5. Februar 1915

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Freund!

Meine Frau und ich möchten dich gerne nächsten Montag besuchen. Paßt es dir? Wir kämen via Uerkheim-Schöftland-Kulm zu Fuß gewandert der schönen Schneelandschaft und der guten Luft zu Ehren. Vielleicht kommst du uns etwas entgegen gegen Kulm, damit wir uns nicht wieder im Wald verlaufen. Schreib mir umgehend, ob du uns brauchen kannst. […] Du mußt uns dann Predigten von dir vorlesen, damit der Tag recht ergiebig wird. Dank für deinen letzten Brief. So ists gut, daß ich nicht am Kränzli war, und an das bei dir komme ich dann lieber nicht. […]

Kutter und Ragaz; ich bin gerne bereit, von Kutter noch viel mehr zu lernen, weil er in der Tat radikaler ist als Ragaz. Aber sowie Kutter mich in eigentliche Opposition gegen Ragazens Standpunkt […] bringen möchte, kann ich nicht mehr mit. Ich schätze an Ragaz den ernsten Willen, die religiöse Orientierung in Zusammenhang mit den praktischen ethischen Zielen zu bringen, während Kutter mit seiner abgrundtiefen radikalen Orientierung gleichsam nackt dasteht und dastehen will und sich nicht scheut, mit seinem ethischen Urteil, wenns ihm paßt (Deutschland!), in das Gegenteil seiner eigenen «Orientierung» zu stürzen. Ragaz mag sehr oft die religiöse Tiefe einbüßen, wenn er alle Augenblicke schreit: siehe hier oder da ist das Reich Gottes [vgl. Lk 17,21]!, aber ebensosehr scheint mir der prinzipielle und ausschließliche Quietismus Kutters eine Verarmung, die letztlich auch eine persönliche Schrulle und nichts Herrliches ist. Nun, wir können dann davon reden am Montag.

30Ich bin nun in die sozialdemokratische Partei eingetreten. Gerade weil ich mich bemühe, Sonntag für Sonntag von den letzten Dingen zu reden, ließ es es mir nicht mehr zu, persönlich in den Wolken über der jetzigen bösen Welt zu schweben, sondern es mußte gerade jetzt gezeigt werden, daß der Glaube an das Größte die Arbeit und das Leiden im Unvollkommenen nicht aus- sondern einschließt. Die Sozialisten in meiner Gemeinde werden mich jetzt nach meiner öffentlichen Kritik an der Partei hoffentlich richtig verstehen. Und ich selber hoffe nun auch, der «wesentlichen» Orientierung nicht mehr untreu zu werden, wie es mir vielleicht noch vor zwei Jahren bei diesem Schritt hätte passieren können. Alle politische Parteitätigkeit habe ich zunächst abgesagt, meine Mitwirkung besteht in Beiträge zahlen und Vorträge halten — am 14. in der Kulturzentrale Zofingen!! Du beängstigend tief Orientierter wirst darüber bedenklich den Kopf schütteln. Wir können uns auch darüber dann aussprechen nächsthin.

Letzten Montag war ich in Bern und sah Peter, der sehr auf dem rechten Flügel steht (Helvetische Gesellschaft!).1 Das paßt ja auch besser, wenn man einen solchen Schwiegervater und Onkel2 hat!! Was sagst du zum Friedenssonntag und zu den famosen Gebeten? Vgl. Hesekiel 13,1–16. Das Gebet des Papstes ist wirklich mindestens ebensogut.

Genug, genug! Gestern hatte ich eine große Schneeballenschlacht mit den Konfirmandenbuben. Ich leiste ihnen das alle Winter zur Erhöhung der gemeinsamen Freudigkeit. […]

Herzlicher Gruß
dein
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Eine um die Erneuerung der Schweiz bemühte bürgerliche Vereinigung.↩
2
Schwiegervater: M. Rade; Onkel: Fr. Naumann.↩