25. September 1914

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Freund!

Ich bin also auf dem Zürichberg […] in der Villa meines Schwagers1 und blicke mit der Gelassenheit der besitzenden Klasse auf den Hexenkessel da unten. Ziemlich seltsam komme ich mir zwar vor am Schreibtisch meines Schwagers! Ich wäre auch gern nach Bern gekommen, aber es war wieder einmal des Reisens und Ausfliegens etwas viel geworden in letzter Zeit, und so mußte ich verzichten. […] Willst du mir dann ein paar Worte schreiben, wie es gewesen ist? Ihr solltet nicht versäumen, Wernle gegenüber einmal recht deutlich zu reden. Ich kann seine zwei letzten Artikel immer noch nicht verputzen. Über die Berner Zusammenkunft hörte ich schon durch Zulauf2 in Delsberg (die einzige «Ruine» meiner bernischen Zofingerzeit!). Peter ist seit acht Tagen wieder aus Marburg zurück. Seine Anwesenheit dort war von Rade selbst dringend gewünscht worden, der sich scheints durch Peters und meinen energischen Protest gegen die Haltung der «Christlichen Welt» stark gekränkt und überrascht und betroffen fühlte (alles aufs Mal scheints!). Es scheint Rade mehr an uns Schweizern gelegen zu sein, als wir denken. Es gab dann eine große Aussprache |12 in Gegenwart von Natorp3 und Herrmann4 und Stephan5. Rade beabsichtige auch, einen Brief von mir und seine Antwort darauf in der «Zeitschrift für Theologie und Kirche» abzudrucken6 (ganz Rade!). Doch habe ich unterdessen nichts weiter davon gehört. Peter sagt, man könne sich bei uns keine Rechenschaft geben von dem ungeheuren Druck, unter dem sie jetzt dort draußen stehen. Ganz Marburg voll Verwundete, kaum ein Haus schon jetzt ohne einen Toten oder mehrere. Gestern hörte ich übrigens hier aus einem Privatbrief eines deutschen Militärarztes, daß einzig in drei Spitälern an der belgischen Grenze an 130 verwundete Deutsche mit ausgestochenen Augen gepflegt werden. Was müssen solche Détails aus der Nähe erlebt für seelische Reaktionen bewirken! Kann man sich wundern über die Katastrophe des Christliche-Welt-Christentums? Wie würden wir bestehen in solcher Lage? Eine Katastrophe bleibt es freilich trotz allem, dieses Verhalten unsrer Freunde draußen. Natorp!! Und dabei ist die «Christliche Welt» noch etwas vom Gemäßigtsten, was jetzt geschrieben wird, und hat viele Anfechtungen zu erdulden wegen mangelnden nationalen Bewußtseins. Wie es im Durchschnitt jetzt tönen mag von den deutschen Kanzeln, ist ganz unabsehbar. Wie wird es werden, wenn sie einmal erwachen werden aus diesem ganzen fürchterlichen Irrtum? Woher soll die notwendige neue Orientierung kommen? Wenn irgend einmal, so möchte man jetzt Gott bitten, Propheten aufstehen zu lassen. Wir sind es jedenfalls nicht mit unsern paar Sprüchen, wenn wir jetzt auch ein klein wenig weiter sehen als die draußen. Auch Kutter und Ragaz nicht. Ich habe beide besucht und war eigentlich von beiden etwas enttäuscht. Bei Ragaz störte mich eine gewisse unangenehme Sicherheit («wir haben es immer gesagt»), und Kutter fand ich in einem bei ihm mir ganz unbegreiflichen Interesse für die Détails der Zeitgeschichte und in einer noch unbegreiflicheren Parteinahme für Deutschland und dessen relativ gerechtere Sache. Er war von diesem Thema fast nicht abzubringen, und während man ihm sonst so gerne zuhört, kommen mir seine vorgetragenen politischen Meinungen trotz allerlei Lichtblicken und -blitzen eher wunder|13lich vor. Ich werde ihn am Sonntag predigen und kinderlehren hören und bin gespannt darauf. Es war mir auch unerfreulich, in welchem Ton er […] von den andern Pfarrern redete, die jetzt bis an den Hals von Unterstützungsarbeiten in Anspruch genommen sind. Natürlich ist ja diese Betriebsamkeit etwas höchst Problematisches, natürlich rächt sie sich dann in der Untiefe der Predigten, die diese Leute halten (ich hörte am Mittwoch Bachofner7 im Fraumünster und fand ihn ziemlich 2-3), aber ein überlegener Geist könnte nicht so davon reden, mit solcher Selbstbespiegelung, wie Kutter es gestern tat. Gestern Abend traf ich in einer Einladung mit Pfarrer Keller8 zusammen, war aber auch von ihm gar nicht befriedigt, in anderer Hinsicht wieder. Ich bin doch ein heillos selbstgerechter Mensch, nichtwahr? Ich kam gewiß hieher, um zu lernen und zu hören, aber was ich bis jetzt sah von den Propheten, hat mich nicht groß erbaut und gestärkt. Ich hatte von unsern bescheidenen Zusammenkünften mehr. Doch habe ich ja eine Expedition nach Außersihl9 noch vor mir und so manches andere und hoffe doch noch zu meiner beabsichtigten Ernte zu kommen. In der übrigen Zeit lese ich von und über — Bismarck. Mein Schwager hat eine ganze Literatur über ihn, und so nahm ich die Gelegenheit wahr. Ich wollte eigentlich eine Kant- und Fichte-Repetition vornehmen da oben und hoffe, es komme doch noch dazu. […] Ich habe noch öfters nachgedacht über unser Gespräch bei deinem letzten Besuch bei mir. Eigentlich habe ich allerlei nicht verstanden, besonders deine Aussprüche über das Wunder nicht. Und inwiefern man wirklich alles vom Standpunkt des lieben Gottes aus betrachten solle und könne, ist mir auch noch mehr Problem als dir, obwohl ich das Großzügige dieser Auffassung wohl empfinde. Andrerseits empfinde ich dann doch wieder eine gewisse Vorliebe für das Konkrete und Unzweideutige. Jedenfalls werde ich dir gerne ein nächstes Mal, hoffentlich bald, zuhören, und du wirst ja schon Geduld mit mir haben. […] Für heute genug. Heute Abend gehe ich sogar ins Theater. Von den Cigarren meines Schwagers ganz zu schweigen!

Mit freundlichem Gruß
dein
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Richard Kisling (1862–1917), Kaufmann und Kunsthändler, verheiratet mit Hedwig K. geb. v. Hoffmann.↩
2
Fritz Zulauf (1885–1965), religiössozialer Pfarrer in Delsberg, Studienkamerad Barths.↩
3
Paul Natorp (1854–1924), Prof. für Philosophie in Marburg.↩
4
Wilhelm Herrmann (1846–1922), Prof. für systematische Theologie in Marburg, Lehrer Karl Barths.↩
5
Horst Stephan (1873–1954), Prof. für systematische Theologie in Marburg und Leipzig.↩
6
Der Briefwechsel erschien nicht dort, sondern in «Neue Wege». Vgl. Anm. 1 zum Brief vom 4.9.1914. 📖 ↩
7
Paul Bachofner, Pfarrer am Fraumünster in Zürich.↩
8
Adolf Keller (1872–1963), einer der Initianten der ökumenischen Bewegung in Europa, Sekretär des Schweiz. Kirchenbundes.↩
9
In Zürich Außersihl wirkten die religiössozialen Pfarrer Hans Bader (1875–1935), einer der Anreger und Führer der schweizerischen Religiössozialen, und Emanuel Tischhauser (1868–1943).↩