17. September 1916

Predigt: 1 Samuel 3,1-10 (Bettag II)

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Bettag II
1.Samuel 3,1–10
Liebe Freunde!

«Des Herrn Wort war teuer zu derselbigen Zeit, und es war wenig Weissagung.» Solche Zeiten sind etwas Unnatürliches. Gott will doch nicht geizen mit seinem Wort. Bei ihm ist Trost und Rat und Ermutigung in Hülle und Fülle. Er hat etwas Erlösendes zu sagen für alle unsere Schwierigkeiten, die kleinen und die großen. Aber es ist manchmal wie eine Grenzsperre zwischen uns und Gott. Haben wir nicht das Verlangen, das Wort zu hören, das uns Hilfe bringen würde? Oder haben wir zwar das Verlangen, aber es ist etwas Feindseliges in uns, das uns dem Wort unzugänglich macht? Das sind die Zeiten, wo das rechte Wort nicht zu haben ist. Wir haben heute morgen davon geredet. Da können die größten Ereignisse geschehen, wir verstehen sie eigentlich nicht. Da können die schwersten Fragen an uns herantreten, wir bringen es zu keiner klaren, freudigen Antwort. Da könnte es noch so nötig sein, daß wir mit sicherem Schritt in die Zukunft hineingehen würden, wir tappen und stolpern doch wie im Nebel. Ja, es ist unter den Menschen wie eine Dämmerung, bei der man zwar etwas sieht, aber doch nicht genug, um arbeiten zu können. Man hört ein Gemurmel von vielen Stimmen, das sind die Menschen alle, die untereinander plaudern und ihre Meinungen auskramen, aber kein klares, deutliches Wort ist darin zu vernehmen. Sie leben, aber sie wissen nicht aus noch ein. Sie reden, aber sie würden eigentlich besser schweigen, denn sie haben ja doch nichts zu sagen. Sie tun und unternehmen allerlei, aber es wird nichts anders und besser. Man merkt an Allem nur die Grenzsperre zwischen ihnen und Gott. Eine solche Zeit war die Zeit, da der Knabe Samuel bei Eli diente in der Stiftshütte. In einer solchen Zeit feiern wir heute Bettag.

330«Und Eli lag an seinem Ort, und seine Augen fingen an, dunkel zu werden, daß er nicht sehen konnte.» Wer ist der alte Vater Eli, der nicht mehr recht sieht? Das ist die Landeskirche und das sind die Gemeinschaften, das ist das Christentum mit seinen Pfarrern und Predigern, mit seinen Versammlungen und Zeitschriften und frommen Büchlein, mit seinen vielen, vielen Worten von Gott und vom Rechttun und von einem besseren Leben. Und wieviel ist dem Christentum anvertraut von alters her! Haben wir nicht die Bibel, Jesus, [den] Segen? O, es ist auf seinem Posten! O, es ist viel, viel Religion im Land! O, der Vater Eli tut unentwegt seine Pflicht, solange er noch kann. Es gibt keine Not in der Welt, für die das Christentum nicht einige tröstende und beruhigende Worte hätte und vielleicht noch ein paar Batzen. Es gibt keine Sünde und kein Unrecht, über das wir Christen nicht sehr richtig und scharf zu urteilen wüßten. Es gibt keine schwere Frage, über die wir nicht klug reden könnten. Das Christentum wird es niemals zugeben, daß das Wort des Herrn teuer geworden sei im Lande, daß wir in einer geistigen Hungersnot leben; das würde ja seiner eigenen Ehre zu nahe treten. Wer darf dem Vater Eli vorwerfen, daß er seine Pflicht nicht tue! Aber die Hungersnot ist da, ob er’s haben will oder nicht. Wo ist die Kirche oder die Gemeinschaft, die sagen dürften: kommt zu uns, wir haben, was euch fehlt und was ihr sucht, den Geist und die Kraft zu einem neuen Leben, wir haben die Liebe, die Gerechtigkeit, wir haben Gott! Sind sie nicht alle Räder, die nur noch weiterlaufen, weil sie im Schwung sind, ohne daß sie etwas treiben? Es ist in der Religion nicht mehr Wahrheit als in dem, was sonst in der Welt ist. Es ist in den Christen nicht mehr Licht als in den anderen Menschen. Hoch und hehr steht das Heiligtum des Glaubens da unter uns, aber auch es liegt in der Dämmerung der Ungewißheit und Unkraft, und die Stimmen, die von da ausgehen, gehen unter im allgemeinen Gemurmel der anderen Menschenstimmen. Ist Eli zu alt geworden? Hat das Christentum keine Macht und keinen Wert mehr?

