Predigt: Matthäus 10,21-22
Nicht wahr, das alles möchten wir gerade nicht erfahren und erleben müssen, was uns Jesus da voraussagt: Unruhe und Zwiespalt, Streit und schlimmstes Übelwollen in der Familie, unter den Nächststehenden, Haß von den Menschen! O, da lehnt sich unser Herz dagegen auf: wenn es mir irgend möglich ist, soll mir das, das nicht geschehen! Unser Herz |134 verlangt ja nach Wohlwollen und Entgegenkommen, es dürstet ja nach dem Sonnenschein freundlicher Worte, nach dem Leuchten gütiger Augen. So geborgen und zufrieden und glücklich fühlen wir uns, wenn wir unter Menschen leben, mit denen auszukommen ist, wenn es immer wieder geht mit den Leuten, mit den Nachbarn, mit dem und dem schwierigen Familienglied, wenn die geheimen Gegensätze, die da sein mögen, geheim bleiben, wenn der schlummernde Feuerberg sich wieder auf eine Weile beruhigt, wenn es wieder einmal gelungen ist, eine gefährliche Streitsache in Minne abzuwickeln, ein peinliches Gespräch glatt durchzuführen. Es sträubt sich Alles in uns gegen den Gedanken, es könnte einmal anders gehen; wir wenden alle Kunst auf, das taktvoll, wie man sagt, zu vermeiden; wir eignen uns vielleicht mit der Zeit unbewußt eine wahrhafte Gewandtheit an, solchen Klippen auf unserem Lebensweg auszuweichen, wir verstehen es zuletzt ganz wundervoll, uns selber gleichsam zu knicken und zusammenzulegen, jetzt in diese, jetzt in jene Form, wie ein Stück Papier, kaum daß wir es in stillen Stunden, wenn wir ganz für uns sind, etwa einmal wagen, uns selber zu sein, unsere eigenen inneren Gedanken wirklich zu denken, sonst hinab mit ihnen in die Verborgenheit! – und das alles, um der Gefahr, der großen Gefähr auszuweichen. Und zuletzt haben wir es vielleicht zu künstlerischer Meisterschaft im taktvollen Reden und Benehmen gebracht und fühlen uns bereits ganz sicher unter allen unseren Bekannten: es wird so bald nicht dazu kommen – zu dem Unangenehmen, Schrecklichen, daß sie über uns reden, uns anklagen, gegen uns sind, kleine Nadelstiche und große Schläge gegen uns führen, daß sie uns als Feinde ansehen, uns hassen – o das schreckliche Wort! –, nein, es wird nicht mehr dazu kommen, es darf’s nicht, nein, ich bin jetzt zu taktvoll, zu klug geworden, als daß mir das noch widerfahren könnte. Aber tief im Herzen irgendwo lauen die Angst, die Angst, es könnte mir doch noch einmal widerfahren, daß ich gehaßt werde.
Das ist der natürliche Mensch, der so denkt, der so künstelt und zittert in uns. Wir wissen ja alle ganz gut: er denkt nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist [vgl.
Aber warum sagt er uns denn nun: ihr müsset gehaßt werden von jedermann um meines Namens willen!? Warum redet er denn nun vom Geplagt- und Verfolgtwerden, von der schwersten Uneinigkeit unter den nächsten Menschen, die auf uns wartet? Und wohlverstanden: er sagt nicht: das könnte euch vielleicht widerfahren, wenn ihr nicht klug und behutsam seid!, er sagt nicht: dergleichen kommt eben in der Welt vor, und ihr müßt Sorge tragen durch euer Verhalten und Gott um Hilfe bitten, daß ihr davon verschont bleibt! Nein, er sagt einfach: das kommt, das muß geschehen! ihr müßt gehaßt werden! Da will sich nun eben Alles in uns dagegen auflehnen, nicht wahr! – der natürliche Mensch mit seinem Schlotter5 und seinem Ruhebedürfnis und das, was in uns ist von Himmelreichshoffnung und Erwartung. Das ist die hohe, steile Mauer der Passion, die uns einfach stellt auf unserem Wege. Dieses: ihr müßt gehaßt |137 werden! scheint uns unannehmbar, es scheint uns gegen die Natur und gegen Gott zu gehen! Gerade wie es den Jüngern des Heilands gegangen ist, wenn er ihnen immer wieder davon sprach, daß er von den Menschen verworfen werden, leiden und sterben müsse [vgl.
