In Gottes Reich ist kein Ding dem anderen gleich. Da sind Große und Kleine, Herrliche und Häßliche, Starke und Schwache. Da ist die warme Sonne, und da ist der kalte Mond. In der Vorzeit gab es riesenhafte geflügelte Eidechsen, die spielten auf dem Erdboden vor Gott [vgl. Spr. 8,31], aber die Mücklein, die nur ein paar Stunden in der Luft tanzen und leben, sind auch seine Geschöpfe. Von allen Tannennadeln in allen Wäldern der Welt, die es je gegeben hat, ist noch nie eine der anderen gleich gewesen. So will es Gott haben; das Fabrizieren, wo Alles gleich herauskommt, ist eine Menschenerfindung. Gott hätte ja vielleicht auch fabrizieren, auch Alles gleich machen können nach ein paar dutzend Mustern. Dann wäre die Welt wohl schon lange untergegangen vor Langeweile. Es ist gut, daß wir Menschen die Welt nicht zu schaffen und zu regieren haben; ich glaube wirklich, wir müßten dann alle sterben vor entsetzlicher Langeweile, denn wir würden sicher Alles gleichmachen wollen. Gottes Reich ist ein Reich von unendlich vielen Stufen und Verschiedenheiten. Wir können uns Gottes Wirken gar nicht anders vorstellen als in einer ganz gewaltigen Freiheit und Mannigfaltigkeit. Und auch darin ist Gott frei, daß er durchaus nicht an allen Dingen die gleiche Freude hat. Er hat es mit ihnen wie ein Künstler, ein Maler etwa mit seinen Werken. Er hat sie |285 alle lieb, es sind alles seine Geschöpfe, es ist in ihnen allen etwas von seiner Art, hineingelegt von ihm selber. Aber auch darin ist keine Gleichheit, sondern Freiheit; Gott kann sich in einzelnen seiner Werke besonders gut wiedererkennen, in anderen weniger gut. Es gibt klarere, hellere Spiegel und trübere, verworrenere. Es gibt Wesen, die den höchsten, schönsten Gedanken Gottes näher stehen, und andere, die ihnen ferner sind. Es wäre eine Torheit, behaupten zu wollen, an einem Schneeberg oder an einem Sumpf voll Schlamm und Fröschen habe Gott die gleiche Freude, ein Adler oder eine Blindschleiche, das komme für Gott aufs Gleiche heraus. So langweilig ist Gott eben nicht: er hat manchmal größere und manchmal kleinere Freude, je nachdem eben seine Herrlichkeit in seinen Geschöpfen größer oder kleiner ist. Er ist in ihnen allen, sie gehören alle ihm, und in ihm leben, weben und sind sie [vgl. Act. 17,28], er hat bei allen, auch bei den bescheideneren und unerfreulichen Dingen seine besondere gute Meinung, die wir nur manchmal nicht erkennen. Aber daß er eine verschiedene Freude hat am einen und anderen, das dürfen wir ihm auch nicht nehmen und nicht übelnehmen. Das ist seine Schöpferfreiheit, und wenn wir ihn anbeten wollen im Geist und in der Wahrheit [vgl. Joh. 4,24], so müssen wir auch diesen Reichtum und diese Mannigfaltigkeit seiner Werke und seiner Freude verstehen lernen. Es ist das Wunderbare an Gott, das wir nie ganz ausdenken und ausmessen können, daß diese Stufen und Verschiedenheiten da sind, und doch muß Alles, was ist, zusammen ein Ganzes bilden, ein Reich – muß jedes Einzelne, groß oder klein, im Licht oder im Schatten, neben dem anderen und mit dem anderen zusammen helfen, seine Ehre groß und immer größer zu machen.
