Predigt: 1 Johannes 2,7-11(II)
Das ist eine merkwürdige, bedeutsame Botschaft, die wir da bekommen: an der Liebe unterscheidet sich’s, ob wir im Licht oder in der Finsternis stehen. «Wer seinen Bruder liebt, der bleibt im Licht, wer aber seinen Bruder haßt, der ist in der Finsternis.» Die Wege der Menschen mögen tausendfach verworren und verschlungen sein. Das Treiben der Welt mag unendlich rätselhaft werden. Ja sogar unsere eigenen Gedanken und Gefühle mögen uns verborgen und unerklärlich sein. Es kann uns vorkommen, daß wir völlig ratlos sind vor der Frage: wo steht nun Gott? was will er von uns? was heißt er gut? Es kann vorkommen, daß wir auch bei genauer Gewissensprüfung nicht ganz klar werden über die Frage: ist’s gut oder böse, was ich nun tue oder andere tun sehe? Eine Klarheit bleibt uns und taucht immer wieder empor aus aller Verwirrung: Liebe ist Licht, Haß ist Finsternis, Liebe ist von Gott, Haß ist vom Teufel, Liebe ist von oben, Haß ist von unten. Diese Klarheit kommt von Gott selber, aus |233 seinem eigensten Inneren strömt sie uns zu. Diese Klarheit ist das ursprüngliche Göttliche im Menschen, der unmittelbare Berührungspunkt des Menschen mit der Ewigkeit. Diese Klarheit ist gleichsam das Innerste unseres Gewissens, in dem wir eine direkte Offenbarung Gottes haben. Hier denkt nicht mehr der Mensch etwas, hier denkt, wenn man so sagen darf, Gott im Menschen.
Denn Gott selber ist Liebe [
Und nun hat uns Gott das in die Seele gegeben, daß an der Liebe sich Alles entscheidet für uns. Da gehen die Wege auseinander. Daran können wir uns selbst prüfen. Daran scheiden sich die Geister. Daran haben wir den goldenen Faden, um uns in der Verwirrung der Welt – ich möchte sagen: jeden Augenblick zurechtfinden zu können.1 Daran können wir es erkennen und untrüglich feststellen, wenn wir es vergessen haben oder unsicher geworden sein sollten, wie wir mit Gott dran sind. Das war zu allen Zeiten so, das ist bei allen, auch bei den ganz niedrigstehenden und verdorbenen Menschen so gewesen und wird immer so sein: das wissen die Menschen ganz gut, daß Alles schließlich darauf und nur darauf ankommt, ob wir in der Liebe oder im Haß stehen.
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Seht, auf solche Fragen gibt uns
Wer seinen Bruder liebt, der bleibt im Licht, wer aber seinen Bruder haßt, der wandelt in der Finsternis. Das ist die Klarheit Gottes, die in |237 unser Leben, in unsere Welt hineinleuchtet. Wir dürfen sie ganz ruhig leuchten lassen. Sie wird ihren Dienst schon tun, vielleicht zu unserer Freude und Beruhigung, vielleicht zu unserer bitteren Beschämung, aber ganz sicher bringt sie nur das, was sie selber ist. Die Liebe zu den Brüdern, von der es da heißt, ist in ihrem Wesen nichts Anderes als die Liebe Gottes selber, nur daß wir, du und ich, jetzt an der Stelle Gottes stehen und lieb haben dürfen und daß dieses Liebhaben natürlicherweise vor Allem die Menschenkinder angeht, die um uns sind. Das ist der Prüfstein, ob wir im Licht sind, wenn der wunderbare Liebestrieb Gottes ein wenig in uns ist und an uns zum Vorschein kommt. Da mußt und kannst du nun selber entscheiden, wie du dran bist. Kennst du den Drang, aus dir selber herauszugehen und dich selbst und deine Freude in den Anderen zu suchen, wie Gott sich freudig spiegelt in allen seinen Geschöpfen? Sind dir die Anderen wichtig nicht nur um deinet-, sondern um ihretwillen? Das ist Liebe. Oder sitzest du lieber in der festen Burg deiner eigenen Persönlichkeit einsam mit deinen Gedanken und Gefühlen? Bist du selbst und dein Herzlein dir das Interessanteste in der Welt und alle Anderen nur Schatten um dich herum? Das ist Haß, auch wenn dir das Wort vielleicht zu scharf vorkommt. Weiter: hast du Freude, dich und das, was dir gehört, innerlich und äußerlich herzugeben, etwas daraus zu machen nicht für dich, sondern zur Freude, zur Förderung, zum Wachstum des Lebens, das nicht dein eigenes ist, sondern das der anderen? Weißt du, daß das das Geheimnis des Lebens ist: sich hergeben können, daß du nur ein trüber Gast