Predigt: Matthäus 13,44 (Hochzeit von Karl Guggenheim und Nelly Zollikofer)
Sollte man glauben, daß im Acker des Lebens der Schatz des Himmelreichs verborgen ist? Daß eine große Freude zu haben ist für alle Menschen, für jedes einzelne Menschenkind? Daß die Armen die Fülle haben und die |445 Törichten weise sein und die Kranken gesund und die Betrübten fröhlich werden dürfen? Daß die Sonne der Wahrheit über Allem und in Alles hinein leuchten will?
Es sieht oft so gar nicht danach aus. Ist nicht die Erde voll Blut und Schrecken? Möchte man nicht an den Menschen verzweifeln und ihre höhere Bestimmung am liebsten vergessen, wenn man sie ein wenig näher kennen lernt? Wird man nicht auch mit sich selbst merkwürdig rasch fertig, sowie man sich auch nur ein wenig aufrichtig mit seinem eigenen Charakter und bisherigen Leben beschäftigt? Stehen wir nicht alle wie vor einem verschlossenen Tor, wenn wir es wagen, das Wort «Himmelreich» auch nur für einen Augenblick da aus der Bibel herauszunehmen und in unser reales Leben hineinzustellen? Sind nicht die Philister und die Streber und die ganz platten, gedankenlosen Leute die Einzigen, die in dieser Welt eine große Freude haben können, weil sie als leichte Ware überall so recht obenauf schwimmen?
Das alles kann richtig sein, und dann ist da doch etwas in uns, das sich dagegen wehrt und trotz Allem an das verborgene Himmelreich glaubt. Und dann gibt es Momente, Erfahrungen, Wendungen in unserem Leben, wo wir einfach daran glauben müssen, glauben an einen Sinn des Daseins, glauben an die Menschen, glauben an uns selber, glauben an Gott, der hinter all dem Entsetzlichen, Zweifelhaften, Närrischen der Welt verborgen sein Werk treibt und dem wir mit unserem kleinen Dasein in Freud und Leid dienen dürfen. Es gibt Menschen, die erleben durch eigene oder fremde Schuld wenig solche Momente, und ihr Leben liegt da wie eingehüllt in einen Nebel von Unsicherheit und Unbefriedigung. Das sind die Armen, denen wir unendlich viel schuldig sind. Es gibt aber Andere, deren Leben reich ist an solchen Durchblicken und Aussichten in das Ewige und Göttliche, die immer wieder Gelegenheit gehabt haben, hineinzusehen in die Welt der großen Freude. Das sind die Bevorzugten, die Begnadeten, ich möchte sagen: die Auserwählten Gottes. Das sind die, auf denen darum auch eine besondere, große Verantwortlichkeit ruht.
446Liebe Freunde! Ich rechne euch zwei zu den Bevorzugten und Verantwortlichen. Ihr braucht nicht gedankenlos und hoffnungslos über den Acker des Lebens zu gehen. Euch soll das Himmelreich und seine rechte, echte Freude nichts Fremdes sein. Ihr kommt her aus einer Jugendzeit, die euch beiden viel reiche Erlebnisse und Begegnungen gebracht hat, die euch wie gezwungen haben, an Gott zu glauben und seiner Güte zu vertrauen für euch selbst und für die anderen Menschen. Und ganz weit geht die Türe des Himmelreichs auf vor euch, wenn ihr an das denkt, was nun zwischen euch zwei entstanden und gewachsen ist, und an das gemeinsame Leben, in das ihr nun hineingehen dürft. O, die Liebe und die Ehe, wenn man sie freudig und bewußt antritt, wird der Ort, wo Gott das feinste und eindringlichste Wort mit uns redet von seiner verborgenen Herrlichkeit, das Wort für jedes Einzelne, daß es sich selbst ganz viel zutraut und ohne Hochmut nie irre wird an sich selber, das Wort, das uns die Menschen verstehen lehrt nicht so, wie sie sich leider gewöhnlich geben, sondern wie sie sind in der Tiefe ihres Wesens, das Wort, durch das sich uns der Sinn der Welt eröffnet, durch das wir begreifen lernen, daß sie wahrhaftig kein Narrenhaus ist, sondern eine Arbeitsstätte des ewigen, guten Geistes, der sich durch die Nacht hindurchringt zu einem wunderbaren Lichte. In allen diesen Offenbarungen steht ihr mitten drin, seit ihr eins zum anderen gesagt habt: du bist mir lieb und ich will dein sein!2, und ihr könnt mir glauben, daß ihr mit allen freudigen Entdeckungen, die ihr schon gemacht haben mögt, doch erst ganz am Anfang steht und daß es nachher schöner und immer schöner wird. Und seht, dieses Neue, das euch da geschenkt wird, im Verein mit dem Alten, das ihr schon vorher gewußt habt und gewesen seid, das muß nun in euch zu einer starken Gegenwehr gegen den Unsinn und die Traurigkeit des Lebens werden, zu einem inneren Zwang zu dem Glauben, der das Himmelreich nicht nur findet, sondern stürmisch an sich reißt [vgl.