Aber wie meint er es denn nun? Er will uns doch wahrhaftig mit seiner ganzen Botschaft und mit dem Auftrag, den er uns gibt, das Himmelreich nicht verschließen, sondern eröffnen, er will uns nicht verwerfen, sondern erlösen, er will uns nicht zu Feinden, sondern zu Freunden der Leute machen. Wo ist die Liebe Gottes hinter der harten, schrecklichen Passion? Warum die Passion auf dem Wege zum Himmelreich? Seht, da liegt nun die Antwort gerade in dem harten, abstoßenden: ihr müßt! Es ist merkwürdig genug, aber es ist so: wenn uns Jesus sagen würde: vielleicht werdet ihr unter euren Nächsten einsam und unverstanden dastehen, es wäre möglich, daß man allerlei Böses über euch denkt und sagt, es könnte zufällig dazu kommen, daß man euch haßt und ausstößt und verfolgt, wenn Jesus so mit uns reden würde, dann hätten wir innerlich das Recht, uns dagegen aufzulehnen, Alles zu tun, damit es nicht dazu komme, Gott zu bitten: Laß es an uns vorübergehen! Denn solange wir noch denken müssen: Vielleicht! vom Guten oder vom Bösen, solange sind wir noch nicht auf dem Wege zum Himmelreich. Im Himmelreich gibt’s kein Vielleicht, sondern lauter Sicherheiten, und wir wehren uns mit Recht gegen das Vielleicht. Was bloß möglich ist, das hat noch keinen Sinn für unser Leben, da kann immer gerade so gut auch etwas Anderes möglich sein, dem können und dürfen und sollen wir ausweichen, wenn wir Bedenken dagegen haben. Was bloß zufällig ist, das kann nicht der Wille Gottes sein, und dagegen müssen wir uns sträuben, darum hat auch Jesus in
Aber wenn’s nun nicht so ist, wenn wir uns ehrlich gemüht haben, die Achtung und Liebe der Menschen zu erwerben, friedlich mit ihnen zu leben, ihnen in Fröhlichkeit und Güte zu zeigen, wie wir’s meinen und welches unser Weg ist, und wenn dann trotz Allem Abneigung und Feindschaft ihre Antwort ist, wenn dann trotzdem etwas zwischen uns und unsere nächsten Bekannten und Verwandten hineintritt, was uns von ihnen vorläufig scheidet, wenn dann trotzdem böse Augen uns anblicken, böse Worte uns umschwirren, böse Machenschaften gegen uns unternommen werden – ist’s dann nicht ein wahrer Trost und eine ganz erlösende Erkenntnis, wenn wir merken: es muß so sein? ihr müsset gehaßt werden von jedermann um meines Namens willen. Spüren wir nicht den frischen, fröhlichen Luftzug, der da hinein weht, oder die warme, erweckende Frühlingssonne, die da hinein scheint in so viele dumpfe, gespannte, drückende Verhältnisse, die zwischen uns und den Leuten bestehen mögen? Spüren wir nicht, wie die Last von uns genommen wird, indem wir wissen: es ist Gottes Wille, daß es uns so gehen muß!, jene Last, die uns drückt, solange wir denken müssen: es ist bloß Dummheit, Laune, Zufall, daß es uns so geht? O seht, als Jesus dort seinen Jüngern das Schreckliche sagte: ich muß leiden und sterben!, als er sich dann in
Und wahrhaftig, wenn wir nun auch etwas durchmachen müssen unter den Menschen um seines Namens willen, wenn der Verdruß und der Zorn der Leute sich gegen uns wendet, weil sie Angst haben vor dem Licht und vor der Kraft des Himmelreichs, wenn wir einen einsamen, schwierigen Weg gehen müssen unter ihnen, das eine in seiner Familie, das andere bei der Arbeit, das dritte sonst unter seinen Bekannten, mit den bescheidenen Gotteslichtlein in uns und mit den ersten Spuren eines neuen Lebens in unserem Reden und Betragen, wenn es uns ist, es sei auch gar zu finster um uns, wir könnten auch gar nicht durchdringen, wir würden auch überall zurückgestoßen mit dem anderen Geist, den wir bewähren und zeigen möchten – dann gerade will uns Jesus trösten und befreien mit dem, was ihn selbst getröstet und befreit hat, dann sagt er uns, nicht als eine Unglücksweissagung, sondern als eine freundliche Aufrichtung, nicht als Todesnachricht, sondern als Auferstehungsbotschaft: es muß euch so gehen, ihr müßt gehaßt werden von jedermann. Er sagt uns, daß unsere Lage keine Torheit, keine Sinnlosigkeit ist, gegen die wir anstürmen, aus der wir uns herausziehen müßten, sondern eine Notwendigkeit, die wir auf uns nehmen können, weil sie von Gott kommt. Er sagt uns, daß die Passion auf seinem und unserem Wege zum Himmelreich kein Hindernis ist, sondern daß Gott uns da hindurchführt, gerade weil er das Himmelreich unter den Menschen aufrichten will. Er sagt uns, daß wir ganz recht haben, wenn wir Güte, Freundlichkeit, Frieden und Freude erwarten von den Menschen und unter allen Menschen, und daß es |140 Gott ernst ist, das alles auf der Erde zu pflanzen und wachsen zu lassen, daß wir aber Gott auch völlig vertrauen und es uns gefallen lassen müssen, vorderhand durch Trotz und Bosheit und Unverstand hindurchzugehen. Das Weizenkorn kann keine Frucht bringen, es sterbe denn zuvor. Wenn es aber stirbt, dann bringt es auch Frucht [vgl.
