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18. Mai 1916
Lieber Karl, liebes Nelly,
Wir beglückwünschen dich herzlich zum 30. Lebensjahr. Wir haben sehr viel Gutes für dich auf dem Herzen. Den neuen Pilgerhut wirst du hoffentlich in der alten unerschrockenen Weise in Hütte und Schloß tragen und vor niemand abziehen, der es nicht verdient, wie George Fox, der ihn glaub sogar im Bett aufbehielt. […] Am Sonntag habe ich in Zürich über das Gewissen geredet. Kutter erklärte mir, das Wort «Gewissen» sei nur als Bezeichnung für eine Art Moralpegel zu brauchen, und um das tiefere Verhältnis des Menschen zum göttlichen Willen zu durchleuchten, sei es noch nicht Zeit. Wir sollten uns damit begnügen, die «Hauptsache» herauszustellen, bevor wir daran gingen, von unsern Beziehungen zu ihr im Einzelnen ohne Gefahr aller Mißverständnisse zu reden. Was sagst du zu dieser Abwertung unserer Denkbemühungen um das Gewissen? […] In Zürich verlautete auch etwas davon, daß Kutter wirklich wegen der Mißerfolge der Deutschen vorläufig sein Buch1 nicht wolle erscheinen lassen. Ich weiß aber nicht, ob das wahr ist. […]
Ich schließe, indem ich dir, Karl, noch eine Stelle aus der Offenbarung zu näherer Besichtigung unterbreite. Sie fiel mir heute in die Augen: Offenb. 2,1–5, das Lob an Ephesus: «ich weiß deine Werke und deine Arbeit und deine Geduld …» und dann doch: «aber ich habe wider dich …», was steckt da wohl alles darin, was auch uns angeht?
Von Herzen