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        <title type="volume" n="vol-29">Predigten 1916</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 10,21-22</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 10,21-22, 2. April 1916</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/29016 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1916, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1998, S. 133–142.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
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        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1916</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 10,21-22</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1998</date>
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.29, Predigten 1916, sermon 318</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 10,21-22, 2. April 1916. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1759">KBA 1296</ref>. </bibl>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1916-04-02">2. April 1916</date>
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          <epigraph>
            <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.21 Mt.10.22">Matthäus 10,21–22</ref>
              <quote>… und müsset gehaßt werden von jedermann um meines Namens willen. Wer aber bis an das Ende beharret, der wird selig.</quote>
                        </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Freunde!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Nicht wahr, das alles <hi rend="italic">möchten wir gerade nicht</hi> erfahren und erleben müssen, was uns Jesus da voraussagt: Unruhe und Zwiespalt, Streit und schlimmstes Übelwollen in der Familie, unter den Nächststehenden, Haß von den Menschen! O, da lehnt sich unser Herz dagegen auf: wenn es mir irgend möglich ist, soll mir das, <hi rend="italic">das</hi> nicht geschehen! Unser Herz <pb xml:id="p134" ed="pga"/> verlangt ja nach Wohlwollen und Entgegenkommen, es dürstet ja nach dem Sonnenschein freundlicher Worte, nach dem Leuchten gütiger Augen. So geborgen und zufrieden und glücklich fühlen wir uns, wenn wir unter Menschen leben, mit denen auszukommen ist, wenn es immer wieder geht mit den Leuten, mit den Nachbarn, mit dem und dem schwierigen Familienglied, wenn die geheimen Gegensätze, die da sein mögen, geheim bleiben, wenn der schlummernde Feuerberg sich wieder auf eine Weile beruhigt, wenn es wieder einmal gelungen ist, eine gefährliche Streitsache in Minne abzuwickeln, ein peinliches Gespräch glatt durchzuführen. Es sträubt sich Alles in uns gegen den Gedanken, es könnte einmal anders gehen; wir wenden alle Kunst auf, das taktvoll, wie man sagt, zu vermeiden; wir eignen uns vielleicht mit der Zeit unbewußt eine wahrhafte Gewandtheit an, solchen Klippen auf unserem Lebensweg auszuweichen, wir verstehen es zuletzt ganz wundervoll, uns selber gleichsam zu knicken und zusammenzulegen, jetzt in diese, jetzt in jene Form, wie ein Stück Papier, kaum daß wir es in stillen Stunden, wenn wir ganz für uns sind, etwa einmal wagen, uns selber zu sein, unsere eigenen inneren Gedanken wirklich zu denken, sonst hinab mit ihnen in die Verborgenheit! – und das alles, um der Gefahr, der großen Gefähr auszuweichen. Und zuletzt haben wir es vielleicht zu künstlerischer Meisterschaft im taktvollen Reden und Benehmen gebracht und fühlen uns bereits ganz sicher unter allen unseren Bekannten: es wird so bald nicht dazu kommen – zu dem Unangenehmen, Schrecklichen, daß sie über uns reden, uns anklagen, gegen uns sind, kleine Nadelstiche und große Schläge gegen uns führen, daß sie uns als Feinde ansehen, uns hassen – o das schreckliche Wort! –, nein, es wird nicht mehr dazu kommen, es darf’s nicht, nein, ich bin jetzt zu taktvoll, zu klug geworden, als daß mir das noch widerfahren könnte. Aber tief im Herzen irgendwo lauen die Angst, die Angst, es könnte mir doch noch einmal widerfahren, daß ich gehaßt werde.</p>
        <p>Das ist <hi rend="italic">der natürliche Mensch</hi>, der so denkt, der so künstelt und zittert in uns. Wir wissen ja alle ganz gut: er denkt nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.8.33">Mk. 8,33</ref> par.]. Es steckt eine ganze Menge Eigenliebe, Kleinlichkeit, Feigheit, Jämmerlichkeit in diesen Gefühlen und in diesem Benehmen. Aber halt, das ist nicht Alles, was darin steckt, es wäre nicht so stark, so bezwingend, so unmittelbar, wenn das Alles wäre. Es ist auch <hi rend="italic">etwas vom Himmelreich</hi>, von Gott darin. Es ist ein göttliches Recht und <pb xml:id="p135" ed="pga"/> eine göttliche Kraft darin wie<note xml:id="n01">Vor dem Wort «wie» ist eine Blaustift-Klammer eingefügt.