Predigt: Johannes 20,22 (Pfingsten)
Der heilige Geist war die Gabe Jesu an seine Jünger. Und die merkwürdige Geschichte von der Ausgießung des heiligen Geistes am Pfingstfest in
Das war’s eben, das Ereignis des Pfingstfestes, daß die neue, göttliche Natur sich in den Jüngern bewegte und zum Vorschein kam. Sie kam von Jesus her zu ihnen, zu ganz gewöhnlichen Menschen wie wir.
Wenn wir an Jesus denken, liebe Freunde, so stellen wir ihn immer unwillkürlich abseits, fern von uns Anderen mit seiner neuen Natur. Das begreifen wir noch bald an ihm, wenn wir ihn nur ein wenig kennen, daß in ihm wirklich etwas Neues, Anderes war. Es muß uns z. B. an ihm auffallen, wie sein Leben im Unterschied zum unsrigen in eine ganz bestimmte Richtung ging, von einem beständigen, höheren Willen geleitet war. Wir sehen an ihm, wie er es wagt, in Allem gleichsam von oben her, ganz und gar nicht aus unserem zwiespältigen, zweifelhaften Menschenwesen heraus zu denken und zu reden. Und doch ist er so ganz und gar kein Frommer, Gerechter und Tugendhafter, der über den Anderen steht, sondern neben ihnen steht er, auch neben den Geringsten und Verdorbensten, als ihr Freund und Bruder, nicht um sie zu belehren, sondern um hervorzuziehen und offenbar zu machen, was in ihnen allen verborgen ist, indem er sie lieb hat. Wir sehen ihn im unerhörtesten Krieg gegen die geltenden Weltordnungen des Mammons und des Hochmuts und des Gewaltwesens; aber er führt diesen Krieg nicht, indem er die gottlose Welt verdammt und von sich stößt und bekämpft, sondern indem er sie erträgt und trägt mit allen ihren Sünden und nur immer hinsieht und hinschafft auf das, was noch einmal aus ihr werden soll. Wir sehen ein Licht in ihm, und durch dieses Licht bekommt für ihn das Leben der Menschen und dies ganze Wesen zwischen Himmel und Erde, alles Schreckliche und Traurige inbegriffen, einen anderen Sinn als für uns, einen trotz Allem fröhlichen, hellen, hoffnungsvollen Sinn. Wir sehen aber vor Allem Kräfte von ihm ausgehen, Gewissenskräfte, Liebeskräfte, Gesundheitskräfte, Lebenskräfte, an denen wir merken, daß das Neue in ihm nicht etwa nur ein neuer Glaube, eine neue Religion war, sondern wahrhaftig der Anfang einer neuen Welt und Natur. Wir können es mit ihm halten, wie wir wollen: wir können mehr an seine Worte über Gott und sein Reich denken oder mehr an seine Gebote, die das neue Leben beschreiben, an seine Wundertaten oder an das Geheimnis seiner Person oder an sein Leiden und Sterben, wir bekommen immer wieder |220 stark den Eindruck, daß hier etwas Neues, Anderes in das alte, gewöhnliche Wesen gleichsam hereingebrochen ist, und zwar etwas Befreiendes, Hilfreiches, Erlösendes in das traurige, verworrene, verkehrte Wesen von vorher. Oder wenn wir jetzt das Wort «Gott» brauchen wollen: wir merken bei Jesus, daß Gott die Welt und uns damit nicht will fahren lassen, daß er seine Gedanken und Absichten hat mit uns und Allem, was ist, und daß er am Werk ist auszuführen, was er sich vorgenommen hat. So steht Jesus vor uns irgendwie sicher für uns alle, wenn wir es uns auch sehr verschieden denken und ausdrücken mögen.|
