Von Gottes Glanz umgeben hat Jesus von seinen Jüngern Abschied genommen. Es war nicht das Auseinandergehen von Menschen, die sich liebgehabt haben und sich nun nicht mehr haben werden, sondern die endgiltige Besiegelung einer tiefen, fruchtbaren Gemeinschaft, die nun gerade anhob. Es war nicht das Ende der siegreichen Osterzeit, die die alten Feinde des Menschengeschlechtes: Sünde, Leid und Tod besiegt vor Jesu und der Seinigen Füße legte, sondern die Vollendung dieses Sieges, der nun ein für allemal erfochten war und dessen Früchte nun gepflückt werden durften. Es war überhaupt nicht ein Ende, sondern der denkbar kräftigste und entschiedenste Anfang, nicht ein Altes hatte seinen Lauf vollendet und sein Ziel erreicht, sondern ein Neues trat in die Welt und brach durch. Gott bestätigte vor ihren erleuchteten Augen den Bund, den er mit diesem Jesus von Nazareth geschlossen: dieser ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe [vgl. Mk. 1,11 par.] und in Ewigkeit haben werde – und bestätigte damit den neuen Bund, den er mit der Menschheit geschlossen, bestätigte allen Segen und alle Verheißungen, die lebendig und fruchtbar und zukunftsfroh in diesem Einen über das Menschenleben ausgegossen waren: es war keine schöne Täuschung und kein Blendwerk, sondern mein wahrhaftiger Wille und mein eigenes Werk, was dieser euch gesagt und für euch getan hat, ihr seid meine lieben Kinder, und ihr sollt es allem Teuflischen und Traurigen, das euch hindern will, zum Trotz, rein und ganz werden, die Erde ist mein, und sie soll wieder meiner Ehre voll werden [vgl. Ps. 72,19], wie sie es im Anfang war, und durch Alles hindurch soll es von jetzt an dem Sieg und der |205 Auferstehung entgegengehen, die jetzt angehoben haben. Vor ihren Augen wurde er emporgehoben [Act. 1,9], nicht damit er von ihnen genommen sei, sondern gerade damit ihnen von nun an die Gemeinschaft mit ihm kein menschliches, unbestimmtes Verhältnis mehr sei, sondern eine bestimmte, wirkende Kraft in ihnen, eine Gotteskraft von oben. Eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Blicken [Act. 1,9], aber das war nicht eine Wolke von Wehmut, Trübsinn, Rätseln und Bangigkeiten, sondern die neue Welt des Lebens, zu der er sie aufschauen gelehrt hatte und aus der sie nun die Vollendung der Vollendung, neue, größere Wunder, größere, vollständigere Erschließungen und Offenbarungen der neu und siegreich hervorgebrochenen Liebe Gottes erwarteten. Allein standen sie nun wieder da auf der alten Erde mit ihren Leiden und Sünden, aber nun gerade nicht mehr einsam und verlassen wie damals, als sie zwar Jesus noch hatten, aber er sie noch nicht mit der überlegenen Gewalt, mit der er am Tage von Golgatha ihr Gewissen weckte und ihr Herz warm machte. Nun hatte er sie und sie ihn, nun war’s wahr: siehe, ich bin bei euch! [Mt. 28,20]. Nun war er mit ihnen, wohin sie gingen. Es war kein Tag, an dem geweint und traurige Worte gewechselt und bedenkliche Zukunftssorgen ausgetauscht und vorsichtige Pläne für die Zukunft geschmiedet wurden, dieser Abschiedstag und Himmelfahrtstag Jesu. Seine Himmelfahrt war die Erdenfahrt Gottes, das war ein Tag des Segens und der Anbetung und der großen Freude und des Lobens und Preisens gegen Gott.
Seht, aus dieser großen Freude heraus ist auch unser heutiges Textwort aus dem 1. Johannesbrief geschrieben: und ob jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesum Christum, der gerecht ist, und derselbige ist die Versöhnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unsrigen, sondern für die der ganzen Welt. Wir wollen versuchen, seinen Gedanken nachzudenken, so gut wir’s können.
