25. Februar 1915

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Freund,

Ich komme also am nächsten Sonntag und freue mich auf das Zusammensein mit euch. Wohl habe ich ein wenig ein schlechtes Gewissen, weil ich in der Gemeinde allerlei liegenlasse, das zu tun zwar langweilig und auch nicht gerade nutzbringend ist, das aber doch getan werden sollte. Nun, unser Zusammensein ist ja auch ein «Tun», wie Kutter sagen würde. Ich brauche einfach solche Erfrischungen, wie euer Besuch bei mir eine war. In Zürich habe ich Kutter nur sehr kurz gesehen. Er muß zur Erholung ein halbes Jahr aussetzen, und gerade da drängte sich mir der Gedanke auf, daß was er uns zu sagen hat, von niemand anderm mit der ihm eigenen Prägung und Kraft gesagt werden könnte, und also etwas Unersetzliches ist. […]

In deinem Blaukreuzverein und erst noch vor dir und deinem Bruder Heiner1 zu reden, fällt mir nicht leicht. Ich habe vor, über «Seitenwege» etwas zu sagen, und meine damit die vielerlei Anliegen, die sich einem heute anbieten als «Sinn des Geschehens», z. B. die vollen Kirchen während der Kriegszeit, als ob das das Wichtigste wäre, dann die in den Gemeinden umgehende Sucht, die Apokalypse auszulegen, als ob der Krieg dazu dienen müsse, uns wieder auf die letzten Dinge hinzulenken. Auch der «Friedenssonntag» gehört in diese Reihe wie alle andern Bestrebungen, die irgendeine eigene kleine Mühle an den Strom des Geschehens bauen, als ob er nur dazu über uns gekommen wäre, diese unsere Rädlein zu treiben. Sie klappern ja allerorten. Aus diesen Gedanken heraus möchte ich bei euch reden, verspreche aber, die dem Heiner gewiß wichtige «Helvetische Gesellschaft» nicht mit einzubeziehen, damit wir uns nicht in die Haare geraten.

Von Herzen
euer
Eduard

Sachfußnoten

1
Heinrich Barth (1890–1965), Privatdozent, später Prof. für Philosophie in Basel, Plato- und Kantforscher, Bruder von Karl Barth. Hauptwerk: Philosophie der Erscheinung, Basel, Bd. 1: 1947, Bd. 2: 1959 📖. ↩