Aber Jesus steht allein vor uns, abseits von uns allen, von uns gewöhnlichen Leuten, auf einer Insel gleichsam. Wir denken: ja, das war eben er! So konnte er denken und handeln! So konnte er Gottes Sohn und Gottes Werkzeug sein! Vielleicht fügen wir dann hinzu: und wir sollten ihm nun nacheifern, so gut wir’s können! Oder wir sagen: wir müssen ihn lieb haben, verehren, vielleicht sogar zu ihm beten! Oder wir fassen das alles zusammen und sagen: wir müssen und wollen an den Heiland glauben! Seht, so ist die christliche Religion, das Christentum entstanden. Es gibt sehr viel eifriges, inniges, ernstes Christentum in der Welt, aber was man so Christentum heißt, das bedeutet tatsächlich immer: Jesus dort, wir hier. Jesus auf der Insel, wir um ihn herum. Von ferne sei herzlich gegrüßet!2 Überlegt euch selber, wieviel oder wie wenig wir daran eigentlich haben, wieviel oder wie wenig Hilfe, Trost und Befreiung von unserem Christentum ausgeht auf unser Leben, wieviel oder wie wenig Macht unser Christentum in der tatsächlichen Welt hat. Es mag sehr wohl sein, daß wir uns dann die Antwort geben müssen: nun, es ist doch immer noch etwas recht Gutes und Großes um das Christentum mit seinen sogenannten religiösen Wahrheiten und Bestrebungen, wie es von allen Kirchen und Gemeinschaften und von den allermeisten Pfarrern und frommen Leuten gepflegt und aufrechterhalten wird, jedenfalls wissen und haben wir nichts Besseres. Ja, das wird wohl so sein.
Aber wenn wir heute Pfingsten feiern, dann wollen wir es uns wieder einmal gesagt sein lassen, daß es einmal Menschen gegeben hat, die etwas Besseres kannten und hatten als Christentum, und daß es wieder solche Menschen geben könnte und daß wir solche Menschen sein könnten. Zwischen den Aposteln und dem Heiland war eine wirkliche Gemein|221schaft. Das Neue und Andere an ihm, das wir ja auch sehen, stand ihnen nicht nur so gegenüber, sondern es kam von ihm her zu ihnen. Gottes Gedanken, Gottes Wille, sogar Gottes Macht blieben nicht bei Jesus allein, sondern was ihn bewegte, das fing an, auch sie zu bewegen, was man ihm anspürte, das fing man an, auch ihnen anzuspüren. Es fing für sie nicht eine neue Religion an, sondern ein neues Leben, wie sie es vorher kaum geahnt hatten, daß es möglich sei. Auch wir können es ja kaum ahnen, wenn wir die Pfingstgeschichte und überhaupt die Geschichten aus dieser Anfangszeit lesen und hören, was das für ein verwandeltes, verherrlichtes Leben war, in dem diese Menschen drin standen. Wir merken etwas von einer siegreichen, leuchtenden Freudigkeit, mit der diese kleine Schar wie auf Adlersflügeln sich erhob über die Gehässigkeit und Feindschaft der Juden. Wir merken, wie sie alle hingerissen wurden von einer großen gemeinsamen Aufgabe, so daß gar keiner von ihnen sich mehr nutzlos und unbedeutend vorkommen konnte. Wir merken, daß sie Kräfte hatten, die Leiden des Körpers und der Seele der Menschen zu bekämpfen und zu besiegen. Wir merken etwas von einer übermächtigen Liebe in ihnen, die sie bewegte, allen Bedenken und Interessen zum Trotz alle Güter gemeinsam zu halten [vgl.
