9. März 1915

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Mein Lieber,

Eben erst heute Abend kommt deine kräftige Epistel. Nun, ich danke recht herzlich dafür und will noch mit ein paar Sätzen darauf reagieren. Du hast einen weiten Vorteil vor mir an dem lebendigen Austausch mit deiner Frau und mit [deinem Bruder] Heinrich. Ihr verfolgt jeweilen angesponnene Fäden weiter, überlegt euch in gemeinsamem Nachdenken, was bei einem Zusammensein, wie wir es hatten, etwa herausgekommen sein möge. Das ist schön für euch, aber mir wird es etwas unheimlich zu Mute, wenn ich nachher erfahre, wie man von deiner scharfen Dialektik und Nellys unbestechlicher Klarheit «verarbeitet» wird.

Was Punkt 1 betrifft, so habe ich den Eindruck, du hängest zu sehr an der Formulierung «das ists, das ists nicht», wir haben uns ja selber lustig gemacht darüber, aber nun darfst du es nicht als |35 Keule gegen mich erheben. Sie hat diese anfechtbare Bedeutung mehr durch unsere nachherigen Sprüche und Scherze gewonnen, als durch den ernstgemeinten Gehalt, den ich dieser Formel ursprünglich gegeben habe. Sie kann nur dazu dienen, einem gewissen Steckenbleiben gegenüber für heilsame Unruhe zu sorgen. Warum mußte ich eine Blaukreuzrede bei euch halten! Die guten Safenwiler haben mich nachträglich selber gedauert, daß man sie zu einer Blaukreuzstunde einlädt, um ihnen dann zu sagen, das «sei es dann noch lange nicht». […] Zur Sache selber möchte ich nur noch sagen: ich verstehe dich, du schreibst, die Einheit einer großen Position sollte leuchtender hervorbrechen. Aber es ist unrichtig, wenn du von einem «jubelnden» Nicht! schreibst, ein Jubel ist bei mir nicht vorhanden, sondern nur ein sehnsüchtiges Vorwärtsdrängen nach einem Ziel, das ich noch nicht erreicht habe.

Zu Punkt 2: ich bin allerdings der Meinung, in der Differenz Kutter-Ragaz verberge sich mehr als nur ein Unterschied der Nuance. Ich denke, es liege ein sachlicher Gegensatz vor. Aber es ist traurig, wie darüber eine persönliche Zänkerei Platz greift. […]

Ich muß schließen. Du brauchst dich gar nicht zu entschuldigen wegen deiner Angriffe. Ich bin ganz und gar nicht empfindlich, sondern lerne immer viel von dir. Es grüßt dich und Nelly herzlich

dein
Eduard