«… und die Lampe Gottes war noch nicht verloschen!» Wie eine wunderbare Verheißung tönt das Wort. Unter den Menschen ist’s stumm und dunkel geworden, ihre Weisheit ist zu Ende. Was Gott ihnen anvertraut hatte in den großen Zeiten, wo er sich ihnen offenbarte, sie haben es vergraben und hüten es, wie man etwas Wertvolles hütet, mit dem man nichts mehr anzufangen weiß. Aber Gott hört nicht auf zu leuchten, er braucht unsere Augen nicht, er ist in sich selber hell und klar. Die Grenz|331sperre betrifft nur uns. Haben wir uns ihm verschlossen, so ist doch die ganze Welt sein. Er ist nicht gebunden an uns Christen und unser christliches Wesen, er ist majestätisch, der er ist, zu jeder Stunde, in jedem Augenblick. Die Lampe Gottes! Ich denke daran, wie die Gestirne des Himmels in grandioser Ruhe ihren Lauf gehen, unbekümmert um unsere Schwachheit und Torheit. Ich denke daran, daß wir alle ein Gewissen in uns tragen, und im Gewissen ragt die Gotteswelt hinein in unser Leben, wie ein Versprechen, wie eine Weissagung auf die Zukunft. Ich denke daran, daß in allen unseren Häusern eine Bibel liegt, und in der Bibel sind die Propheten und Apostel und der Heiland. Noch sehen wir das Licht nicht, das da überall leuchtet, nein, wir sehen es nicht, denn wenn wir es sehen würden, wurden Wunder geschehen. Eli schläft schon lange, und der junge Samuel schläft noch. Aber die Lampe Gottes brennt. Gott ist uns ganz nahe, Gott ist in uns mit seinem Licht. «Daß etliche untreu sind, was liegt daran, sollte ihre Untreue Gottes Treue aufheben?" [Röm. 3,32].

«Und der Herr rief Samuel! Er aber antwortete: Siehe, hier bin ich!» Die Grenzsperre ist gebrochen, eine neue Zeit hat angefangen – in einem Menschen. Des Menschen Herz ist der wunderbare Ort, wo es sich wenden kann, daß wir das rechte Wort wieder haben und mit dem rechten Wort das rechte Leben und mit dem rechten Leben Gott selber. Dein Herz, mein Herz könnte der wunderbare Ort sein, wo es sich auch heute wenden könnte. Umsonst leuchtet die Lampe Gottes, umsonst ist Gott groß und herrlich in der Natur und in der Geschichte – umsonst, wenn kein Menschenherz da ist, in dem etwas in der Tiefe durchbricht, in dem Gott sein Werk anfangen, neu anfangen kann. Wenn’s dazu kommt, das ist ein wichtiges Ereignis, unendlich viel wichtiger als Alles, wovon die Zeitungen erzählen. Wer sind die Menschen, in denen sich Solches ereignen kann? Da ist der alte in Frömmigkeit und Leben wohlerfahrene und bewährte Eli – und da ist der junge unnütze Samuel – Gott aber geht an Eli vorüber und ruft Samuel! Seine Wege sind andere als unsere Wege [vgl. Jes. 55,9]! Es muß in Samuel etwas gewesen sein, was ihn für Gott bereit und zugänglich gemacht hat. Vielleicht nur ein großes |332 Leiden unter einem Leben, das keinen Sinn hatte. Vielleicht nur eine tiefe Beunruhigung und Unbefriedigtheit über den Zustand seines Volkes, für den niemand das rechte Wort hatte. Vielleicht nur eine entsetzliche Angst, die ihn erfaßte, seit er im Heiligtum Gottes aus- und einging und gewahr wurde: auch da, wo alle Welt es sucht, ist das Wort Gottes teuer, auch da ist das Heilige und Göttliche nicht, allen Frommen, die daran glauben, zum Hohn. Und dann war vielleicht in Samuel ein Warten auf Gott, eine stille Zuversicht und Freudigkeit, daß es bei der Dämmerung und dem Gemurmel der Menschen nicht bleiben könne. Das alles war in Eli nicht, darum konnte Gott ihn nicht rufen. O wenn es in uns wäre, ganz tief und aufrichtig und stark, seht, dann könnten wir heute auch Samuel sein! Nur bei seinem Namen hat ihn Gott gerufen. Wenn in einem Menschen das Neue durchbricht, so gibt ihm Gott keine langen Belehrungen, so braucht es kein ausführliches Lebensprogramm. Das macht sich dann nachher alles von selber. Alles, was Gott uns sagen will, ist enthalten in dem einen Wörtlein: Du! Du bist gemeint! Dich brauche ich! Du mußt erwachen und hören, was kein Ohr gehört hat [vgl. 1.Kor. 2,9]! Es ist nur eins nötig, daß wir erschrecken und gepackt werden und merken: Ich, ich muß nun hindurch und hinein in die Wahrheit, ich kann es nicht mehr aushalten in dem, was die Menschen sagen und tun, ich kann mich nicht mehr begnügen [mit dem], was man als Christ so im Allgemeinen weiß und macht, ich muß den Sprung wagen zu einem höheren Leben, und wenn ich vor der ganzen Welt zum Narren würde. Ich muß mich zu Gott halten. Wo ein Mensch das hört: Du! und das antwortet: Ich!, da ist die Grenzsperre gebrochen, da fängt eine neue Zeit an. Nicht nur für ihn persönlich. Denn wenn das in einem Menschen geschieht, dann muß bald des Herrn Wort wieder lebendig werden auch für die Anderen. Und wenn wir heute Bettag gefeiert haben, so ist das die Entscheidungsfrage für unser Volk, ob heute von einem Menschen dieses Du! und Ich! gehört worden ist.

