10. Mai 1916

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Mein Lieber,

Nach den Erquickungen der letzten Tage bin ich wieder in unsern Pfarrhof zurückgekehrt. Ich muß mich förmlich mit Zwang wieder daran erinnern und darauf einstellen, daß ich nicht |135 nur für mich selber als freier Liebhaber Gottes hier in Leutwil sitze, sondern als «Leutpriester» oder «Gehilfe der Freude» [vgl. 2.Kor 1,24]. Im Grunde begreife ich immer besser die Neigung der Lhotzky1 und Johannes Müller2 und anderer kleiner Propheten zum freien, nebenkirchlichen, unorganisierten Ausschank und Vertrieb oder das Verfahren der Zeltmissionsbrüder und verwandter Sendlinge, die mit Harmonium, Stiftshütten und Tabernakeln von Ort zu Ort ziehen. Das wäre eine — wer weiß? — auch uns angemessene Lebensweise, als herumziehende Reichsgotteszigeuner, Stürmer, Dränger, Straßenprediger und Berenner von Babelstürmen im Lande herumzuziehen. Doch einstweilen ist es noch nicht so weit. Wir sind gestern munter über Berg und Tal unter allerhand Rückblicken auf das Erlebte heimgewandert und freuen uns bereits aufs nächste Mal. Heute Morgen nach Rezept Epprecht frühe Tagwacht mit erfreulicher Besiegung des alten Menschen!

[…] Wir grüßen dich und Nelly und danken für alle Gastfreiheit und hoffen auf euer Kommen zu uns.
[…]
Eduard und Marguerite

Sachfußnoten

1
Heinrich Lhotzky (1859–1930), religiöser Schriftsteller.↩
2
Johannes Müller (1864–1949), religiöser Schriftsteller, Herausgeber der «Blätter zur Pflege persönlichen Lebens» (seit 1914 «Grüne Blätter»), nahm Fühlung mit Karl Barth, ohne diesen wirklich zu verstehen.↩