So ist’s nun auch mit den Menschen. Sie sind durchaus nicht gleich, sie waren es nie, und sie werden es nie sein. Es wäre furchtbar, wenn die Menschen einander gleich wären: gleiche Gesichter, gleiche Gedanken, gleiche Tugenden, gleiche Fehler, gleiche Fähigkeiten und Schwachheiten. Vielleicht müssen wir uns die Hölle so vorstellen: Alles aus einem Model, allgemeine Gleichheit, ein einziger grauer, lauwarmer Brei. Zum großen Glück sind wir alle sehr ungleich, bis auf die Glieder der gleichen Familie jedes einzelne nach einem besonderen Plan entworfen und gebaut. So wie du jetzt dasitzest und bist, das war noch gar nie da, das ist etwas vollständig Neues, seit es einen Himmel und eine Erde gibt. Aber auch deine Nachbarn links und rechts, dein Mann, deine Kinder, deine Geschwister |286 zu Hause, jedes ist etwas ganz Neues. So war schon das erste Brüderpaar auf der Erde, Kain und Abel, einander ganz ungleich, jeder etwas für sich. Man hört oft sagen, alle Menschen seien vor Gott gleich. Das ist eine halbe Wahrheit, nur eine halbe. Ja, wir sind darin alle vor Gott gleich, daß er uns alle ganz gleichmäßig dazu erschaffen hat, ein jedes auf seiner Stufe, nach seiner Art, auf seinem besonderen Weg Freude zu haben, recht zu tun und seiner Ehre zu dienen. Aber wir sind darin alle sehr ungleich, daß wir wirklich auf ganz verschiedenen Stufen stehen, jedes seine eigene Art und und seinen besonderen Weg haben. Die Uniformen und der Taktschritt, das sind wieder Menschenerfindungen! Wie muß wohl Gott lachen über alles das, was der Staat und die Schule und die Kirche und manche Eltern probieren, um die Menschen einander gleich zu machen. Und wenn du oder ich uns neben Mose stellen wollten oder neben Calvin oder neben Pestalozzi und wollten behaupten: alle Menschen sind gleich!, so wäre das vor Gott ganz einfach eine Narrheit. Gottes Absichten mit uns Menschen sind ganz verschiedene, wie es in einer Haushaltung auch ganz verschiedenes Geschirr und Gerät gibt. Und darum hat Gott auch jedem eine besondere Ausrüstung mitgegeben und damit einen besonderen Platz angewiesen. Lieb hat er uns alle, in ihm leben und für ihn wirken, das dürfen wir alle, das können wir wissen. Aber daß sich diese Liebe Gottes zu uns an jedem auf seine Weise zeigt, das müssen wir auch wissen, dürfen es Gott ja nicht abstreiten und nach Gleichheit verlangen. Ganz sicher gibt es Menschen, an denen Gott viel mehr Freude hat als z. B. an uns hier, und wieder sind ganz sicher hier unter uns Menschen, die Gott von Haus aus näher sind als andere. Gottes Reich ist auch in der Menschenwelt wirklich reich, mannigfaltig abgestuft. So war’s schon zwischen Kain und Abel. So ist’s gemeint, wenn wir in der Bibel lesen, Gott habe am Opfer des Abel mehr Freude gehabt als an dem des Kain
[Gen. 4,4f.], oder wenn Johannes in unserem Text sagt: Kains Werke waren böse, die seines Bruders aber gerecht. Auch Kain war von Gott nicht verworfen. Es waren beide in Gottes Reich und Gottes Liebe, nur auf verschiedenen Stufen. Abel hatte einen Vorsprung, wie wir auch alle Tage Menschen sehen können, die einen solchen Vorsprung haben in Gottes Reich und Liebe.