«Und er lief zu Eli und sprach: du hast mir gerufen! siehe, hier bin ich!» Er kann es sich gar nicht anders denken, als daß der alte Eli es gewesen ist, der ihm gerufen hat. Und so nicht nur einmal, sondern dreimal hintereinander. Gott ruft, und Samuel antwortet, aber jedesmal eilt er zu Eli: du hast mir gerufen! siehe, hier bin ich. Wer anderes sollte ihm denn gerufen haben? Seht, da ist die furchtbare Gefahr. Es kann uns geschehen, daß wir die Stimme Gottes hören und aufwachen aus unserem Schlaf, |333 und es könnte eine neue Zeit anfangen, wo das Wort Gottes wieder lebendig wird – und dann verstehen wir Gott ganz falsch, merken gar nicht, daß er uns gerufen hat, daß wir jetzt für ihn uns bereit machen müßten, sondern laufen zum alten Eli. Da erwachen die Einen aus ihrem Geistesschlaf und sagen: die Kirche, die Kirche muß wieder mehr gestärkt werden und zu Ehren kommen. Da gehen einem Anderen die Augen auf, und der erste Gedanke, der ihm kommt, ist der: nun muß ich mich zu der und der Gemeinschaft halten, bei der ich vielleicht eine wichtige Anregung und Förderung empfangen habe. Da vernehmen Andere die Stimme Gottes und stürmen davon und klammern sich an ein Buch, das ihnen wichtig geworden ist, oder sagen: den berühmten Prediger Soundso müssen wir nun hören, davon hängt Alles ab. Das ist die große, folgenschwere Verwechslung. Gott ruft, und wir antworten, und soweit ist Alles gut, aber statt uns nun vor Gott zu stellen und einmal ganz unmittelbar vor ihm stille zu werden, statt uns einfach zu öffnen, daß er uns sein Licht und seine Kraft mitteilen kann, greifen wir wieder zu dem alten Christentum in irgend einer Form, scharen uns wieder um irgend ein Glaubensheiligtum, führen etwas ein oder machen etwas mit, und weil wir selber eine ganz neue Begeisterung mitbringen, denken wir auch, wir seien nun wirklich auf neuen Wegen, auf den Wegen Gottes, haben eine Zeitlang eine wirkliche, warme Freude an unserem Tun und denken gar nicht daran, daß der alte Eli, wie er auch heißen mag, das Wort, das lebendige Wort Gottes gar nicht hat, daß wir ein Neues pflügen und nicht in die Dornen säen sollten [vgl. Jer. 4,3], daß es nicht gut ist, den neuen Wein in die alten Schläuche zu schütten [vgl. Mk. 2,22 par.]. O, wie oft schon sind so die wunderbarsten Offenbarungen Gottes verloren gegangen. Wie oft schon sah es aus, als solle nun wirklich eine neue Zeit beginnen, und es war von Gott aus Alles bereit dazu. Aber die Menschen merkten es nicht, daß Gott sie rief, und es gab nur eine neue Sorte von dem alten Christentum, und die Hungersnot höne nicht auf. Warum nicht? Höret die Antwort, die Eli zu geben hat!

