Predigt: 1 Johannes 3,3-9
Es gibt in jedem Menschenleben Zeiten, wo Gott uns so führt, daß wir spüren: nun muß es gegen unsere Sünde zu einem Kampf, und zwar zu einem Entscheidungskampf kommen. Wo es uns klar vor Augen tritt: es ist da in meinem persönlichen Leben eine ungeordnete Leidenschaft, eine |277 sinnlose Gewohnheit, eine verkehrte Meinung, ein dickes Vorurteil, das mich des Morgens und des Abends und bis in meine Träume hinein beherrscht – es kann etwas Großes sein, von dem meine ganze Familie und vielleicht das ganze Dorf redet, aber vielleicht auch etwas Kleines, das alle anderen außer mir selbst nicht einmal bemerken, es kann etwas Inwendiges sein, ein trübes Geheimnis meines verborgensten Herzens, oder etwas Auswendiges, bei dem mein Mundwerk und vielleicht mein ganzer Körper beteiligt ist, etwas, das tagtäglich und jahraus jahrein mein Tun und Lassen bestimmt – darauf kommt’s dann gar nicht an, und das macht nicht den geringsten Unterschied aus –, aber klar tritt es uns vor Augen: es ist da in mir etwas Krummgewachsenes, Gefälschtes, Verdrehtes, etwas gegen Gott und gegen die Menschen und gegen mich selber, etwas Fremdes, das nicht zu mir gehört – und das muß weg. Mein Wille war gefangen von dem Fremden, nun muß er frei werden. Das Fremde lebte in meinem Herzen, nun muß es sterben. Es muß!
Es ist in solchen Entscheidungsaugenblicken keine schwere Frage, wie wir denn mit unserer Sünde fertig werden sollen. Darüber braucht keins von uns eine Anweisung, was es denn nun tun soll, wenn es einmal klar gesehen hat: da fehlt’s mir!, und es einmal in ihm durchgebrochen ist: das muß weg! Wenn das einmal geschehen ist in uns, dann kommt’s sofort auch zum Kampf und zum Sieg über die Sünde. Sag dir’s: wie ich war und handelte und redete, das war gegen Gott, und Gott vergibt dir deine Sünde! Gib deiner Sünde nicht mehr Recht, verteidige sie nicht mehr, nicht einmal in Gedanken, und sie hat kein Recht mehr an dich, sie kann dich nicht mehr angreifen! Erkenne sie als das, was sie ist, als etwas Fremdes, als etwas, das nicht zu dir gehört, und sie ist wirklich nicht mehr dein eigen, sie geht dich nichts mehr an! Gesteh dir’s ein: ich war gefangen!, so bist du frei! Die Sünde hat ihre Macht über dich verloren von dem Augenblick an, wo du die Wahrheit Wahrheit nennst und die Unwahrheit Unwahrheit. Was dir noch anhaftet von dem alten Fehler, das gilt nicht mehr, das bist nicht mehr du selber, das sind geschlagene Nachzügler des Feindes, die brauchen dir keine Angst mehr zu machen, die werden von Monat zu Monat kräftiger und völliger zurückgedrängt. Dieses Nachträgliche von deiner Sünde, das dir vielleicht anhaftet bis an deinen Tod, das rechnet dir Gott in seiner großen Barmherzigkeit nicht mehr an, wenn du nur fest und ehrlich dabei bleibst: Da fehlt’s! und das muß weg! Nein, dieser Kampf gegen die Sünde, wie er zu führen sei, das |278 ist keine schwere und künstliche Frage, sondern Gott sei Dank das Allereinfachste von der Welt. Das geschieht eben, wenn die Entscheidung gegen die Sünde in uns geschieht, wenn’s in uns klar wird und klar bleibt: es muß!