Ich glaube, wir können da etwas ganz Neues merken und lernen von der Liebe, die die rechten Kinder Gottes eben haben zu ihren Brüdern und Schwestern. Liebe ist etwas unendlich Feines und Schönes, so daß wir |287 eigentlich alle danach begehren, lieb gehabt zu werden und auch ein bißchen lieb zu haben, wenn es sein könnte. Sich-lieb-Haben ist das wunderbare Leben und Weben zwischen den Menschen hin und her, daß sie ganz fest miteinander verbunden sind und eins ohne das andere nicht mehr sein mag. Es gibt zwar auch in der Natur ein Sich-lieb-Haben, z. B. wenn die große, prächtige Sonne mit ihren Strahlen alle Morgen wieder durch die Äste der Bäume hindurch ihren Weg findet zu den armen kleinen Moosgewächsen am Waldboden und wenn sich dann das Moos mit der Zeit aufrichtet, so gut es kann, sich ganz durchwärmen und durchleuchten läßt von der Sonne und in lauter Freude und Dankbarkeit sein schönstes, leuchtendstes Grün zum Vorschein bringt. Das ist auch ein Sich-lieb-Haben. Aber am schönsten und reinsten kann die Liebe doch zwischen den Menschen sein. Sie ist auch da ein gegenseitiges Sich-Erleuchten und -Warmgeben und -Freudemachen, nur noch viel tiefer und inniger und göttlicher. Liebe, das ist das Aneinanderdenken in lauter Freundlichkeit, ganz ohne Gift und Hinterhalt. Es weiß eben eins vom anderen: es ist etwas von mir selbst in ihm, ich kenne ihn ganz gut, ich weiß ganz genau, daß nichts Fremdes in ihm ist, was ihn von mir trennen könnte. Es mögen schon Verschiedenheiten da sein, aber die sind nicht so wichtig, da wollen wir nicht lange darüber grübeln. Es mag wohl manchmal ein ernstes, aufrichtiges Wort zu reden nötig sein, aber das kann geredet werden ohne alle Bitterkeit und Wehleidigkeit. Es mögen wohl manchmal unsere Wege ein wenig auseinandergehen, es macht nichts, das ist nur wie beim Spiel der Kinder, wo auch eins rechts laufen muß und das andere links, sie kommen schon wieder zusammen. Aus diesen freundlichen inwendigen Liebesgedanken des einen für das andere kommen dann ganz von selbst auch die rechten Worte und das rechte Tun gegeneinander. O, es ist so gar nicht schwer, lieb zu sein miteinander, wenn man sich einmal im Ernst lieb hat, wenn das einmal klar ist zwischen den Menschenkindern: das soll nun unser Leben sein miteinander: eine beständige Helligkeit, Wärme, Freudigkeit und nichts Anderes, bald du die Sonne und ich das Moos, bald ich die Sonne und du das Moos, wie es uns eben gegeben ist, jetzt so und jetzt so, in einer ewigen Abwechslung und Ergänzung. Da ist dann das Lieben von selber da, alle Morgen neu. Und «dann wird’s offenbar, welche die Kinder Gottes sind», sagt Johannes. So sind eben die Kinder Gottes miteinander, sie können gar nicht anders. Das ist der neue, große Gottesberuf, daß wir einander |288 lieb haben dürfen. «Wer recht tut», und das heißt: «wer seinen Bruder lieb hat, der ist von Gott», nur der! Es gibt kein anderes Rechttun als das Sich-Liebhaben. Wir können einen recht guten Charakter haben und richtige Ansichten und eine große Begeisterung für das Gute, können emsige, arbeitsame, pflichtgetreue Leute sein, es nützt uns doch Alles nichts, wenn uns tief inwendig das Liebhaben fehlt. Wir werden so lange keine rechte und bleibende Freude haben, es wird etwas kalt und tot in uns sein, und der eigentliche Sinn des Lebens wird uns verschlossen bleiben. Umgekehrt: wenn wir anfangen, uns lieb zu haben, dann tun sich alle Türen auf, und das Leben wird uns zu einer Freude. So hat’s Gott bestimmt und geordnet, und wir haben doch schon dann und wann etwas gemerkt von dieser Lebensfreude im Liebhaben, dieser einzigen Freude, die es eigentlich gibt. So hätten’s auch Kain und Abel miteinander halten können.