Johannes sieht die Menschheit seiner Zeit in einem Zustand, in dem Gott ihnen noch ein Fremder ist, sie leben und denken und reden nicht mit ihm, sondern ohne ihn, aus ihrer eigenen Narrheit heraus. Sie leben auf eine Weise und nach Grundsätzen, die sie vor Gott nicht verantworten können. Die Menschen alle, auch die paar gläubigen Christen, sind noch tief in diesem Weltzustand drin. Wohl sehnt sich da und dort einer nach Befreiung, wohl nimmt hier und dort einer einen kühnen Anlauf, aber es kann keiner heraus gerade aus den allgemeinen Gebundenheiten, |206 Gewohnheiten, Einrichtungen, gesellschaftlichen Hindernissen, aus der Lieblosigkeit und Habgier und Unreinheit, die allen natürlich, die öffentlich anerkannt sind1. Die Sünde ist da und herrscht und gibt den anderen Feinden der Menschen, dem Leid und dem Tode, Macht über sie. Johannes nennt diesen Zustand Finsternis.
Johannes hat tief darüber nachgedacht, wie in der Welt Alles zusammenhängt, wie ein arger Baum keine guten Früchte bringt [Mt. 7,18], wie eine Sünde der anderen, ein Übel dem anderen rufen muß, wie es nicht umsonst von Zeit zu Zeit, wenn das Maß voll ist, zu förmlichen Explosionen des Bösen kommen muß in der Welt, so daß sie vollends als Hölle erscheint. Er wundert sich nicht mehr so sehr darüber wie manch Andere. Ja, er möchte, daß Alle es merken sollten: es muß so sein! Finsternis ist Finsternis und kann nichts als Finsternis erzeugen. Er wehrt sich mit furchtbarem Ernst gegen die Menschen, die es auch unter den Christen gab, die den allgemeinen Zustand rechtfertigen wollen: es ist nicht so schlimm! oder: wir können nichts dafür! Nein, antwortet er: es ist das einzig Mögliche und Vernünftige, daß wir uns zu der Sünde stellen und bekennen: die Welt ist so, weil wir nicht anders sind, die Sünde kommt aus uns, wir haben es ohne Gott gemacht. Nur das nicht, nur nicht gerecht sein wollen, wo keine Gerechtigkeit sein kann. Nur nicht Gott zum Lügner machen und uns selbst betrügen [1.Joh. 1,10]. Es ist, als ob es ihm eine Genugtuung gewährte, das Leben der Menschheit zu schildern als ein einziges grenzenloses graues Meer von Sünde. Aber es ist nicht Freude am Bösen oder eine übertriebene Schwarzseherei, die ihn dazu treibt, sondern der unerbittliche Ernst, der weiß, daß wir nur durch die Wahrheit frei werden können [vgl. Joh. 8,32].
Aber er bleibt auch nicht dabei stehen. Ihm ist in der Finsternis von ferne ein Licht aufgegangen. Mitten in dem brandenden grauen Meer weiß er einen Fels. Durch das Getümmel all der entfesselten bösen Mächte hat er eine Stimme gehört: Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende [Apk. 1,8], siehe, ich mache Alles neu [Apk. 21,5]. Er ist so furchtbar ernst in der Einsicht: es fehlt uns!, weil er einen Grund und eine Gewißheit und eine Hoffnung hat. Menschen, die keinen Grund haben oder einen unsicheren, die haben es leicht, freundlich und optimistisch und volkstümlich zu sein und Allen ein wenig Recht zu geben. Wer nicht |207 weiß, wohinaus es will mit den Wegen Gottes, für den liegt es immer wieder am nächsten, sich an sich selbst zu klammern wie ein Ertrinkender an einen Balken und Alles zu versuchen, sich doch noch zu rechtfertigen. Er wird ganz von selber auch den Anderen dabei helfen. Da entsteht dann immer wieder das Bild, das wir in mancher Familie und Gesellschaft, das wir eigentlich beständig vor uns haben, wo Menschen miteinander verkehren: daß immer Alle, Alle Recht haben und immer eins das andere durch sein Rechthaben ermuntert, noch mehr Recht zu haben. Und so haben wir alle Recht und sind doch alle nie recht glücklich, sondern leben in der Finsternis und spüren es an den Beulen, die wir uns voneinander holen. So geht es uns, weil wir nichts Gewisses, Sicheres kennen als uns selber, und mit uns selber werden wir eben immer zu Schanden, und wenn wir tausendmal Recht hätten. Johannes war so einer, der es mit einem Ruck preisgegeben hatte, Recht haben zu wollen, der auch die Anderen stürmisch gleichsam anflehte: o höret auf, Recht zu haben!, dem das Rechthaben [als] das größte Hindernis des Glücks und der Freiheit in der Welt erschien – er war so einer, weil er sich nicht mehr an sich selber klammerte. Er hatte das Licht gesehen! O wenn sie doch jetzt alle nach dem Lichte sehen wollten, statt ihre Finsternis Licht zu nennen! Er hatte den Felsengrund unter den Füßen gespürt! O wenn sie doch alle hieher kämen und stehen lernten, statt auf Brettern und Fässern im wilden Meer herumzuschaukeln! Er hatte die Stimme gehört: Siehe, ich mache Alles neu! O wenn sie doch lauschen, wenn sie doch nur einen Augenblick schweigen würden mit ihrem Lobpreis dessen, was ewig alt und nichtig ist! Seht, darum ist Johannes so ernst und streng und läßt sich lieber als ein Schwarzseher betrachten – weil er eine so große Hoffnung hat. Wer eine solche Hoffnung hat wie er, der läßt sich eben von nichts Anderem mehr Eindruck machen und befriedigen.
