22. Januar 1915

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Mein Lieber,

Vielen Dank für deinen ausführlichen Brief. Ich habe ihn fast ganz lesen können! Wir haben dich sehr vermißt im Kränzli. Viel verfehlt hast du allerdings nicht. Ich bin mit Dietschi hin und her zu Fuß gegangen. Was aber dazwischenlag, war eine altmodische Kaffeevisite. Es wurde eine Kriegsnovelle gelesen. Thema: Ein |28 Offizier zieht mit einem Faust im Sack in den Krieg und kommt als Verwundeter mit einem N. T. zurück. Sinnig und erbaulich! Vielleicht hätte ein Tolstoj etwas daraus machen können. Hier aber geschah nichts derartiges. Ich versuchte zu erklären, inwiefern mir die Hauptsache gefehlt habe, Kopfschütteln von Kollege L. mit der Bemerkung, es sei billig von uns Neutralen, das Kriegserleben der Deutschen zu kritisieren. Müller — Birrwil, der meinen Hinweis auf die Ethik der Bergpredigt mit dem Wort zurückschlug: «Richtet nicht!» [Mt 7,1] stehe ebenfalls dort. Bumps! Weitere Versuche, mich zu erklären, stellte ich ein. Darauf Kaffee und Choralgesang. Das nächste Mal soll ich die Gesellschaft amüsieren.

Ich habe das «Erlebnis Rade» auch in einer Predigt verarbeitet. Ich nahm einen Missionstext aus der Apg. und suchte zu zeigen, wie die Lage des Evangeliums inmitten der Welt der Götzen, Mammon, Bacchus, Vaterländer heute ähnlich sei wie in der Zeit der Anfänge, sagte dann aber, es sei gut, daß die Fronten sich deutlich abzeichnen. Der Staat von heute stehe dem Evangelium auch wieder wie ein Götze gegenüber. Und doch breche die Botschaft Jesu vom Himmelreich aufs Neue sich Bahn und dringe gleich dem Sauerteig in die Welt ein und mache die Götzen zum Spott. Schon heute leben wir Menschen mitten unter den Mächten und Gewalten von den Kräften des kommenden Reichs. […] Was du mir wegen Ragaz rätst, will ich beherzigen, «geschimpft» habe ich zwar nie über ihn, möchte dir aber den Gegenrat geben, die Kutter’sche Orientierung stärker aufzunehmen. Sie ruft zunächst zum Abwarten, ist aber im Grunde radikaler und zugleich aufbauender als die von Ragaz. Doch sei dem wie ihm wolle, jedenfalls ist die Freundschaft und Aussprache mit dir viel wert, und wir wollen sie auch im neuen Jahr fortsetzen. […] Was du von Greyerz erzählst, klingt beinahe apokalyptisch. Soll dann auf die von ihm empfohlene Predigt der religiössozialen Sendboten das Gottesreich anbrechen? Kriege und Erdbeben haben wir schon, nun müßten nur noch die 144000 religiössozialen Versiegelten [vgl. Apk 7,4] in weißen Hemden sich in Zürich-Jerusalem besammeln, und dann käme das Ende!

29Ich wünsche dir gute Besserung, auf daß du deinen Mund bald wieder auftun kannst.

Viele Grüße an dich und deine Frau
dein
Eduard

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