Ihr steht heute vor uns als Menschen, die eine Zukunft und eine Hoffnung haben in einem ganz besonders tiefen und ernsten Sinn. Ich möchte euch sagen, daß wir auch etwas ganz Besonderes von euch erwarten. Ich möchte euch eben an eure Verantwortlichkeit erinnern, daran, daß ihr das Himmelreich nicht umsonst und nicht nur für euren Privatgebrauch |447 sollt gefunden haben, sonst wäre es eben gar nicht das Himmelreich. Ich möchte euch im Namen Gottes sagen, daß mit all dem Großen und Freudigen, was ihr erlebt habt und erleben werdet, ein Vertrauen in euch gesetzt ist, das ihr rechtfertigen müßt. Denkt nur an alle die Unzähligen da draußen, die innerlich nicht so reich und stark sein können wie ihr, dann wißt ihr, was ihr mit dem, was ihr wißt und erlebt habt, zu tun haben werdet. Denkt nur an all die bösen Geister, die in der Welt spuken, dann wißt ihr, was ihr im Namen des guten Geistes, den ihr kennt, in eurem Leben zu schaffen habt. Euer Weg muß ein Weg des Lichtes und des Segens sein in einem tiefen und mächtigen Sinn. Ihr seid nicht die Ersten Besten, darum muß das Himmelreich, die Wahrheit des Lebens in eurem Haus zu einem außerordentlichen Durchbruch, zu einer hellen Erscheinung kommen. Wem viel gegeben ist, von dem wird viel gefordert werden [vgl.
Und nun erlaubt mir im Anschluß an die Worte des vorhin gelesenen Gleichnisses noch zwei kurze Erinnerungen.
Es heißt da vom Himmelreich, daß es ein verborgener Schatz sei. Es können alle Menschen glückliche Finder des Himmelreichs werden. Aber es werden es in Wirklichkeit nur die, die einen Sinn dafür haben, daß gerade das Verborgene das Wertvollste und Größte ist. Das Geheimnis des Lebens kann nicht auf dem Markt ausgerufen werden. Das Feinste und Tiefste, das wir suchen und gewinnen können, liegt nicht auf der Oberfläche dessen, was wir sagen und tun. Und die große Freude, zu der wir durchdringen, ist nicht auf den Wegen, die der Herr Jedermann läuft. Diesem Sinn für die verborgene Größe Gottes müßt ihr euch immer tiefer eröffnen, gerade in den wichtigen ersten Zeiten eurer Ehe. Und in diesem Sinn euch gegenseitig zu bestärken, wird eine der wichtigsten inneren Aufgaben eures ganzen Lebens sein. Denkt daran, daß die sogenannte gute Gesellschaft euch das nicht geben kann, im Gegenteil: daß sie euch davon abführt.4 Denkt daran, daß die ganze Oberfläche des Lebens, so wichtig und dringend ihre Fragen und Aufgaben sein mögen, |448 zunächst eine Gefahr ist für das eigentliche, das innere Leben, für die Wurzeln des Daseins. Denkt daran, daß, wenn es sich um die entscheidenden Dinge im Leben, um die Grundrichtung und das Ziel handelt, bei der Mehrheit noch immer der Unsinn gewesen ist5. Ihr müßt einsame Menschen werden, weil ihr zu Gott gehört. Ihr müßt eure eigenen, besonderen Augen und Ohren bekommen, um das zu sehen und zu hören, was wichtig ist6. Ihr müßt euer eigenes, persönliches Wort finden, um das auszusprechen, was richtig ist.7 Ihr müßt es unternehmen, ganz euch selber zu finden, schon wenn es in eurem persönlichen Zusammenleben8 wirklich weitergehen soll von Freude zu Freude. Und ihr müßt es erst recht wagen, ganz euch selber zu sein9, um den großen Aufgaben gerecht zu werden, die ganz sicher in eurem Leben von außen an euch herantreten werden. Im Freiwerden von allem Fremden und bloß Angeeigneten, im Finden eures eigenen Tones müßt ihr Gott finden.
