28. Oktober 1914

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Freund!

Ach was ist das für eine unerfreuliche Geschichte! Der Tatbestand ist folgender. Während meines Zürcher Aufenthaltes hatte ich zwei sehr mühselige Auseinandersetzungen mit Paul Högger.1 Die Rede kam mehrfach auf die persönlichen Eigenschaften und Tendenzen von Ragaz, Bader etc., die für Högger höchst wichtig sind, da er prinzipiell in dem, was er «Mit-Machen» bei den Religiössozialen nennt, nur eine psychologisch-individuelle Frage der Anlage und des Temperamentes sieht. Um ihn von dieser unfruchtbaren Betrachtungsweise abzulenken, warf ich ihm einmal dazwischen, es spielten doch wohl bei Wernle persönliche Motive mit, z. B. ein gewisses Mißbehagen über die Tatsache, daß so viele seiner Schüler nachher unter den stärkern Einfluß Kutters und Ragazens kommen, wobei ich mich auf dich als einstigen amanuensis Wernles als unverdächtigen Zeugen berief. Ich sagte Högger, man sollte auf ihrer Seite das «Individuelle» nicht so wichtig |16 nehmen, gerade wie es uns nicht einfalle, jenes gewisse «Individuelle» an Wernle unser Urteil bestimmend beeinflussen zu lassen. Er ließ mich aber kaum den Satz ausreden, indem er aufs Heftigste bestritt, daß Wernle jemals an Schul- oder Parteibildung gedacht habe, worin ich ihm selbstverständlich nur Recht geben konnte mit dem Bemerken, so sei es auch nicht gemeint. Es betrübt mich sehr, daß Paul Högger (denn es kann niemand anderer sein […]!) nun hingehen und Wernle diesen in seiner Fassung so giftigen Klatsch von den abgefallenen Schäflein etc. überbringen mochte. Es betrübt mich aber auch, daß Wernle sofort auf diesen Klatsch hereingefallen ist und mich nun vor Dritten mit groben Ausdrücken beschimpft. Ich habe das wirklich nicht verdient. Du könntest ihm das zu wissen tun. […] Vor allem tut es mir leid, daß ich dich durch jene Bemerkung in Ungelegenheiten bringe. Ich kann dir nur versichern, daß sie nach Zusammenhang, Form und Inhalt harmlos war und als Gegengewicht gegen das viele «Persönliche» auf unserer Seite gerade eine Ablenkung auf die Sache begründen sollte im Sinne: peccatur intra muros et extra.

Das wegen meinem resp. deinem Schlepptau ist einfach töricht und zeigt mir aufs Neue, wie wenig Wernle die Menschen kennt. Tatsächlich bist du mir, seit wir uns kennen, selbständig gegenüber gestanden, und ganz besonders seit du in Zürich warst, habe ich wahrscheinlich mehr von dir gelernt als du von mir. Du hast mir eigentlich Kutter zugänglich gemacht. Und im Übrigen ists wie du sagst, wir denken und arbeiten ziemlich verschieden, verstehen uns aber in den Hauptsachen und können darum mit Freude zusammen verkehren. Augenblicklich ist mir z. B. die Stellung Kutters zum Kriege eine ziemliche Enttäuschung, während du sie zu begreifen scheinst. Umgekehrt halte ich die Antwort Ragazens an Traub2 für etwas vom Besten, was ich von Ragaz gelesen, während du sie offenbar eher ablehnst. Du kannst also auch in dieser Beziehung unsern strengen Censor vom Heuberg3 beruhigen. […] Der erzwungene Abdruck meines Briefes an Rade ärgert mich jetzt. Er fällt neben Ragaz stark ab.

Mit herzlichem Gruß
dein
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Paul Högger (1875–1942), Pfarrer am Großmünster in Zürich, Vetter Karl Barths.↩
2
Gottfried Traub (1869–1956), ev. Theologe, zuletzt Pfarrer in Dortmund, Verteidiger des liberalen Pfarrers Jatho, wegen seiner Angriffe auf das Kirchenregiment des Amtes enthoben, Verfasser der «Eisernen Blätter» (Dortmund 1914ff., Berlin 1919ff.), in denen er eine Kriegstheologie vertrat. — Antwort an Traub: L. Ragaz, Antwort an Herrn Pfarrer Gottfried Traub, Dr. der Theologie, in Dortmund, in: Neue Wege, Jg. 8 (1914), S. 438ff. 📖↩
3
Wernles Wohnung in Basel.↩