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27. Oktober 1914
Lieber Freund,
Letzte Woche erhielt ich einen Brief von Wernle, worin er uns scharf kritisiert: man finde bei den religiössozialen Pfarrern Herdentum wie sonst nirgends, Nachplappern von großen Sprüchen und Mangel an Kraft und Willen, selbständig zu denken. «Darum sind mir die Religiössozialen oft so entsetzlich langweilig. Hat man einen gehört, so weiß man den Ton von allen.» […] Und nun findet sich der Satz: «Ich hörte neulich, daß Karl Barth von mir weiß, wie ich die verirrten abgefallenen Schäflein zu retten und zu bewahren suchen möchte, als ob dies Persönliche des mir oder andern Anhangens mein Gesichtspunkt wäre. Das finde ich unwahr. In meinen Briefen an Sie werden Sie sicher nichts davon spüren. Wovor mir graut, ist nur das Parteiwesen in jeder Form, die Mode und das Nachplappern, das unter Theologen, und zwar alten und jungen, grassiert. Es tritt an Stelle des alten Gegensatzes von positiv und freisinnig der neue von religiössozial oder nicht-religiössozial, und dann ist eine Dummheit durch eine andere ersetzt. Wenn das so wird, bin ich nicht daran schuld, ich habe |15 die Leute stets zu wirklicher Auseinandersetzung mit den Fragen gezwungen.» […] Wernle war letzte Woche in Zürich. Dort muß er das Gemeldete vernommen haben. […] Ich schreibe dir das auch darum, weil Wernle mir schon vorwarf, ich sei einfach in deinem Schlepptau, erlaube mir auch dir gegenüber keine eigene Meinung. Ich weiß mich aber da durchaus unschuldig. Ich kann nicht einmal finden, daß wir beide sehr gleichartig denken oder in unserer Methode zu arbeiten, einander berühren. Wir verstehen uns einfach und haben etwas vom Austausch miteinander. Daß wir einander in unguter Weise beeinflussen, davon ist doch keine Rede! Oder? Wenn du einmal etwas davon merken solltest, so sags mir. Ich halte Gegenrecht. Im Übrigen wollen wir uns nicht stören lassen.
Mit herzlichem Gruß