Johannes ist auch einer von jenen Jüngern gewesen, die dort Jesus vom Glanze Gottes umgeben Abschied nehmen sahen. Und darum war er so einer mit einer großen Hoffnung. Das ist’s, was er den Heerscharen der Finsternis entgegenzuwerfen hat: Jesus! Das ist’s, was er als frohe Botschaft hinausruft unter die stolpernde, leidende Menschheit: Jesus! – Wir haben Jesum Christum, der gerecht ist! Er sagt hier nicht mehr über ihn als dieses einzige Wort: gerecht! Es sagt ihm Alles. Gerecht heißt: aus Gott geboren und nach Gottes Willen gewachsen und gegangen und gekämpft und gelitten. Das war das Leben Jesu. Die große Ausnahme |208 von der allgemeinen Regel, der große Durchbruch des Weltzusammenhanges, die große Neuigkeit in der alten Welt. Gerecht heißt, was sich nicht erst selber rechtfertigen muß, was das Recht in sich trägt. Gerade wegen der schweren, tiefsten Sünden, wegen derer, die wir alle gemeinsam begehen in aller Harmlosigkeit, brauchte Jesus sich nicht zu entschuldigen, weil er wirklich keinen Teil an ihnen hatte, sondern im Gegenteil von Anfang an etwas Neues in die menschliche Gemeinschaft hineinbrachte. Gerecht heißt vor Gott [stehend], statt ihm den Rücken kehrend. Jesus stand vor Gott, darum konnte über ihn die Sünde nicht herrschen, sondern er herrschte über sie [vgl. Gen. 4,7] und über das Leid und den Tod dazu. Wir haben Jesum Christum, der gerecht ist!, das hieß für Johannes: wir haben auf der Erde unter uns Menschen sehbar, hörbar, greifbar den Anbruch eines Sieges über die Finsternis erlebt.
Aber er drückt es hier auf eine ganz besondere Weise aus; er sagt: wir haben, wenn jemand sündigt, in Jesus Christus einen Fürsprecher beim Vater! Seht, das ist der rechte Himmelfahrtsglaube, der so redet: es ist bei Gott selbst etwas anders geworden, seit Jesus hier war, wenigstens für unsere Augen und Begriffe. Gott war so fern und hoch über uns vorher, so unnahbar heilig und erhaben. Gott war wie aus Stahl gemacht. Wir wußten wohl, daß er das Licht ist, aber wir konnten uns ja dessen nicht freuen, er blendete und erschütterte uns mit seinem Glanz, und jedesmal, wenn wir sündigten – und wir sündigten immer –, trafen und schlugen uns die hellen Blitze seines Gesetzes, seiner gerechten Strafen. Er war ein Gott, vor dem wir alle zitterten. O, wir wußten es wohl, das war nicht Gott, Gott war ja eigentlich immer ganz anders, aber was half es uns: wir hatten ihn nicht anders als so, weil wir ihm fremd und untreu geworden. Und nun kam Jesus, der Gerechte, und hat unsere Gewissen geweckt und unsere Herzen warm gemacht, und nun ist Gott ein anderer Gott für uns geworden. Er ist uns nahegekommen. Seine Heiligkeit ist uns aus einem Gesetz zu einer Kraft geworden. Sein Licht funkelt und blitzt nicht mehr, sondern es leuchtet und wärmt. Er hat uns angefaßt, bei der Hand genommen, zu sich gezogen, er arbeitet an uns und hat etwas vor mit uns, er setzt väterliche Erwartungen auf uns und gibt sich alle Mühe, daß diese Erwartungen nicht enttäuscht werden. Er hat uns lieb [vgl. Joh. 16,27]. Und wir wissen: nicht nur dich und mich, diesen und jenen. Gott ist für die ganze Welt ein anderer Gott geworden, seitdem Jesus Gott der Welt offenbar gemacht hat. Sie gehört jetzt auch zu ihm. Er hat jetzt auch |209 auf sie seine Hand gelegt, er hat jetzt auch mit ihr etwas ganz Großes vor, das ihre Schatten und Mängel und Abgründe beseitigen soll. Die Welt und alle ihre Geschöpfe sind jetzt nicht mehr für die Finsternis, sondern für den Vater des Lichtes [vgl. Jak. 