Das Andere, was ich euch noch sagen möchte, liegt darin, daß der Mensch, der das Himmelreich findet, Alles muß drangeben können, um es an sich zu reißen und zu behalten. Gerade darüber möchte ich nicht viele Worte machen10, sondern da müßt ihr mich verstehen ohne das. Denn da handelt es sich um das innerste Heiligtum des Lebens. Wir machen, wenn es sich um das Streben nach dem Höchsten handelt, zunächst alle den Fehler, daß wir meinen, wir könnten dabei vorwärtskommen, ohne daß wir uns selbst und uns selbst11 ganz einsetzen. Wir setzen vielleicht unseren Verstand oder unser Gefühl oder unseren Willen ein und halten uns selbst noch wie abwartend im Hintergrund. Solange wird uns dann auch das Himmelreich nicht zu eigen, es wartet seinerseits auf uns, bis wir selber kommen, mit unserer ganzen Seele. Oder wir suchen den großen Fragen des Lebens beizukommen durch allerlei kleine, vorläufige Lösungen, die vielleicht an sich ganz richtig sind, und denken, wir wer|449den durch viele vorläufige Wahrheiten hindurch schließlich zur Wahrheit selber vordringen. Und dabei müssen wir dann merken, wie sich die Wahrheit, die nicht vorläufig ist, sondern definitiv, die erlösende, befreiende, segensreiche Wahrheit, die Wahrheit, mit der man leben kann, immer wieder und immer weiter vor uns zurückzieht. «Er ging hin vor Freuden und verkaufte Alles, was er hatte, und kaufte den Acker.» Das Größte ist auch nur um den größten Preis zu haben. Es gibt für die mancherlei Fragen des Lebens keine Speziallösungen, sondern wir müssen sie auf einen Generalnenner bringen12, dann ergibt sich alles Einzelne von selbst.
Gott tritt aus seiner Reserve heraus mit seinem ganzen Segen, wenn auch wir alle Reserve ihm gegenüber haben fahren lassen, alle Vorbehalte haben fahren lassen14. Und seht, da ist nun die Ehe der Ort, wo wir auf die einfachste und wundervollste Weise zu dieser Hauptsache hingeleitet werden. Die Ehe fordert beständig von uns, daß wir uns drangeben können. Die Ehe gibt sich nicht zufrieden mit Abschlagszahlungen und vorläufigen Lösungen. Die Ehe will uns mit Gewalt aus allem Halben herausreißen15, alles Eigensinnige und Eigenwillige uns nehmen und es umschmelzen in ein Gemeinsames. Es ist etwas Stürmisches16, Furchtbares um die Ehe, bevor wir bewußt und freudig daran gehen, ihre Fragen und Aufgaben aus einem Sinn und einer Kraft heraus zu lösen. Sie wird aber zum eigentlichen Höhepunkt des Lebens und wie zu einer Keimzelle des Reiches Gottes, wenn wir das gemerkt haben, wenn wir es in ihr lernen, lieb zu haben. Alle Lebensideale sind leer, wenn wir dies nicht lernen. Lernen wir es aber, dann wird die Liebe aller Ideale Erfüllung, und die Türe des Himmelreichs geht weit auf.
Und seht, das ist’s, was wir alle euch beiden heute wünschen, und das |450 ist’s, was Gott wahrhaftig euch beiden schenken will, daß ihr durch das Türlein der Liebe hineinsehen und hineingehen möchtet in das Reich des wahren Lebens, für das wir alle bestimmt sind.
Anfang: Versammelt – Bund antreten in Gedanken
– Geber aller guten Gaben – freuen uns mit ihnen
Verheißung: gegeben, finden, aufgetan – bist bereit, willst segnen, Freude machen – Stunde nicht umsonst – unter uns
Rede du!
| Trauung | |
| Lobe d. Herrn | u. was in mir ist |
| " " | u. vergiss nicht |
| der dir alle deine | ..u. heilet |
| der dein Leben.. | der d. krönet … |
| Liebe und Größe [?] verbindet | |
| L. Fr. denket an Alles: | versprochen – schuldig |
| von einander erwartet | |
| gemeinsame erhofft! | |
| Reichet d. Hand z. Zeichen | hl. Ernst vor Gott |
| Seid ihr entschlossen | einander recht lieb zu haben |
| einander gute Freunde zu sein | |
| gemeinsam auf Gott zu vertrauen | |
| ihm immer gehorsamer zu werden und euer Leben in d. Dienst s. Reiches zu stellen, | |
| Ja | |
| Gott hat es gehört. | Er segne euren Bund zu seiner Ehre zu eurem Heil u. zu unser aller Freude! |