Aber nun haben wir das Bedenken und die Antwort auf dem Herzen, es sei so furchtbar schwer, sich lieb zu haben unter Menschen. Sich lieb haben!, das ist so schnell gesagt und so schwer getan! Sagt das zwei bösen Buben oder Mädchen, die immer ewas aneinander zu nörgeln und zu kifeln2 haben! Sagt das den beiden Nachbarinnen, die einander schon jahrzehntelang in die Fenster sehen, und solange sie denken können, ist immer ein unsichtbares Gift hin- und hergegangen! Sagt das den Männern, die eine verschiedene Zeitung lesen, einen verschiedenen Standpunkt einnehmen, wie man sagt, oder sonst das Heu nicht auf der gleichen Bühne haben3, sagt das den Eheleuten, zwischen denen nichts sicher und zuverlässig erscheint, als daß sie niemals hätten Mann und Frau werden sollen! Ruft es hinein in alle die Häuser und Herzen, das große erlösende Wort Liebe! Ruft es hinaus unter die Völker! Kommt nicht von überall her nur das eine Echo zurück: Es ist so schwer, so schwer, sich lieb zu haben! Es ist mir unmöglich gegen den und den, die und die, – ich kann’s überhaupt nur mit Vorsicht und Auswahl und Zurückhaltung! Und Kain hat eben den Abel nicht lieb gehabt, sondern gehaßt und erschlagen, wie zum Vorbild von unendlich viel Traurigem und Schrecklichem, das seither in der Welt geschehen ist und bis auf den heutigen Tag geschieht!
289Was sollen wir dazu sagen? Johannes gibt uns eine klare Antwort: Daran wird’s offenbar, welche die Kinder des Teufels sind! Wo keine Liebe ist, da ist also immer ganz direkt das Böse, eine finstere, höllische Unterbrechung und Einmischung ins Reich Gottes, da geschieht etwas gänzlich Unnatürliches. Und jedesmal, wenn wir so seufzen: so schwer! so unmöglich, lieb zu haben, geben wir recht eigentlich dem Teufel und seiner Herrschaft recht und nennen ihn unseren Vater und König, was er doch wahrhaftig nicht ist. Was hat denn Kain getan? Sein erster Gedanke war doch nicht der Haß, er wußte so gut wie wir, daß die Liebe das Bessere ist. Aber das war sein erster böser Gedanke, daß er sich mit seinem Bruder Abel verglichen hat. Er hat studiert4 darüber, warum wohl Abel so anders sei, so auf einer höheren Stufe stehe als er. Er hat an Abel allerhand wahrgenommen, was ihm fehlte. Und da ist ihm die Verschiedenheit im Reiche Gottes zu einer schweren, bitteren Frage geworden, da gab’s in ihm gegen die Schöpferfreiheit Gottes eine harte Auflehnung, so hart, daß er alle Dankbarkeit und Freude über das, was er selbst war und hatte, ganz verlor. Er wäre nur noch gerne gleich dran gewesen wie Abel. Und weil er daran nichts ändern und gegen Gottes Freiheit nicht anstürmen konnte, darum wurde er zuerst verlegen gegen Abel und dann kalt und dann hässig5 und dann zornig und zuletzt zum Totschläger an ihm. So wurde die Liebe zum ersten Mal gebrochen unter den Menschen. Es war nichts Natürliches, es war ein Eingriff des Teufels in Gottes Reich, wir können es nicht anders nennen. Das Vergleichen war vom Teufel, und das Vergleichen ist vom Teufel bis auf diesen Tag, denn Alles, was gegen die Liebe ist unter uns, kommt, wenn wir’s recht ansehen, vom Vergleichen. Es haben sich die Deutschen so lange mit den Engländern verglichen und die Franzosen so lange mit den Deutschen, bis der Krieg da war. Es können sich Geschwister