bist auf der dunklen Erde, solange du das nicht hast3? Weißt du, daß dein heiteres Gemüt, der gescheite Kopf, deine Begeisterung für das Gute, deine Religion, deine gute Erziehung, dein Geld gerade nur so viel und nicht mehr wert sind, als du daraus machst, wie Gott beständig etwas macht mit seinen ewigen Kräften? Das ist Liebe. Oder willst du das alles für dich haben wie ein Kind seine Puppen? Ist dir das alles nur wichtig, weil es dir gehört, weil du denken kannst: ich bin, ich habe, ich will? Das ist Haß, auch wenn du deiner Lebtage noch keinen Feind gehabt hast. Und das Letzte, das |238 Größte: wie hast du’s mit den Dummen, mit den Unaufrichtigen, mit den selbstsüchtigen Starrköpfen, mit denen, die schlechte Gewohnheiten haben, mit den Leuten mit den verschrobenen Ansichten? Du weißt: Gott erträgt sie, Gott geht ihnen nach, Gott rechnet sie auch zu sich selber, Gott kann auch mit ihnen etwas anfangen, manchmal sogar gerade mit ihnen, uns Besseren und Gescheiteren zum Trotz. Das ist Liebe. Oder ergreifst du lieber Partei gegen diese Leute, scheidest dich sauber von ihnen, seufzest über sie: ja die Leute! ja das Volk! ja diese und jene!, erklärst ihnen offen oder heimlich: ich bin gegen euch? Das ist Haß, auch wenn du vielleicht eine sehr friedfertige, stille Seele bist. Gott ist gegen keines seiner Geschöpfe. Und diese Klarheit Gottes leuchtet nicht nur in dein und mein persönliches Leben hinein, sondern in unser ganzes gemeinsames Christentum und entscheidet, ob wir wirklich im Lichte sind oder ob Alles nur eine Täuschung ist. Führt unser Glauben, Beten, Singen, Predigtenhören, unser Kirchen- und Gemeinschaftswesen uns heraus aus unseren Höhlen und Löchern, und merken wir, daß wir nicht getrennt, jedes für sich, sondern nur in der Gemeinsamkeit leben können? Wissen wir als Christen, daß Gescheitsein, Reichsein, Angesehensein, Frommsein nur den einen Sinn haben kann, daß wir mit diesen Kräften den Anderen und dem Ganzen dienen? Führt z. B. unser Christentum die Arbeiter und Arbeiterinnen dazu, aufrecht und treu zusammenzuhalten? Führt es unsere vermöglichen Leute dazu, gewissenhaft zu steuern4? Führt es uns Pfarrer, Lehrer, Gemeindebeamte dazu, unsere Pflicht zu tun nur mit Rücksicht auf die Sache des Rechtes und der Wahrheit, die wir zu vertreten haben für Alle, und ohne Rücksicht auf persönliche und ökonomische Interessen? Geht vom Christentum in unserem Dorf – denn wir wollen nur von unserem Dorf reden – eine Macht aus, daß wir unsere Hände ineinander legen und zueinander sagen müssen: Einer für Alle, Alle für Einen!5? Das ist Liebe. Denn so ist und so |239 handelt Gott. Das Gegenteil ist Haß, Haß, auch wenn Alles schweigt, wenn tiefster Friede und kein Streit ist. An der Liebe entscheidet sich’s, ob das etwas wert ist, was wir hier oben in der Kirche6 glauben und tun miteinander. Ihr müßt euch selber antworten, wie die Entscheidung ausfallen wird, ob wir beruhigt oder beunruhigt an unser Christentum denken können. Die Klarheit Gottes in uns, das alte Gebot muß die Antwort geben.
Die Antwort könnte eine freudige, tröstliche, aufrichtende sein. Wir könnten im Licht stehen. Denkt noch einmal daran, daß wir unter dem neuen Gebot stehen, das nicht mehr heißt: du sollst, sondern: du kannst!, daß das wahrhaftige Licht in der Welt jetzt scheint. Die Welt und wir in der Welt brauchten nicht mehr in Furcht zu sein, als ob am Ende doch die Finsternis unser Schicksal sei. Die Entscheidung ist gefallen, daß wir ins Licht gehören, daß Gott uns für die Liebe bestimmt und geschaffen hat. Das ist in Christus wahrhaftig geworden auch für uns. Wenn wir das ergreifen, inwendig mit aller Kraft ergreifen: für uns!, dann können wir in der Klarheit Gottes fröhliche Antwort geben.
- Nr. 20 «Singt, singt Jehovah neue Lieder» von
M. Jorissen nach Ps. 98, Strophen 1-3 (GERS [1952] 25,1-3 «Singt, singt dem Herren neue Lieder»; EG 286,1-3) - Nr. 161 «Herz und Herz vereint zusammen» von
N. L. von Zinzendorf , bearbeitet von Chr. Gregor und A. Knapp, die Strophen 5-7 (GERS [1952] 327,6.5.7; EG 251,5-7)