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8. März 1915
Lieber Freund!
Nun sinds schon acht Tage her seit unserm letzten gefreuten Zusammensein. […] Es drängt mich, dir über zwei Punkte aufs neue zu schreiben: Wiedervereinigungsverträge gleichsam.
1. Mir tönte es die ganze Woche in den Ohren: «das ists nicht —und das ists nicht — aber das ists» — eigentlich auch noch von unserem Besuch bei dir her: nicht Politik, nicht Vereinswesen, nicht Unternehmungen, nicht Demonstrationen, sondern … Gut, wir verstehen uns. D.h. ich verstehe, daß wirklich nur das Eine es ist, aber ich verstehe ehrlich gesagt den gewissen Fanatismus nicht, mit dem du alle diese «Nicht» betonst, ich meine allem gegenüber, was nicht genau auf der Kutter’schen «Linie» ist, betonst. Daß man das unseren Leuten, den Blaukreuzlern, den Politikastern aller Sorten sagen muß, gut! Aber wenn es immer wieder aus dem «Drückli» kommt wie der Teufel, sooft man darauf drückt, kommt dann nicht etwas höchst Seltsames in die richtigen Thesen hinein, das ihnen bei Paulus etc., auch bei Kutter selbst nicht anhaftet? Es muß doch klar bleiben, daß die ganze Unterscheidung kein ewiger Satz ist, sondern eine Arbeitsmethode wie andere auch, daß sie ja eigentlich aufgelöst, aufgehoben sein müßte in der Einheit einer großen Position. Ich meine ja nur, die Sehnsucht nach der Einheit von Gesetz und Evangelium, oder wie man es nennen will, sollte leuchtender hervorbrechen als dieses stete jubelnde: nicht, nicht, nicht! — sonst sind wir eigentlich plötzlich wieder ganz in der Nähe des von Kutter zehnmal umgebrachten positiven Christentums, welches christlich «glaubt» und die Welt Welt sein läßt. […] Du brauchst dich nun von dem allem nicht betroffen zu fühlen, ich habe gar nicht das Bedürfnis, dich zu kritisieren. Ich meine nur, daß ich nach den letzten Eindrücken noch nach etwas anderem suche, als dieses: «das ists nicht»… bietet.
2. Noch einmal Kutter und Ragaz und der Zürcher Fraktionismus. Wollen wir uns nicht ganz freihalten davon? […] Merktest du auch, daß wir zuletzt bei lauter persönlichen Eindrücken |33 und Stimmungen statt bei sachlichen Differenzen waren? Ich glaube, das Thema ist an sich unfruchtbar, weil es nicht prinzipiell ist. Lese ich denn etwas in Ragaz hinein, was er nicht hat? Vorläufig glaube ich das einfach nicht, daß er die radikale Position Kutters nicht habe. Ich sehe da grundsätzlich dasselbe (gegenüber Wernle und allen Helden von links und rechts), nur daß innerhalb der gemeinsamen Orientierung Kutter mehr das Quietiv, Ragaz mehr das Motiv betont. Mir kommt das Bemühen, beide auseinanderzureißen, fast krankhaft vor. Und darum ist mir das Benehmen der Zürcher gegeneinander einfach abscheulich. […] Und auch deine quasi Warnung vor den «Neuen Wegen» ist mir nicht recht faßlich. Der Artikel des Laien,1 der dich so geärgert hat —nun ja, natürlich, das ists nicht, einverstanden, aber du liebe Zeit, es gibt dümmere Einfälle als diesen, der doch sichtlich aus einem wenn auch aufgeregten, so doch gläubigen Herzen kommt. In was für eine Stellung kommst du eigentlich, wenn du diesen armen Mann so schrecklich verachtest und seinetwegen auch die «Neuen Wege»? Und wenn man solche Gedankengänge so schroff verwirft, dann stellt sich mit dialektischer Notwendigkeit ihr Gegenteil ein: die Bedenken gegen dies abgrundtiefe Abwarten, gegen dies innerliche «Tun». — kurz dann ist man wieder in der blöden Antithetik drin, in der Satz und Gegensatz gleich falsch sind. Ists nicht besser, diese Dialektik zwischen den beiden Betonungen sich selbst zu überlassen, respective uns ihr ohne Voreingenommenheit zu öffnen, statt sie einseitig ausfechten zu wollen? Ists nicht besser, nach dem Punkt zu streben, wo Kutters Nein und Ragazens Ja, Kutters radikale Gelassenheit und Ragazens energisches Anpacken der Probleme A, B und C (das ists!) zusammenklingen? Ich glaube einfach an die Möglichkeit einer solchen Position, wenn ich sie auch noch nicht gleich beschreiben kann. Hältst du das für faule Harmonistik? Ich bin ja doch sonst sicher kein Haering,2 streite auch gerne, […] aber gegen diesen Gegensatz von Kutter und Ragaz (um von den Epigonen auf beiden Seiten nicht zu reden) habe ich einen förmlichen Groll, und daß du (ich meine aber nicht, du seiest ein Epigone) mich vor den «Neuen Wegen» hast warnen
|34 wollen, dafür solltest du eigentlich zur Strafe sofort einen feinen Artikel hineinschreiben über das alles! Eine großartige Entladung der entrüsteten Landgeistlichen gegen die Umtriebe der städtischen Sublimen! […]
Leb wohl und zürne mir nun doch nicht! Herzlichen Dank für die Bücher. Ich schrieb heute dem Loew in die Karpathen und schickte ihm eine Kutter’sche Kinderlehre
📖 und einige Kriegsbetrachtungen von meinen Konfirmanden verfaßt. Herzliche Grüße auch von Nelly (die mich beständig mahnt, dir doch das alles recht freundlich zu sagen und nicht etwa in meiner gewohnten Weise).
Das ists!