3. September 1914

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Freund,

Eben erst schrieb mir dein Bruder Peter,1 es werde jetzt dann einmal eine religiössoziale Zusammenkunft in Bern stattfinden. Auch ihm scheint das sehr am Platze zu sein. Er gibt der gleichen Betrübnis Ausdruck, wie wir sie hegen, über das Versagen unsrer religiösen Presse. Nirgends erscheint etwas aus den Gedanken heraus, die uns bewegen. Immer nur die alten Tröstereien mit neuem Pathos. Das scheint mir z. B. bei Wernle so stark der Fall zu sein. Lies den beigelegten Artikel. Wozu mit diesem Elan aufs Neue verkündigen: ihr sollt und dürft Gott und das Vaterland zusammendenken und jeder für das seine beten. Wahrhaftig, das wissen wir ja und tuns auch, aber daß es ein grauenvoller Widerspruch ist und bleibt, das ist das Entscheidende, wenn man betende Hände zu dem einen Gott und die Waffen gegeneinander erhebt. Das sollte zum Bewußtsein gebracht werden, sonst artet alles in eine bodenlose Gemütlichkeit und Gedankenlosigkeit aus. Jeder soll nur recht beten, der Franzose und der Deutsche und neuerdings sogar, wie man liest, der Türke (für den Deutschen!). Das ist die Wirklichkeit, ein Phantast, wer es anders sieht. Und das sei, so argumentiert Wernle, reife und nüchterne christliche |9 Haltung. Sie ergebe sich überdies mit zwingender Notwendigkeit aus der Historie. […] Natürlich will er dann doch auch nicht der sein, der «Dein Reich komme» nicht mehr beten kann. Ich kann dieses sich geradezu Freuen an ungelösten Widersprüchen nicht verstehen. […] Und dazu die billigen Ausfälle gegen religiössoziale Antimilitaristen. Was dem gegenüber Ragaz2 von der verwandelnden Kraft der heutigen Katastrophen schreibt, ist nicht unrichtig. Aber was ich in diesen Tagen in meiner Gemeinde an Selbstsucht und Egoismus sehen muß, zeigt mir, daß auch die heutige Katastrophe noch nicht hart genug ist und also nicht die letzte sein wird. — Ich lege dir eine Predigt von Kutter3 bei, du magst sie behalten, und meine letzte Sonntagspredigt, sie handelt vom Zorn Gottes. Ich halte sie nicht für besonders gut, aber ich möchte mir damit auch wieder einmal eine oder zwei von dir erbitten. […]

Mit herzlichem Gruß
dein
Eduard Th.

Sachfußnoten

1
Peter Barth (1888–1940), Bruder von Karl Barth, Schwiegersohn von Prof. M. Rade, Pfarrer in Laupen, später in Madiswil (Bern). Zusammen mit W. Niesel Herausgeber von: Joannis Calvini opera selecta, 5 Bände, München 1926-1952. 📖 ↩
2
Leonhard Ragaz (1868–1945), Pfarrer am Münster in Basel, dann Prof. in Zürich. Führer der religiössozialen Bewegung in der Schweiz.↩
3
Hermann Kutter (1869–1931), Pfarrer am Neumünster in Zürich. Kämpfer für ein neues soziales Christentum. Bedeutender Prediger und Schriftsteller.↩