4. Mai 1913

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Freund!

Was mußt du von mir denken, daß ich dir noch gar nicht für das prächtige Hochzeitsgeschenk, den Troeltsch,1 gedankt habe? Ich sagte es dir ja schon vorher, als wie nett ich diese freundschaftliche Demonstration empfunden habe und wie ich mich auf den Besitz des Buches freue. […] Nun kann ich den Dank gleich noch verbinden mit der herzlichen Gratulation zu Leutwil.2 Hurra, ein «wohlgesinnter» aargauischer Pfarrer mehr! Gewiß mußt du dich der bisher von Schild3 und mir gebildeten äußersten Rechten in der Synode anschließen! […] Und nun komme ich noch mit einer Bitte daher. Mein Lieber, bist du am 18. Mai noch frei und könntest du für mich predigen und kinderlehren? Ich habe nämlich am 19. Mai im aargauischen Pfarrverein in Lenzburg über «den Glauben an den persönlichen Gott»4 zu referieren und wäre froh, in der Woche vorher von der Predigtarbeit frei zu sein. Es wäre auch fein, wenn du bei diesem Anlaß wieder einmal zu mir kommen und uns im Ehestand besichtigen könntest. Meine Frau5 würde sich auch freuen, dich wiederzusehen. Machs doch, wenn du |4 kannst, wal? Ich sitze hinter einer langen, langen Reihe von Religionsphilosophen und Dogmatikern, denen ich für mein Thema auf den Zahn fühlen muß.

Mit herzlichem Gruß
dein
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Ernst Troeltsch (1865–1923, Prof. für systematische Theologie in Heidelberg), Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen ( = Gesammelte Schriften, Bd. 1), Tübingen 1912. 📖↩
2
Eduard Thurneysen (geb. 1888), 1911-1913 Hilfssekretär des CVJM in Zürich, von 1913 bis 1920 Pfarrer in Leutwil im Kanton Aargau.↩
3
Paul Schild (1884–1966), damals Pfarrer in Uerkheim, der Nachbargemeinde von Safenwil.↩
4
Der Vortrag wurde veröffentlicht in: ZThK 24 (1914), S. 21–32; 65-95. 📖↩
5
Nelly Barth, geb. v. Hoffmann, geb. 1893.↩