20. Dezember 1915

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Freund!

Unsere Antwort an Marguerite die Hochzeit betreffend ist zwar längst ab, aber wir wollen es dir doch auch noch direkt sagen, |118 daß wir mit Freuden, und mit fliegenden Fahnen kommen werden. Wir rechnen auf eine große Geisterbegrüßung und versprechen, auch mit Wernle ganz nett «vornehm» zu sein und keinen Streit anzufangen. In denselben Tagen wird in Rümlingen Kränzli sein über die Kirche, ich werde ungefähr das Gleiche sagen etwas schlechter, wie du hier vor vier Wochen. Denk, die Aarauer Kirchenpflege hat mich für einen Vortrag bestellt auf den 16. Januar. Ist das nun eine feurige Kohle auf mein Haupt oder ein «Sieg der guten Sache» oder Beides? Ich habe natürlich zugesagt und werde über «die Gerechtigkeit Gottes»1 reden. […] Richard Preiswerk wird nun hier im Februar reden über die Bürgerpflichten! Ich glaube, mein Besuch dort hat zu ganz erfreulichen Beziehungen beigetragen; man wird im Gespräch leicht mit ihm einig wegen seines bollischen [Blumhardt!] Hintergrunds. Er schreibt mir aber, in der letzten Kirchenratssitzung sei es bös über mich hergegangen, und er habe sich wehren müssen. Hier bekommst du meine Adventspredigtenα, die du, aber mit Auswahl und vor Allem mit Milde besichtigen mußt («Lindigkeit!» [Phil 4,5]), etwa so in der Eisenbahn, wenn du nächsten Sonntag nach vollbrachtem «Tun» nach Basel gehst. Es sind keine entscheidenden Schläge, sondern harmlose positive Predigten mit etlichen ziemlich schwachen Partien, die ich dir nur schicke, weil du sie verlangst und weil es mir nichts macht, wenn du die Blöße gewahr wirst. Ich habe dato eher eine Zeit geringer Dinge. Gestern Abend im Blaukreuz habe ich z. B. froh und einfältig über den alten Simeon geredet, und nachher offenbarte mir Nelly kalt und klar, es sei gar nichts gewesen, «es» sei nicht gekommen, il y avait des longueurs, die Leute hätten gegähnt und sie, Nelly selbst, hätte etliche Male am liebsten aufstehen und heimgehen mögen, weil ich ihre verzweifelten Blicke und Gesten, doch ja aufzuhören («tu as fini?») immer nicht beachtete, sondern zu neuen unfruchtbaren Schwällen ausholte. Eine vernichtende Niederlage zur Eröffnung der Weihnachtstage, nicht?! […]

Vale! Herzlichen Gruß und Glückauf zu dem bevorstehenden Feldzug
Dein
Karl Barth

Sachfußnoten

1
K. Barth, Die Gerechtigkeit Gottes, in: Neue Wege, Jg. 10 (1916), S. 143–154 📖; wieder abgedruckt in: Das Wort Gottes und die Theologie. Gesammelte Vorträge, München 1924, S. 5–17. 📖 ↩