Aber das ist eine schwere Frage für uns Menschen, wie es zu dieser Entscheidung kommen soll: daß sie als etwas Fremdes, Gottwidriges, Unnatürliches vor uns steht, daß wir sie nicht mehr verteidigen und rechtfertigen, daß es zu diesem Riß kommt zwischen uns und ihr, daß wir sie nicht mehr haben und unter keinen Umständen mehr lieb haben wollen. Daß wir’s hören mit unseren inwendigsten Ohren: Es muß! und darauf antworten mit unserer inwendigsten Stimme: Ich will! All unser Fragen: wie wir denn von der Sünde loskommen können, kommt eigentlich nur davon, daß wir es überhaupt nicht wollen. Da muß Gott ein kräftiges, erlösendes Wort mit uns reden. Und darüber wollen wir heute von
Ein jeglicher, der eine solche Hoffnung hat zu Christus, sagt er, der reiniget sich, wie Christus auch rein ist. Wir haben eine Hoffnung, und die allein schon ist das erlösende Gotteswort, daß wir müssen frei werden wollen von der Sünde. Die Hoffnung heißt: es wird Alles neu, es wartet der Welt eine völlige Befreiung von der Not und der Tyrannei und dem Jammer, in denen sie jetzt steht. Was wir jetzt sehen, ist nicht für immer. Der ganze Zustand, in dem jetzt die Dinge stehen, wo es soviele betrübte, unterdrückte Wesen gibt, soviele Frauen, die ihr ganzes Leben hindurch müde sind, soviele Kinder, die nie ein freundliches, gutes Wort hören, soviele Menschenseelen, die von niemand geliebt und verstanden werden, wo das Geld soviel wichtiger ist als das Recht und die Freude, wo man sich so oft mißversteht und verleumdet und beleidigt, wo soviel unschuldiges Blut vergossen wird um nichts, wo soviel Kranke jahrelang ihr Leben verwünschen und soviele Gesunde lange vor der Zeit sterben müssen – dieser ganze Zustand ist nicht endgiltig, bleibt nicht, er ist nur vorläufig, nur ein Übergang. Es geht durch alles, was ist, hindurch ein großes Seufzen der Kreatur [vgl.
Da kam Christus zu uns, und wohin er gekommen ist, da sind die Meinungen zerbrochen wie Glas, und aus dem Seufzen wurde eine große Hoffnung. Denn da war unseren Meinungen zum Trotz ein ganz Anderer als wir, keiner von gestern und keiner von heute, sondern einer von morgen! Die Propheten hatten es schon lange gesagt: es muß einmal eine Wendung nehmen mit dem Druck und der Not, die auf der Welt lasten. Sie sahen es nicht, aber sie glaubten daran. Und nun kam eine Wendung, und wir können sie sehen, und diese Wendung, die dort angefangen hat, ist unsere Hoffnung: Es kam einer, vor dem mußten die finsteren Mächte, unter denen wir sind, stillstehen, in dem fanden sie ihren Meister. Die Borniertheit und Schlechtigkeit der Leute konnte ihn nicht böse und scharf machen. Das Einsamsein und Nichtverstandenwerden machte ihn nicht elend. Den Armen hatte er mehr zu sagen als schöne Trostworte, vor den Kranken stand er nicht ratlos da, der Tod konnte ihn nicht töten. Es war in ihm eine Antwort da auf das alles. Er stand überlegen über dem allem, griff kühn und machtvoll hinein und gründete ein neues Leben, in dem das alles nicht mehr ist. Ein Strom von Barmherzigkeit, Freude, Befreiung, Gesundheit, von ewigem Leben ist von ihm ausgegangen. Und wenn wir die Meinung haben, die Welt müsse immer ein stehendes Sumpfgewässer bleiben, so ist da die Tatsache, daß dieser Strom die stehenden Gewässer in Bewegung gebracht hat. Wo er hinkommt, da bekommt eben das ganze Leben der Welt ein Ziel und eine Zukunft!|
Ihr armen betrübten, unsicheren Seelen, die ihr so oft seufzt: ja, es wäre ja schön! Seht, Christus hat uns etwas Besseres zu sagen: er sagt nur: es wird schön! Christus will euch vom Seufzen zum Hoffen führen. O, das geht Alle, Alle an, die bedrückt und in Sorgen und müde und ratlos sind, Alle, die mit Beunruhigung an den Lauf der Welt denken, und Alle, die mit ihrem eigenen Leben nicht ein und aus wissen, Alle, hoch und niedrig, fromm und weniger fromm, dürfen sich’s sagen und vorhalten, weil Christus es uns sagt und vorhält: Wir haben eine Hilfe zu erwarten. Es ist eine Arbeit im Gang, und wenn die vollendet ist, an dem Abend, wird’s licht sein [vgl.
