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23. Juni 1913
Lieber Freund!
Dein Besuch vor acht Tagen war uns eine große Freude, und solange du selbst keine Frau hast, mußt du als der leichter Bewegliche ihn noch oft wiederholen. […] Wegen der Predigerversammlung mußt du dich als Neueingezogener wahrscheinlich irgendwo melden, ich weiß aber nicht wo. Ich selber gehe nicht hin. Erstens ist es mir zu weit, und ich verbrauche den aufzuwendenden schnöden Mammon lieber zu einem Freudlein, an dem meine Frau auch etwas hat. Zweitens sind mir vorläufig solche Ansammlungen von Pfarrern als solchen (nicht als Gesinnungsgenossen) nicht nur kein Freudlein, sondern etwas Arges, dem ich lieber ausweiche. Es gibt nichts Schlimmeres als so einen Tisch voll Pfarrern aller Richtungen, die es sich schmecken lassen. Die Referate kann man ja nachher lesen. Und Vater Wernle1 und die Jungpositiven genieße ich lieber einzeln als in Haufen.
Den Brief der Arbeitersfrau, den du mir geschickt hast, habe ich gestern in der Predigt vorgelesen. Puncto Partei2 bin ich noch nicht ganz fertig mit mir. Ich werde wahrscheinlich absagen. Aber ich kann mich der Sache nicht so leicht entziehen. Es |5 scheint mir aber, prinzipiell müßte es möglich und bei unsern Überzeugungen sogar geboten sein. Das von der «Entpolitisierung», was du mir vorgetragen hast, verstehe ich nicht recht. Willst du damit sagen, die Christen überhaupt sollten sich vom Parteileben fernhalten, oder nur die Pfarrer? Soll man den Parteien dann [die] überlassen, die dem Evangelium fernstehen? Wenn ich Nein sage, so tue ichs mit unfreudigem Herzen, im Gefühl, daß ich der menschlichen kläglichen Schwachheit eine Konzession mache, meiner eigenen und der der anderen: daß ich mich nicht reif genug fühle, guter Pfarrer und guter Parteimann zugleich zu sein, daß ich über das Widerwärtige am sozialistischen Parteileben nicht wegkomme, daß ich befürchten müßte, von der Mehrzahl in meiner Gemeinde nicht verstanden zu werden. Aber irgendwelches christliches Pathos kann ich für dieses Nein nicht aufbringen, ich kann nur sagen: Leider, leider vorläufig nicht!
Mit herzlichem Gruß