«Ich habe dich nicht gerufen! Gehe wieder hin und lege dich schlafen!» Und das dreimal! Dreimal geht es wie ein Blitz durch Samuel: Du! und er antwortet: Ich! Dreimal kommt der alte Eli in tödliche Verlegenheit: Ich habe dich nicht gerufen! Dreimal muß er den klugen Rat geben: gehe wieder hin und lege dich schlafen! O meine Freunde, seht, in dieser Verlegenheit und in diesem klugen Rat tut sich erst die ganze schreckliche |334 Lage auf, in der wir uns befinden. Das Christentum der Kirchen und Gemeinschaften, das Christentum der frommen Leute und der religiösen Blätter weiß mit Gott nichts anzufangen. Es hält das Heiligtum des Glaubens hoch empor in einer ungläubigen Welt, es teilt nach allen Seiten Trost aus und wunderbare, schöne Worte, es bietet den Gemütern eine süße Erheiterung und Unterhaltung. Es ist wie ein herrlicher Traum eines armen, sorgenbeladenen Menschen. Aber es erschrickt aus tiefstem Herzen, wenn nun Gott selber redet. Es kann es nicht begreifen, wenn nun einmal der Hunger und Durst nach dem Höheren in den Menschen so stark wird, daß sie sich mit keinem Rat und keinen schönen Worten und keiner Erbauung zufrieden geben wollen, daß sie nach Wahrheit und Leben schreien müssen. Es erkennt nur zu gut, daß da ein anderer Geist redet als sein eigener Geist. Es verwahrt sich eifrig dagegen: so habe ich es nicht gemeint, so weit darf man nicht gehen. Es wird auf einmal ganz weltklug und redet von Schwärmerei und Überspanntheit, es redet von Geduldhaben und Gott-walten-Lassen. Es wird ihm zu der größten und wichtigsten Aufgabe, das angezündete Feuer recht rasch wieder auszulöschen. Es soll ja von Gott eben kein verzehrendes Feuer [vgl. Joel 2,3 u. ö.] ausgehen dürfen, sondern immer nur ein paar Küchenlämplein sollen da und dort glumsen3, in deren Schein Alles so schön beim Alten bleiben kann. Ich habe dich nicht gerufen! Gehe wieder hin und lege dich schlafen! Es ist schwer und unbegreiflich, es zu sagen, aber es ist so: noch immer, wenn die Stimme Gottes sich wieder hören ließ in den Menschen, hat sie gerade in den Kirchen und Religionen ihre furchtbarsten Feinde gefunden. Wie nun? Wenn Samuel den Rat des Eli befolgt hätte und endgiltig wieder eingeschlafen wäre?

Oder ist die Wahrheit doch stärker sogar als der alte Eli? Dämmert etwas in der Seele dieses Religionsmannes, es könnte doch am Ende einen Geist geben, anders als der Geist, den er begreift4? Muß auch er im letzten Augenblick noch Gott die Ehre geben? Hört, was es da heißt: «da merkte Eli, daß der Herr den Knaben rief, und sprach zu ihm: gehe wieder hin und lege dich schlafen; und wenn dir gerufen wird, so sprich: Rede, Herr, denn dein Knecht höret!» Versteht das wohl: Eli selber hörte den Ruf Gottes |335 nicht, und er konnte auch den Samuel nicht rufen im Namen Gottes. Eli war ein frommer Religionsmann und nicht mehr als das. Aber daß er sich der Erkenntnis auch nicht bis zuletzt verschlossen hat, es könnte ein Anderes, ein Neues geben von Gott her, daß er im letzten Augenblick dem Samuel nicht nur geraten hat: schlaf weiter!, sondern: höre du zu, wenn Gott mit dir redet! – das hat Gott dem alten Eli sicher nicht vergessen. Und dafür wollen wir dem Christentum oder dem, was man so nennt unter uns, dankbar sein: es ist etwas in ihm, das weist hin auf etwas Höheres, als es selbst ist. Gott ist nicht in den Kirchen und Kapellen5, aber ihre Türme zeigen wenigstens auf den Himmel, und was in ihnen getan und geredet wird, ist gerade in seiner Hilflosigkeit wenigstens eine Erinnerung daran, daß es noch etwas Anderes gibt. Die Kirchen und Gemeinschaften sind an sich selbst tot, und das Göttliche, nach dem wir hungern, ist nicht von ihnen zu erwarten, aber wenn sie uns schließlich wenigstens darauf aufmerksam machen: es gibt Leben! es gibt irgendwo ein Göttliches!, so haben sie ihre Stellung in dem großen Haushalt Gottes, und wir wollen sie als solche nicht verachten. Und so wie dort der alte Eli dem Samuel zuletzt einen guten Rat hat geben dürfen, so kann am Ende sogar eine so merkwürdige und im Grunde unwahre Veranstaltung wie der heutige Bettag vor Gott einen Wert haben und ihm einen Dienst leisten, wenn da und dort eines gemerkt hat: wenn der Herr mich wieder rufen sollte, dann will ich antworten, ihm selber antworten und mich mit geschlossenen Augen unter seine Wahrheit stellen.