Und nun sieh dir den Feind genauer an, mit dem du’s zu tun hast! Wer Sünde tut, der ist vom Teufel, dem ist der Teufel sein Gott und Vater. Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, d.h. Teufelsdienst, der läuft als ein Verräter über in die Reihen der feindlichen Heerschar. Ja, es wird in der |281 Welt ein unsichtbarer Krieg geführt gegen Gott und seinen Willen. Wenn Gott Ja! sagt, dann ist immer wie aus einer finsteren Höhle heraus gerufen auch ein Nein! da. In Gottes Schöpferfreude hinein das höhnische Gelächter dessen, der seine Freude am Verderben und Zugrunderichten hat. In Gottes Frieden hinein das Gezischel des Neides und das Gekreische des Zankes. In Gottes Freiheit hinein das Rasseln von Zuchthäuslerketten! Überall dieses widergöttliche Nein! Es spottet auch über das Seufzen der Kreatur, es möchte uns gerne die Hoffnung entreißen, es möchte es gewinnen bei den Armen und Verstoßenen, an den Krankenbetten und in den Trauerhäusern, es möchte, daß da Bitterkeit entstehe, Ausgelassenheit, Wut und Verzweiflung, ein unfruchtbares Murren und Trotzen gegen Gott. In allen schweren Lagen flüstert es uns in die Ohren: sag auch Nein! hör auf zu beten, zu glauben, zu arbeiten! wirf Alles weg, es ist Alles doch nichts. Wir haben dieses widergöttliche Nein alle schon gehört und gesehen bei den Menschen und in uns selber. Das ist der Teufel! Wir wollen nun gar nicht zu vornehm und zu neumodisch sein, wollen dieses kräftige Wort ruhig brauchen, wie es in der Bibel auch gebraucht wird. Und nun wird des Teufels Kind und Knecht, wer Sünde tut, sagt
Ja, nun sehen wir uns selbst an, und das ist eigentlich immer das stärkste und erlösendste Gotteswort, wenn wir so recht deutlich zur Besinnung kommen, wer wir selber sind. Es sind eben in jedem Menschen im Grunde ein paar Personen, die sich wie um die Herrschaft streiten in ihm, und da ist’s nötig, daß es einmal zu einem Durchbruch und einer Entscheidung komme: wer und was bin ich nun in Wahrheit? Es ist eine Person in uns, die will immer nur seufzen und nicht hoffen und die will es dann auch nicht zu der ernsten, gründlichen Reinigung kommen lassen, die so nötig wäre. Es ist eine andere Person in uns, die möchte gerne dem großen Streit zwischen Ja und Nein, zwischen Gott und dem Teufel zusehen, möchte gerne neutral sein und es zuletzt mit dem halten, der gewinnt, etwa wie jetzt die Rumänen6. Von der ist auch nicht zu erwarten, daß sie mit der Sünde, die uns plagt, abfahre7, im Gegenteil. Es ist noch eine andere Person in uns, die kennen wir auch, die freut sich |283 direkt am Bösen, das wir tun, die bläst uns immer wieder die Entschuldigungen und Ausreden ein. Aber seht, das alles sind nicht wir selber. Alle diese Personen sind uns eigentlich fremd, obwohl sie in uns sind. Es ist aber noch eine Person in uns, und das ist unsere Seele, und das sind wir selber, das ist unsere Wahrheit. Und unsere Seele ist aus Gott geboren, darum kann keine Versuchung und Befleckung etwas daran ändern. Gott hat das erlösende Wort gesprochen: die Seelen gehören mir, und niemand soll sie aus meiner Hand reißen [vgl.
- Nr. 172 «Tut mir auf die schöne Pforte» von
B. Schmolck , Strophen 1-3 (GERS [1952] 200,1-3; EG 166,1-3 mit Textabweichungen) - Aus dem Lied Nr. 246 «Wer ist wohl wie du, Jesu süße Ruh’?» von
J. A. Freylinghausen die Strophen 9.10.11 (Reichs-Lieder 257,5.-.6)
- Nr. 148 «Komm, o komm, du Geist des Lebens» von
H. Held , Strophen 1-3 (GERS [1952] 184,1.2; EG 134,1.2; Strophe 3 des GERS [1891] fehlt in den neueren Gesangbüchern) - Nr. 9 «Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut» von
J. J. Schütz die Strophen 4.8.9 (GERS [1952] 49,4.8.9; EG 326,4.8.9 mit geringfügigen Textabweichungen)