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5. November 1914
Lieber Freund!
Nun kommt gerade auf den 12. Synode und Berner Konferenz1 zusammen. Ich möchte gerne wissen, wie du dich in diesem Pflichtenkonflikt stellst. Es ist ja klar, daß Bern an sich wichtiger ist, über das Helferreglement […] können sie in Aarau auch ohne uns verhandeln. […]
Ich habe halb im Sinn, den Kirchenrat wegen der niedern Religionsstufe, auf der sein erstes Kriegszirkular (event. auch die Bettagsproklamation) steht, zu interpellieren. Aber ich kann das gern auch bleibenlassen. Man müßte dabei doch allerlei «ausplaudern», was man nach Kutter besser für sich behält. So würde ich von mir aus die Synode willig schwänzen. […] Das Berner Programm wirst du ja auch haben. […] Es scheint mir erforderlich, in Bern dabeizusein. […]
Ich bekam von Herrmann [aus Marburg] vor 14 Tagen drei Couverts voll deutschen evangelischen Drucksachen «mit herzlichem Gruß von der ganzen Fakultät». Gestern habe ich eine Antwort abgefaßt. Meine Frau fand sie streckenweise zu scharf. Ich habe sie meinem Bruder Peter als Kenner des Landes zur Begutachtung geschickt. Sie enthält drei «Anfragen»: 1. über die Wissenschaftlichkeit der deutschen «Kulturträger», 2. über das Kriegs«erlebnis» als religiöses Argument, 3. über die «Gemeinschaft der Heiligen» und ihre Bedrohung durch die deutsche Alleingerechtigkeit.
Ich hatte hier unangenehme Geschichten mit den Lehrern. Ich bot mich auch an zur Stellvertretung und erntete dafür Frechheiten, ohne von der Schulpflege geschützt zu werden, die die Lehrer überhaupt machen läßt, wie sie wollen. Am liebsten würde ich aus der Schulpflege austreten, da ich darin doch nur Verdruß erlebe und — wenn ich nicht Krach schlagen will, was mich nicht gelüstet — doch nichts Erfreuliches darin erreiche. Wiederum schwanke ich, ob es meine Pflicht ist, dieses «Kreuz» weiterzutragen, oder ob ich mich auf den Standpunkt zurückziehen |20 soll, daß wir in unserm eigentlichen Amt Aufgaben und notwendiges Kreuz genug haben.
Schade, daß du nicht ans Kränzli kamst. Es gab nämlich Feuer im Dach zwischen Epprecht2 und mir (wegen eines Artikels von ihm über «Die Theologen und der Krieg» im Aargauer Tagblatt) und zwischen La Roche, Müller, Vischer3 und mir wegen unserer Stellung zu den Deutschen. Im «Protestantenblatt» eifert Hans Baur4 gegen Ragaz: Die Religiössozialen stünden unten an der Leiter und riefen den Feuerwehrleuten oben zu: ihr bekommt schwarze Hände, wir können euch den Namen von Löschern nicht mehr zuerkennen. Sie verführten Elsterngeschwätz in der Zeit der Adler.
Herzliche Grüße