«Da kam der Herr und trat dahin und rief wie vormals: Samuel! Samuel! Und Samuel sprach: Rede, denn dein Knecht höret!» Siehe da: der Mensch, der endlich von den abgeleiteten Brunnen an die Quelle kommt [vgl. Jer. 2,13]. Ich will nicht mehr in den Täuschungen bleiben, ich will die Wahrheit vernehmen. Ich will nicht mehr selber groß sein mit meinen Meinungen und Entdeckungen, Gott soll das Wort haben. Ich will mich nicht mehr verleiten lassen von den Menschen, und wenn es die besten und frömmsten wären, auf irgend ein Nebenweglein, jetzt soll der Herr mit mir reden. Ich will nur noch hören, damit er nicht umsonst redet. Ich will nur noch hören, daß die Gabe Gottes nicht wieder verschleudert wird. Ich will nur noch hören, damit hier in mir die neue Zeit, die verheißen ist, anfangen kann. Ja, hier ist der Anfang der neuen Zeit und |336 das Ende der geistigen Hungersnot: wo ein Mensch endlich einmal nichts mehr will und begehrt als aufmerksam sein. Bei den einfachen, fröhlichen Menschen, die Alles satt bekommen haben außer dem Einen, der unergründlichen Stimme zu lauschen, die ihnen gerufen hat: Du!, und die geantwortet haben: Ich! Laßt die Welt toben und wüten, laßt die Lüge und den Unsinn herrschen auf der Erde, laßt die dunklen Wetter donnern und blitzen über der Menschheit – es hat keine Not. Und wenn nur ein Mensch über dem Rufen Gottes aus einem Christen zu einem aufmerksamen Menschen geworden wäre, so sind wir ganz getrost und wissen, daß das Wort des Herrn nicht mehr lange teuer sein wird im Lande. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen [Röm. 13,12].

Amen.6
Lieder:
  • Nr. 148 «Komm, o komm, du Geist des Lebens» von H. Held, Strophen 1-3 (GERS [1952] 184,1.2.–; EG 134,1.2.–) 🎵
  • Aus dem Lied Nr. 174 «Gott ist gegenwärtig» von G. Tersteegen, die Strophen 4.8 (GERS [1952] 201,3.7; EG 165,4.8) 🎵

Sachfußnoten

1
Am Abend des Bettags fuhr Barth mit Frau und Kindern nach Zürich in Urlaub. Die Familie nahm Quartier im Hause des Schwagers R. Kisling. Am 19. September hielt Barth die Predigt bei der Trauung seines Freundes Karl Guggenheim (Bw.Th. I, S. 154 📖; s. unten S. 444). Am 24. September hörte Barth in Zürich eine Predigt Hermann Kutters (Notizkalender). In Leutwil vertrat er am 1. Oktober seinen Freund E. Thurneysen (vgl. dazu unten die Anm. 6).↩
2
Im Juli hatte Barth mit der Auslegung des Römerbriefs begonnen, die er auch in den Urlaubstagen fortführte. Im September war er beim 3. Kapitel angekommen. Die Übersetzung von πίστις durch «Treue», ἀπιστία durch «Untreue» ist eine Frucht dieser Arbeit. Vgl. dazu Römerbrief 1, S. 18f., Anm. 12 📖.↩
3
= glimmen.↩
4
Vgl. J. W. von Goethe, Faust I, V. 512f. (Nacht) 📖:
Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
Nicht mir!
↩
5
«Kapellen» werden die Versammlungsstätten der freikirchlichen Gemeinden genannt.↩
6
Über die beiden Bettagspredigten schrieb Barth am 20.9.1916 an Thurneysen: «Nelly war diesmal erfreut und fand die Predigten ‹beflügelt›, aber was alle die Bettagschristen gedacht haben mögen, ist eine andere Frage.» Thurneysen schrieb am 5.10.: «Deine freundschaftliche Predigtvertretung am letzten Sonntag war mir eine große Hilfe» (Bw.Th. I, S. 154f 📖).↩