Ja, Seligkeit ist hinter den bösen Gesichtern und Worten der Leute verborgen. Wer bis an das Ende beharret, der wird selig! Seligkeit für uns, die wir jetzt vielleicht unter ihrer Verachtung und ihrem Groll leiden müssen. Denn wenn wir beharren und uns selber treu bleiben und uns von ihnen wohl brechen, aber nicht biegen lassen in dem, was wir sind, tun wir das Werk Gottes, und in diesem Tun werden wir selig sein, und wenn uns die Angst und Betrübnis bis an den Rand der Verzweiflung brächte. Es gibt nichts, was uns mit mehr Freude und Sicherheit und Trost erfüllen könnte als dies Bewußtsein: ich lebe ja nicht für mich, sondern ich schaffe mit meiner schwachen Kraft und mit allen meinen Fehlern für Gott. Ich bin nichts, er ist Alles, ich liege in seiner Hand, und er bewacht mich. Dieses Bewußtsein wird umso stärker, wenn die Widerstände um uns wachsen, wenn die Arbeit für ihn groß und schwer wird. Denn umso größer wird er selber. In solchen Zeiten und Erfahrungen kommt uns das ewige Leben nahe, mitten in den Anklagen und unter den Streichen der Menschen die Liebe, mitten in der Einsamkeit und Verlassenheit eine große Gemeinschaft, mitten in der Feindschaft und im Unfrieden eine tiefe Freundlichkeit, ein stiller Friede. Geht und fragt alle, die schon einmal um des Namens Jesu willen wirklich gelitten und beharrt haben bis ans Ende, ob sie nicht selig gewesen sind, selig nicht nur in der Erwartung, selig nicht erst nach dem Tode, sondern tatsächlich |141 und in der Gegenwart! Aber die Seligkeit ist auch für die Leute, die dich jetzt vielleicht plagen, ja gerade für die. O wenn du das Werk Gottes tust und treu bleibst, dann dienst du den Leuten. Es geschieht wahrhaftig nicht gegen sie, sondern für sie, wenn du deinen Weg gehst und dich nicht irre machen lässest. Du mußt dich nicht anfechten lassen, wenn es deinetwegen vielleicht Unannehmlichkeiten gibt in der Familie und sonst, weil du bist, was du bist, wenn man dich als Friedensstörer anklagt und dir womöglich das Gewissen schwer machen will. Wer sich selber und Gott treu bleibt, der hilft auf alle Fälle seinen Nächsten, und wer ein
Wer ausharret bis ans Ende! Sieh, da stellt uns Jesus eben wieder in allen Teilen neben sich selber. Sein Leben gibt unserem Leben den Sinn, seine große Passion unserer kleinen, seine Auferstehung von den Toten ist die Verheißung unserer Seligkeit. O wir müssen seine Verheißung nur glauben, dann strömen uns von seinem Kreuz schon die Kräfte zu, deren wir zum Ausharren bedürfen. Sie sind nicht ferne, diese Kräfte, sie sind da. Wer glaubt, der hat sie.
- Nr. 111 «Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen» von
J. Heermann , Strophen 1-4 (GERS [1952] 143,1.3–5; EG 81,1.3.4.6) - Nr. 223 «Nun freut euch, lieben Christen gmein» von
M. Luther , Strophen 6-8 (GERS [1952] 253,6-8 mit geringen Textabweichungen, ebenso EG 341,6-8)