so lange miteinander vergleichen, bis eine große Verschärfung und Verbitterung da ist von Allen gegen Alle und Alles auseinanderfährt. Es ist schon vorgekommen, daß gute Freunde und Gesinnungsgenossen es nicht konnten bleiben lassen, ewig und immer wieder ihre Ansichten und Charaktere und Gaben miteinander zu vergleichen und gegeneinander abzuwägen, und zuletzt wußte niemand mehr aus noch ein, und keiner hatte mehr Freude am anderen. Und in tausenden und tausenden von Ehen ist keine Freude, weil Mann und Frau aus |290 dem Vergleichen: dein Charakter und mein Charakter, deine Familie und meine Familie, deine Art, Liebe zu zeigen, und meine Art – nicht mehr herauskamen, sondern sich in unzähligen Gesprächen und noch mehr Selbstgesprächen erschöpften und für die rechte Liebe zueinander untauglich machten! So wie wir anfangen, uns miteinander zu vergleichen, entsteht eine ganze Kainswelt von traurigen, mißgünstigen, rechthaberischen Gedanken, wächst hinein wie ein riesenmäßiges Unkraut in den Gottesgarten der Liebe und erstickt nach und nach Alles. Daß wir’s doch so gar nicht fassen können, daß Gott wirklich reich ist und nicht armselig, daß wir uns immer wieder vom Teufel erklären lassen, es sei nicht recht, daß der Andere anders ist. Das eine Mal ist’s der Kain, der sich auf seiner unteren Stufe dagegen empört, daß sein Bruder in der Freude, in der Tüchtigkeit, in der Gescheitheit auf einer höheren Stufe steht und offenbar Gott wohlgefälliger und näher ist in diesen Dingen als er. Oft läuft’s aber auch so, daß der Abel, der in Manchem weiter voran ist, den ersten Stein erhebt und wirft nach seinem Bruder auf der unteren Stufe vor lauter Gerechtigkeit und Gottwohlgefälligkeit. Wir sind manchmal mehr Kain und manchmal mehr Abel und manchmal beides zugleich. Aber immer hat unsere Lieblosigkeit und Härte gegeneinander und das traurige Leben, das wir uns damit bereiten, den Grund, daß wir die Verschiedenheiten im Reiche Gottes nicht begreifen wollen und das Geheimnis der Liebe, das gerade in diesen Verschiedenheiten verborgen ist.
Seht, von diesem Unkraut des Vergleichens hat uns Christus erlöst. Seine Botschaft von der Liebe, von der Johannes in unserem Text redet, ist die fröhliche Botschaft, daß im Reiche Gottes Kain und Abel einander lieb haben können, wenn sie nur wollen. Ja, was hat denn Christus zu sagen in alle unsere Hartherzigkeiten und Zänkereien hinein? Ihr gehört Gott, sagt er uns, und Gott gehören, das ist eine so merkwürdige Sache, daß du darüber ganz getrost vergessen kannst, ob du auf einer oberen oder unteren Stufe stehst, ob du Sonne bist oder nur Moos, Kain oder Abel. Denn wer Gott gehört, der lebt, der kommt nie zu kurz, der kann sich freuen, auch «auf der tiefsten Stufen»6. Die Unterschiede der Men|291schen verlieren ihre Wichtigkeit. Da hat der Apostel Paulus den Heiland gut verstanden, indem er es immer wieder ausrief: hier ist weder Jude noch Grieche, weder Freier noch Sklave, weder Mann noch Weib. Hier ist allzumal Einer! [vgl. Gal. 3,28]. Es kommt für alle die Leutlein schließlich nur auf eins an, bei Gott zu bleiben als ein Teil des Ganzen. Aber ihr gehört Gott als das, was ihr seid!, meint Christus, und da werden die Unterschiede doch wieder wichtig. Es soll eben keins sich selber