Ja, und nun stehen wir vor diesem Ereignis wie vor einem hohen Berg, nicht wahr, und je deutlicher wir zu ahnen vermögen, was jene Menschen hatten, umso dringender wird uns die Frage, wieso wir es wohl nicht mehr oder noch nicht haben. Denn darüber können wir uns ja wohl keinen Einbildungen hingeben: wir haben es nicht, wir sind nicht so dran, wir stehen zueinander und zum Leben und auch zu Gott nicht wie sie. Wir sehen zwar wohl, daß es Zeiten gegeben hat, in denen sich das Gleiche wieder in der Menschheit regte wie damals, daß es da und dort Kreise von Menschen gegeben hat, in denen der heilige Geist gleichsam wieder aufflammte, in denen es statt des gewöhnlichen Christentums zu einer wirklichen und lebendigen Gemeinschaft mit Jesus kam, von denen eine Erneuerung, eine Hilfe, ein wirklicher Segen, ich möchte sagen eine Revolution ausging, in denen die neue, göttliche Natur sich wieder bewegte wie in
Wißt ihr, warum wir nicht mehr haben? Liebe Freunde, darum, weil wir |223 nicht mehr haben wollen. Wir dürfen nicht meinen, Gott spiele gleichsam mit den Menschen, segne und erfreue sie jetzt und ziehe sich im nächsten Augenblick wieder von ihnen zurück. Unser Textwort: nehmet hin den heiligen Geist! ist kein einmaliges Angebot, das etwa jetzt zurückgezogen wäre, sondern es steht in voller Geltung und Kraft. Und wenn wir heute Pfingsten feiern, so könnte das mehr sein, als daß wir ein Wunder, das vor 1900 Jahren in
Nehmet hin den heiligen Geist! O liebe Freunde, wir sind vielleicht manchmal schon ganz nahe gewesen, hindurchzudringen zu dem rechten, willigen Hinnehmen, das Gott von unserer Seite erwartet. Wir möchten so Manches gerne hinnehmen aus Gottes Hand, schönes Wetter z. B. zur Heuernte, höhere Löhne und niedere Preise, um sorgenfreier leben zu können, Gesundheit in kranken Tagen, den Frieden für unser armes
Nehmet hin den heiligen Geist! Liebe Freunde, ist das nicht seltsam, daß die höchste Gabe Gottes eigentlich für uns Menschen bereit ist, daß der heutige Tag uns wieder erinnern muß, daß es Menschen gab, die sie hatten, daß es Menschen gab, die nicht umsonst nach Freude, Gesundheit, brüderlicher Hilfe rufen und seufzen mußten, Menschen, die sicher nicht einmal umsonst nach schönem Wetter seufzen mußten? Und wir, wir stehen da auf der anderen Seite, bald satt und genügsam und zufrieden mit einem kalten, fernen, abwesenden Gott, bald jammernd und entsetzt über seine Abwesenheit, bald hochmütig und sicher, als bedürften wir keiner Hilfe, bald tödlich erschreckt darüber, daß wir wirklich keine Hilfe haben. Und doch steht Jesus vor uns wie vor jenen Menschen und bietet uns an: Nehmet hin den heiligen Geist, den heiligen Geist, der die neue, heilige Natur bringt, der dem Krieg und der Teuerung und allem Jammer ein Ende macht, der Himmel und Erde bewegt, wenn es sein muß, für Gottes Kinder, wenn wir ihn eben haben, wenn wir Gottes Kinder sein wollen. Ist das nicht seltsam, frage ich noch einmal: dort das Pfingstereignis, mit dem die Erlösung der Menschen tatsächlich anfing, hier wir, die solche Erlösung so bitter nötig haben und im Grunde ersehnen, und vor uns der Heiland, der es uns ausdrücklich sagt: auch unter euch könnte es zu dem Ereignis kommen, daß ihr erlöste Menschen in |225 einer erlösten Welt würdet! Ist das nicht seltsam, das alles? Aber nicht wahr, es ist uns eben noch nicht seltsam genug geworden. Wir ertragen es immer noch, das alles so nebeneinander zu sehen, statt daß es alles – das angefangene Werk Gottes und unsere Not und das Angebot des Heilandes – zusammenschmilzt in ein dankbares, freudiges Ja unseres Herzens. Und solange wir das ertragen können, solange muß Gott warten damit, seine Verheißungen an uns wahr zu machen.
- Nr. 147 «O heiliger Geist, o heiliger Gott» von
A. E. Fröhlich (1844), Strophen 1-3 (GERS [1952] 186, 2 Strophen, die dritte von 1891 fehlt, steht aber im Aarauer Gesangbuch von 1844) - Nr. 151 «O Gott, o Geist, o Licht des Lebens» von
G. Tersteegen , Strophen 1-3 (GERS [1952] 188,1-3)