30. Oktober 1914

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Mein Lieber,

Vielen Dank für die Sendung. Du sollst die mitgeteilte Briefstelle nicht tragisch nehmen, ich finde es eigentlich verständlich, daß Wernle sich da etwas Luft macht, denn natürlich mußte ihn die gründlich entstellende Bemerkung Höggers in Zorn bringen. […] Im Übrigen ist mir wie dir die ganze leidige Geschichte ein erneuter Beweis dafür, wie unsere Gegenspieler durch ihre persönliche Kampfweise die Kluft vergrößern, die der Sache nach gar nicht in diesem Maße besteht. Oder vermag man denn bei Wernle, Högger usw. eine irgendwie begründete, einigermaßen klare Gegenposition gegen Ragaz und Kutter zu entdecken? Nein, was trennt, ist eben das persönliche Vorurteil, das man auf der Gegenseite hat, und aus dem ein prinzipieller Gegensatz gemacht wird. […] Ich habe auf den Reformationssonntag hin in Luthers Kirchenpostille 📖 gelesen. Bei Luther ist doch, obwohl auch er ein Polemiker war, das Denken und Leben aus dem Gegensatz heraus immer wieder überboten durch die Kraft einer Erkenntnis, die über alle Gegensätze hinausgreift. Ich ziehe daraus für mich selber den Vorsatz, mich nicht an Gegensätzen zu orientieren, sondern aus dem vielen oder wenigen, was man gerade hat, heraus zu leben. Das ist auch der Grund der Überlegenheit, die nach meinem Gefühl Kutter über Ragaz besitzt, daß er einfach nicht aus Gegensätzen heraus leben und streiten will, sondern auch schweigend |18 warten und einfach an seinem Orte weiterdenken und weiterbauen kann. […]

Deinen Brief an Rade fand ich gar nicht überflüssig; mir ist deine scharfe, kurze Klarheit lieber als der Predigtstil, in welchem Ragaz Rade anredet. Du sagst schweizerisch deutlich, was viele von uns auch empfinden. Dietschi1 hat auch diesen Eindruck. Er bemerkte zur Antwort Rades, das ständige sich Berufen auf das «Erlebnis» des Krieges, welches Rade vor uns voraus zu haben meint, statt sich auf klare Gründe zu stützen, sei ihm unheimlich, dahinter könne sich leicht ein seelischer Rausch verstecken, der dann für die individuelle Gewissensnötigung genommen wird. Den Vorzug hat der Rückzug aufs Erlebnis eben immer, daß man nicht viel dagegen sagen kann.

Ins Kränzli komme ich nicht am Montag, meine Zeit ist sehr belegt durch Schulhalten für in Militärdienst einberufene Lehrer. Dazu habe ich mir zwei Rezensionen aufgeladen fürs «Kirchenblatt». Sie betreffen systematische Themata, und ich empfinde meine alte Unzulänglichkeit auf diesem Gebiete und fürchte mich schon auf den Augenblick, wo der Mann in Safenwil, welcher, wie schon in Marburg bekannt war und gelegentlich ehrfurchtsvoll herumgeboten wurde, die drei großen Kritiken Kants ganz durchgearbeitet hat, meine Aufsätzlein lesen wird. Sobald ich ein wenig in die neue Belastung durch die Schule eingearbeitet bin, hoffe ich dich wieder zu sehen. Wenn du Zeit hast, laß mich wieder etwas von dir hören. Übrigens steht auch eine Synode bevor, wo man sich wieder sieht und vielleicht auch wieder braucht als Waffengenossen.

Es grüßt dich herzlich
dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Max Dietschi (1873–1951), ausgezeichneter Pfarrer in Seon (Aargau).↩