verachten und etwas Anderes sein wollen, als was es ist. Das ist eben Kainsart. Da beschimpfen wir im Grunde Gott, wenn wir uns vergleichen mit dem und jenem und uns ärgern, daß wir nicht in seine Haut schlüpfen können. Denn Gott hat uns in unsere Haut hineingesteckt und will, daß wir ihm da Ehre machen. Wenn wir recht auf Christus hören, so vernehmen wir, wie er zu einem jeden von uns sagt: geh du deinen Weg! sing du dein Lied! bau du dein Haus! Alles so, wie Gott es dich gelehrt hat und wie du es in seinem Dienst machen mußt. Hör auf zu schielen links und rechts, und wenn sie alle noch so gescheit und fromm und glücklich wären! Da bist du und kannst sie nicht nachmachen! Steh du ganz fest auf deinen Füßen, auch wenn du vielleicht denkst, du seist so ein Kain, dessen Werke manchmal böse sind neben denen der anderen und dessen Opfer auch für Gott nicht immer lieblich duften mögen! Hab du Freude, daß Gott dich trotzdem lieb hat und daß du auch in seinem Reiche bist. Du bist’s, ganz sicher, wenn du nur willst! So redet Christus zu all den Menschen, die aus ihrer Haut fahren möchten! Er stößt uns einfach wieder hinein und sagt jedem Einzelnen: gerade in deiner Haut kannst und sollst du Gottes Kind sein.
Wenn wir uns das von Christus sagen lassen, dann können wir einander wieder lieb haben. Wir können uns nicht lieb haben, solange wir’s nicht wissen: wir sind Gottes und leben zu seiner Ehre. Denn solange wir das nicht wissen, sind wir empfindlich und hochmütig und meinen, es sei furchtbar wichtig, ob wir oben oder unten stehen. Wir können uns aber auch nicht lieb haben, solange wir Gott anklagen und uns selber verachten, denn dann wendet sich unser Zorn wie bei Kain früher oder später gegen die Leute, ob wir’s wollen oder nicht. Wenn wir aber die Entdeckung machen: ich bin ja in Gottes Reich, ich mit meinem Gesicht, mit meinem Charakter, mit meinem Herzen, mit meinem Gewissen, ich, so wie ich bin – wenn ich nur will –, dann hört das alles auf. Dann können wir uns wieder lieb haben. Wir werden dann ganz einfältig und kindlich, |292 sehen uns selber mit heiteren, freundlichen Augen an und so auch die Anderen. Haben wir in uns selbst Ruhe gefunden, dann können wir auch sie in Ruhe lassen mit unserer blöden, aufgeregten Eifersucht. Sie sollen nur auch sein, was sie sind, dann kommt’s sicher gut, wir wollen sie doch gelten lassen und uns an ihnen freuen. Auch das Vergleichen schadet dann nichts mehr, das Gift ist weg. Wir können dann ganz ruhig denken beim Einen: von dem will ich aber etwas lernen und annehmen, beim Anderen: das ist nicht mein Weg! Wir können dann heute ein armer Kain sein, der am Anderen demütig hoch emporschaut wie an einem Turm und morgen vielleicht auch einmal ein glücklicher Abel auf hoher Bergesspitze, wo das Andere etwas zu lernen hat, heute gesegnet werden und morgen selber ein Segen sein wie Abraham [Gen. 12,2]. Wir haben dann Freude an den Verschiedenheiten und ahnen, wie recht Gott gehabt hat, daß er uns so verschieden geschaffen. So gibt’s Luft für die Liebe, und der Teufel hat sein böses Spiel verloren, und das Seufzen: «ich kann nicht!» hört auf.
O meine Freunde, was wird das für ein Aufatmen geben und was für eine Liebe, wenn wir uns einmal von Christus werden Luft machen lassen!