. Ja seht, wenn uns unser Christentum eben genügt, dieses Christentum ohne Freudigkeit, ohne Liebe, ohne Kräfte und Wunder, ohne Siegesmacht, wenn wir zufrieden sein wollen mit dieser unserer Armut, dann kann uns Gott selber nicht helfen, dann ist der heilige Geist nichts für uns, dann feiern wir heute wieder einmal ein bloßes Erinnerungsfest an etwas, was uns nichts angeht.

Nehmet hin den heiligen Geist! O liebe Freunde, wir sind vielleicht manchmal schon ganz nahe gewesen, hindurchzudringen zu dem rechten, willigen Hinnehmen, das Gott von unserer Seite erwartet. Wir möchten so Manches gerne hinnehmen aus Gottes Hand, schönes Wetter z. B. zur Heuernte, höhere Löhne und niedere Preise, um sorgenfreier leben zu können, Gesundheit in kranken Tagen, den Frieden für unser armes Europa. Seht, wenn uns ein solcher Wunsch auf dem Herzen brennt, |224 wenn wir so in einer rechten Not zu Gott rufen: o warum hilfst du nicht? warum kommst du nicht und machst unserem Jammer ein Ende?, dann sind wir eigentlich immer einer neuen Ausgießung des heiligen Geistes ganz nahe. Denn dann fühlen wir wohl, daß unser bisheriges Beten, Glauben, Predigtenhören uns eigentlich nicht genügt, weil das alles ja im Grunde doch nichts ändert an der Welt und uns nicht hilft. Der Heiland, der so allein in der Ferne steht, und der Gott, der hoch über den Sternen thront, sie verleiden uns dann5. Wir möchten das alles von uns stoßen vor Weh und Überdruß. Wir möchten eine andere Natur haben, ein neues Leben, und nicht nur Christentum. Da schreit etwas in uns: wenn Gott Gott ist, so müssen wir mehr von ihm haben als Worte und Glauben und Andacht – Kraft, Hilfe, Befreiung, Liebe muß von ihm zu uns kommen. O wie nahe sind wir der Gabe Gottes, wenn wir erst einmal wieder hungernd und dürstend nach etwas Wirklichem, Lebendigem verlangen!

Nehmet hin den heiligen Geist! Liebe Freunde, ist das nicht seltsam, daß die höchste Gabe Gottes eigentlich für uns Menschen bereit ist, daß der heutige Tag uns wieder erinnern muß, daß es Menschen gab, die sie hatten, daß es Menschen gab, die nicht umsonst nach Freude, Gesundheit, brüderlicher Hilfe rufen und seufzen mußten, Menschen, die sicher nicht einmal umsonst nach schönem Wetter seufzen mußten? Und wir, wir stehen da auf der anderen Seite, bald satt und genügsam und zufrieden mit einem kalten, fernen, abwesenden Gott, bald jammernd und entsetzt über seine Abwesenheit, bald hochmütig und sicher, als bedürften wir keiner Hilfe, bald tödlich erschreckt darüber, daß wir wirklich keine Hilfe haben. Und doch steht Jesus vor uns wie vor jenen Menschen und bietet uns an: Nehmet hin den heiligen Geist, den heiligen Geist, der die neue, heilige Natur bringt, der dem Krieg und der Teuerung und allem Jammer ein Ende macht, der Himmel und Erde bewegt, wenn es sein muß, für Gottes Kinder, wenn wir ihn eben haben, wenn wir Gottes Kinder sein wollen. Ist das nicht seltsam, frage ich noch einmal: dort das Pfingstereignis, mit dem die Erlösung der Menschen tatsächlich anfing, hier wir, die solche Erlösung so bitter nötig haben und im Grunde ersehnen, und vor uns der Heiland, der es uns ausdrücklich sagt: auch unter euch könnte es zu dem Ereignis kommen, daß ihr erlöste Menschen in |225 einer erlösten Welt würdet! Ist das nicht seltsam, das alles? Aber nicht wahr, es ist uns eben noch nicht seltsam genug geworden. Wir ertragen es immer noch, das alles so nebeneinander zu sehen, statt daß es alles – das angefangene Werk Gottes und unsere Not und das Angebot des Heilandes – zusammenschmilzt in ein dankbares, freudiges Ja unseres Herzens. Und solange wir das ertragen können, solange muß Gott warten damit, seine Verheißungen an uns wahr zu machen.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 147 «O heiliger Geist, o heiliger Gott» von A. E. Fröhlich (1844), Strophen 1-3 (GERS [1952] 186, 2 Strophen, die dritte von 1891 fehlt, steht aber im Aarauer Gesangbuch von 1844) 🎵
  • Nr. 151 «O Gott, o Geist, o Licht des Lebens» von G. Tersteegen, Strophen 1-3 (GERS [1952] 188,1-3) 🎵

Sachfußnoten

1
Am Samstag, 10. Juni, schrieb Barth an Thurneysen und dessen Frau: «Getragen von eurer Geisteswelle, konnte ich meinen Pfingstspruch schon gestern Nachmittag fertig aussinnen, und nun möchte ich euch sagen, wie innig ich euch danke, daß ich so bei euch sein durfte …» (Bw.Th. I, S. 141 📖). Mehrere Tage war Barth zur Erholung von seiner Erkrankung (vgl. oben S. 202, Anm. 1) bei den Freunden in Leutwil gewesen. In diesen Besuch fällt der Spaziergang, auf dem Barth und Thurneysen beschlossen, sich «hinter umwälzende theologische Studien zu machen» (a.a.O., S. 144f.).↩
2
Anfang des Liedes «Das Grütli« (= Rütli) von J. Krauer, in: Schweizer-Lieder-Album. 36 beliebte Volks- und National-Lieder, Leipzig / Zürich o. J., S. 14 📖 🎵.↩
3
Anspielung auf das Lied von Fr. L. Jörgens (1791–ca. 1840): «Wo findet die Seele die Heimat, die Ruh?» (Reichs-Lieder 587) 🎵.↩
4
Im Pfingstgottesdienst wurde das Abendmahl gefeiert.↩
5
= wir werden ihrer überdrüssig.↩