27. Mai 1915

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Ich danke dir herzlich für deinen ausführlichen Brief. Schade, daß du Dr. Jungs Verlangen nicht doch noch nachgabst. Es wäre schon gut herausgekommen, denn auf Kutters Seite lag nichts gegen Dr. Jung vor. Kutter hatte an dem bewußten Abend eine mondäne Anwandlung und lud mich zu einem Souper auf Bad Bresten|49berg ein. Wir pilgerten also im Abendschein hinüber und mischten uns unter die Weltleute, saßen bei guten Gedanken und Cigarren, er aber noch bei einer halben Flasche Walliser unter schattigen Bäumen am See, belauschten das törichte Geplapper der Welt, die um uns herumsaß und uns natürlich nicht «erkannte», nur Kutters Hund zog fragende Blicke auf sich. […]

Wernle! Ich bin erstaunt über Ernst Staehelins Bericht. Erst gestern war ich in Basel und besuchte Wernle und fand ihn sehr aufgeräumt. […] Natürlich kann er trotzdem Staehelin gegenüber einen Stoßseufzer über dich getan haben. Aber ganz sicher kann es nicht so sehr schlimm gewesen sein. […]

Von meiner Seelsorge hast du offensichtlich einen zu hohen Begriff. Es scheint mir selbstverständlich zu sein, daß man als Pfarrer auch zu den Einzelnen davon redet, was einen bewegt. Ich habe oft geradezu ein Bedürfnis, da und dort einer verständigen Seele aus der kleinen Herde von «unserer Sache» zu reden. Solche Ansprachen über das Reich Gottes in Bauernstuben oder unter Stalltüren halte ich aber gar nicht für Extrataten. […] Im ganzen wird es wohl der kleine Vorteil des ehelosen Pfarrers sein, daß er vielleicht eher etwas mehr zu kürzeren oder längeren Unterhaltungen mit seinen Leuten kommt. Aber meine Erfahrungen damit sind so, daß ich mich immer mehr zurückziehe.

Zum Schluß noch eine heikle und beunruhigende Geschichte: ich bin zum Feldprediger des Basler Regiments vorgeschlagen! Der bisherige gibt ab, und nun schreibt mir einer meiner Freunde, der Offizier ist, er und Andere arbeiten nach Kräften daran, mich an diesen Posten zu bringen. Gleichzeitig mit diesem Brief telephonierte mir Pfarrer Gustav Benz,1 ob ich bereit wäre, Feldprediger zu werden. Und wie ich zu Wernle kam, begrüßte er mich: «Ich habe gerade Ihren Namen genannt …» Ich habe nun dagegen getan, was ich konnte, dem Offizier dringlich geschrieben, Benz rund und energisch nein gesagt und habe im Sinn, mich auch beim Kirchenrat von Basel für diesen Posten abzumelden. Aber ob es nicht schon zu spät ist? Man braucht mich nicht zu fragen, man kann mich einfach dazu kommandieren. Es wäre mir aus |50 grundsätzlichen Erwägungen und wegen der Gemeinde äußerst schwer anzunehmen. Ich habe es Benz und Wernle auseinandergesetzt, und sogar diese Beiden, die ja ganz anders positiv zur Sache stehen als ich, geben die innere Schwierigkeit dieses Auftrages mehr oder weniger unumwunden zu. Es gibt ja so manchen, der mit höchster Freude dieses Amt annähme, warum soll es gerade unsereiner sein? Dienstverweigerer würde ich nicht, aber … Wenn du also plötzlich meinen Namen in dieser Sache in der Zeitung liesest, ist es Zeit zu einem kräftigen Trostbrief oder noch besser Besuch bei mir

Herzlich
dein
Eduard Th.

Sachfußnoten

1
D. Gustav Benz (1866–1937), Pfarrer in Basel, durch seine Bücher bekannter Prediger.↩