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20. Januar 1915
Statt am Sonntag über das Stürmen des Himmelreiches predigen zu können, wurde ich am Samstag auf einmal in die Stille geführt durch eine plötzlich hervorbrechende Influenza, an der ich bis jetzt leide. Da lag ich nun, und an meiner Stelle predigte der Helfer über die Weisen aus dem Morgenlande!! und aus dem |25 Brittnauer Vortrag, den ich schon neu ausgearbeitet [habe], wurde auch nichts, und meine Frau mußte heute aus Bern zurückkommen, und noch ist mir für einige Tage der Mund verschlossen, wie es scheint. Doch hat das auch seine Vorteile. Ich habe im Bett Turgenjew «Väter und Söhne»
📖 gelesen (das Lesen der Russen scheint unter den Religiössozialen epidemisch zu werden; ich höre von allen Ecken von solcher Lektüre; das ist sicher nicht ohne «symptomatische Bedeutung»!). […] Nun bin ich an Bächtolds «Gottfried Keller»
📖.1 So hat das Marodesein auch sein Gutes, und ich werde es ohne Gram und Reue noch etwas fortsetzen, wenn es sein muß. […] Greyerz teilte mir am Tag nach dem Rade-Fest2 mit, er habe im Sinn, so etwas für die ganze Schweiz zu organisieren: die Religiössozialen sollten sich 2 und 2 (wie die Jünger) über alle größeren Ortschaften ergießen und in Kirchen, Schulen oder Bierlokalen über Krieg und Frieden reden — nach vorausgegangener Instruierung durch Ragaz. Du weißt ja, wie Greyerz einen für solche Sachen einseifen kann. Zum Glück besteht diese Sache erst in seinem Geist. Immerhin wurde er fast böse, als ich ihm von unserer Unternehmung3 erzählte: man sollte jetzt die Kräfte nicht zersplittern.
Wie hast du den Eindruck des Rade-Festes verarbeitet? Ich habe darauf eine Predigt gehalten, in der das prophetische Wort nach dem Gefühl meiner Frau überwucherte. Natürlich!! Rade sagte mir an jenem Abend bei uns Zuhause noch, wir könnten mit unserm Glauben doch nie Erfolg haben in der Welt, und am folgenden Tag: «Ihr steht ja längst alle abgemalt im Troeltschl» Und im Tram wurde er noch einmal sehr böse wegen des deutschen Militarismus, der gar nicht so schlimm sei, und überhaupt sei der französische noch ärger! Auf das Alles und auf das, was er am Abend sagte, kann man doch eigentlich nur mit Sprüchen, Gleichnissen und sinnbildlichen Handlungen à la Jeremia antworten, und das hat eben meine nächste Predigt büßen müssen. Doch halte ich es mit Zulauf, der mir auf meine sanften Bedenken gegen seine Novellistik antwortete, jetzt müsse ein jeder tun, was er nicht lassen kann, […] nur «das vornehme Weiterwursteln |26 und noch vornehmere Schweigen der Weisen» sei vom Übel. Daran mußte ich denken, als ich jüngst in Sachen einer Lesemappe einen Nachmittag mit Preiswerk4 und Zickendraht5 in Wildegg zubrachte und wieder einmal milde Mahnungen wegen des ewigen Radebriefes zu hören bekam. «Nur jetzt schwiiige, schwiige!» Ja, ja, ja doch Herr Pfarrer aus Boll, aber! Mit Zickendraht hatte ich nachher noch ein zäh-klebriges Gespräch über Luther, bei dem ich zuletzt fast unter einen Zug kam auf dem Bahnhof. Pfr. Schwarz in Basadingen […] kam folgenden Tags flugs wieder zu Rade (in Basel), um in ziemlich ungefreuter Weise zu schnüffeln, was in Bern gegangen sei. Zu wessen Handen ist ja klar [Wernle!]. Es ist ganz recht, wenn er die «Neuen Wege» nicht mehr liest, und auch recht, wenn er keine solch schwachen Angriffe mehr dagegen machen will. Doch wollen wir erst abwarten, wie er das durchführt. Ich abonniere das «Kirchenblatt» auch nicht trotz verlockender Probenummern. […] Mein Maiteli hat sie in einem unbewachten Moment in der Eisenbahn voll Entrüstung zerfetzt. «Solcher ist das Himmelreich!» [Mt 19,14] — Hier schicke ich dir alles wieder. Im «Kirchenblatt» habe ich — auch in einem unbewachten Moment! — Invektiven an den Rand geschrieben, die jetzt wieder ausradiert sind mit Ausnahme des Schlußresultates. Das ist für mich nun eigentlich ein Stück «sittlicher Aufgabe» für die nächste Zeit, mich durch das Gerede und Getue und Geschwätz dieser Leute nicht mehr stören, irremachen und ärgern zu lassen.
Vor vierzehn Tagen hatte ich eine merkwürdige Hochzeitsansprache zu halten in Zürich: meine älteste Schwägerin hat einen portugiesischen Dr. iur., […] geheiratet. Szene: die Gemäldegalerie meines Schwagers Kisling. Ich stand zwischen Bäumen unter einem gewaltigen bluttriefenden Teilstück von Hodlers Marignanobild, ein Schweizer holte mit seiner Waffe nach meinem Kopf aus die ganze Zeit!! — In Bern habe ich einen Dr. Jung kennengelernt, Vetter des berühmten, der sein Leben auch mit Psychoanalyse ausfüllt. Ich wurde dann eines Abends kunstgerecht ausgenommen und ein prächtiger Vaterkomplex zutage gefördert. |27 Du hast sicher auch einen und solltest nicht versäumen, dir ihn einmal aufweisen zu lassen.
Aus der hiesigen Schulpflege bin ich auf Neujahr ausgetreten. Der Bezirksschulrat wählte an meiner Stelle den Fabrikanten Hochuli, der dann schleunigst die Behörde zu einem kleinen Suff in seine Villa einlud. So ists recht! […]
Vale! Wann sehen wir uns wieder? Ich werde dir gern wieder einmal zuhören. Aber über Ragaz solltest du weniger schimpfen trotz seiner sichtlichen Mängel. Er ist doch einer von denen, die jetzt am meisten zu sagen haben.
Mit herzlichem Gruß auch von meiner Frau
[Als Anhang:]
Die Religiös-Sozialen
Friedlich rauchet der Stümpen. Gleich ruft der Kuckuck halb elf Uhr. Still! der Herr Pfarrer studiert: morgen ist Weltgericht.