1,17]. Und wenn jetzt jemand sündigt, wenn jetzt die weichende Finsternis doch noch eine starke Gewalt hat über die Geschöpfe und Menschen, wenn jetzt immer und immer wieder auch auf den Wegen des Vaters die Kinder stolpern und fallen – dann, ja dann ist’s eben doch nicht mehr das gleiche wie vorher, denn Gott ist nicht mehr der Gleiche für uns wie vorher. Gott ist jetzt der, neben dem Jesus steht als unser Fürsprecher, er erinnert Gott immer wieder daran, daß er uns ja helfen, erlösen, liebhaben, zu sich ziehen will, trotzdem wir noch so dumm und schwach sind – oder vielmehr: er erinnert uns immer wieder: trotzdem ihr so dumm und schwach seid, ist Gott doch euer Vater und ihr seine Kinder, er euer König und ihr sein Volk, er euer Heerführer und ihr seine Helden, und wenn ihr gestolpert und gefallen seid, so sollt und könnt ihr nun wieder aufstehen, und wenn ihr gesündigt habt, so muß doch Gott zuletzt siegen.
Seht, das hatte Johannes an Jesus. Jesus war der Grund seiner Hoffnung, mit der er sich selbst und die Welt ansehen konnte, obwohl Alles noch im Argen ist [vgl. 1.Joh. 5,19]. Jesus ist die Versöhnung für unsere Sünden, ja für die der ganzen Welt. Versöhnen heißt tilgen, durchstreichen, unschädlich machen, aufheben durch eine große Gotteskraft. Von dem Mann aus, den Johannes zu Gott hat gehen sehen, ist eine Wirkung ausgegangen, die die Welt bewegt hat. Diese Wirkung geht der Sünde an die Wurzel. Diese Wirkung heißt Gottesliebe in die Herzen hinein. Noch steht der Baum. Noch blüht die Sünde. Noch ist die Finsternis scheinbar faustdick. Aber die Axt ist dem Baum an die Wurzel gelegt [vgl. Mt. 3,10 par.]; mach deine Rechnung mit dem Himmel, Vogt, fort mußt du, deine Uhr ist abgelaufen!2 Das sollen alle die wissen und dessen sollen sich alle die trösten, denen ihre eigenen Sünden Angst und denen die Sünde der Welt Kummer macht. Die Versöhnung, der neue Bund Gottes mit den Menschen ist doch da und steht in voller Kraft, seit Christus Teufel und Tod überwunden hat. Es gibt noch Stillstände und lange Aufenthalte wegen unserer Stumpfheit und Trägheit, aber es geht durch Alles hindurch vorwärts, und wir dürfen mit, auch wenn wir noch ganz elende |210 Gesellen sind. Gott hat seine Sache in der Hand und hat auch uns in der Hand, und durch keine Torheiten und Irrtümer und Bosheiten, die wir begehen und die in der Welt herumschwirren wie giftige Fliegen, dürfen wir uns irre machen lassen darin, daß wir mit Gott versöhnt sind und wissen, wie er [es] mit uns meint. Christus hat’s uns verschafft, daß wir jetzt wissen können, wie wir mit ihm dran sind und wohin die Reise geht.
Das war die Freude der Apostel an ihrem Herrn, als sie von ihm Abschied nahmen. Darum war’s eben Freude und nicht Traurigkeit. Die hat gar nichts zu schaffen mit der faulen Heilandsfreude, die im Großen und Kleinen mit der alten Schwatzwelt und Lügenwelt und Banknotenwelt im tiefsten Frieden lebt und bleiben will und sich daneben darauf verläßt: der Heiland macht mich doch selig, wenn ich an ihn glaube. Die rechte Heilandsfreude kann nur haben, wer mit dem Heiland laufen und kämpfen und arbeiten will für seine neue Welt, daß sie sich bald vollenden kann. Wer stille sitzt und sich’s wohl sein läßt, der hat an ihm keinen Fürsprecher und muß wegen seiner Sünden ewig Angst haben, als ob keine Versöhnung da wäre. Gott gebe uns, daß wir, wenn wir an den Heiland denken, nicht stillesitzen können, sondern uns bewegen müssen. Dann können wir auch all diesen wunderbaren Trost an ihm haben.