</note> in allen wirklich tiefen, starken Trieben unseres Wesens. Wir kommen nicht weiter, wenn wir den natürlichen Menschen mit seiner Art nur in Bausch und Bogen verurteilen. Seine riesengroße Verkehrtheit und Jämmerlichkeit ist oft nur ein Anzeichen dafür, daß er eine Gotteswahrheit gehört und nicht recht verstanden, nicht zu Ende verstanden hat. Er steht im Kampf mit der ewigen Stimme seines Gewissens, gehorcht ihr halb und doch nicht ganz, tut etwas und weiß nicht, was er tut [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.15">Röm. 7,15</ref>]. In dem Menschlich-Kleinen eingewickelt ruht verborgen etwas Großes, Göttliches. Im natürlichen Menschen ist das Gotteskind gefangen und sehnt sich nach Freiheit, er will nicht verworfen und verurteilt sein um seiner Krankheit willen, er will entbunden, er will erlöst sein.<note xml:id="n02">Ende des eingeklammerten Passus.</note> So ist’s auch mit der Angst vor dem Haß der Menschen, mit unserem Begehren nach Ruhe und Frieden unter Nachbarn und Familiengliedern. Es ist nicht nur Feigheit und Gemeinheit darin, sondern auch Sehnsucht und Wahrheit des Himmelreichs. Wir möchten etwas Anderes sehen als Neid und Härte und Gegensätze, wir möchten etwas Anderes hören als Mißverständnisse und Anklagen, wir möchten etwas Anderes fühlen als Haß. Es sagt uns nicht nur unsere Weichlichkeit und unsere Furchtsamkeit, sondern die tiefste Stimme unseres Herzens, die Stimme, durch die Gott selbst in uns redet, daß wir das Recht haben auf Güte und Liebe von den Menschen, daß wir nicht ihre Feinde sein können, weil wir nicht als ihre Feinde zu ihnen kommen, daß zwischen ihnen und uns nicht Krieg, sondern Gemeinschaft sein muß. Was<note xml:id="n03">Die folgenden Sätze sind wiederum eingeklammert.</note> erwartet denn ein <hi rend="italic">Kind</hi> von den Menschen, ein kleines Kind meine ich, das sie noch nicht kennt, wie wir sie kennen, das sie noch ganz mit den Augen Gottes ansieht? Nicht wahr, es erwartet nichts Anderes, als daß man lieb mit ihm sei, es beansprucht kühn, daß man ihm Zeit und Aufmerksamkeit schenkt, es will haben, daß man auf es eingeht, daß man sich mit ihm freut, daß man einfach mit ihm ein Kind sei. Wahrhaftig, das Kind hat Recht!<note xml:id="n04">Ende des eingeklammerten Passus.</note> Werdet nur wie die Kinder [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.18.3">Mt. 18,3</ref>], versteht euch nur selber, wenn ihr so ängstlich und sorgsam horcht nach dem Wohlgefallen der Leute, nach einem friedlichen, freudigen Verhältnis zu ihnen, merkt es nur, daß ihr damit im Grunde etwas viel Besseres sucht, <pb xml:id="p136" ed="pga"/> als ihr selber meint. Ihr habt eben das Himmelreich in Erinnerung, ihr <hi rend="italic">sucht eben</hi> die Güte und Freundlichkeit der Menschen, wie sie in der Tat zum Himmelreich gehört. Ihr möchtet eben tastend und stolpernd mitten drin in eurer Gemeinheit und Feigheit, mitten drin in eurem komischen, unnützen «taktvollen» Reden und Benehmen schmecken und sehen, wie freundlich der Herr ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.34.9">Ps. 34,9</ref>]. Die seltsamen Schlangenwindungen eures natürlichen Menschen verraten die Gefangenschaft der Kinder Gottes, die gerne frei werden, die gerne die andere Welt, die Welt der Liebe sehen möchten. Ihr wollt sie erkünsteln, erheucheln, erängsten, ihr meint, ihr könnt sie herbeiführen durch den unwahren Zauber von Frieden und Zufriedenheit, den ihr da miteinander aufrührt, und das geht freilich nicht, da tut ihr, was menschlich, nicht, was göttlich ist. Aber seht, mit dem, was ihr damit eigentlich meint und sucht, <hi rend="italic">habt ihr Recht</hi>. O meint es nur im Ernst, sucht es nur in Wahrheit, ihr habt Jesus dabei nicht gegen euch, sondern für euch! Er will uns nicht verdammen mit unserer Schwachheit, er will uns im Namen Gottes unsere Sünden vergeben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.2.10">Mk. 2,10</ref> par.], er will uns verhelfen zu dem, was wir im Ernst meinen und in der Wahrheit suchen. Er will uns nicht zu Feinden, sondern zu Freunden der Leute machen, so wahr er selber ihr Freund ist. Wir müssen ihm nur glauben, dann bekommen wir all die Güte und Freundlichkeit, nach der wir uns jetzt so krumm und ungeschickt ausstrecken, wirklich zu schmecken und zu sehen.</p>
        <p>Aber warum sagt er uns denn nun: ihr müsset <hi rend="italic">gehaßt werden</hi> von jedermann um meines Namens willen!? Warum redet er denn nun vom Geplagt- und Verfolgtwerden, von der schwersten Uneinigkeit unter den nächsten Menschen, die auf uns wartet? Und wohlverstanden: er sagt nicht: das könnte euch vielleicht widerfahren, wenn ihr nicht klug und behutsam seid!, er sagt nicht: dergleichen kommt eben in der Welt vor, und ihr müßt Sorge tragen durch euer Verhalten und Gott um Hilfe bitten, daß ihr davon verschont bleibt! Nein, er sagt einfach: das kommt, das muß geschehen! ihr müßt gehaßt werden! Da will sich nun eben Alles in uns <hi rend="italic">dagegen auflehnen</hi>, nicht wahr! – der natürliche Mensch mit seinem Schlotter<note xml:id="n05">= Bangesein.</note> und seinem Ruhebedürfnis <hi rend="italic">und</hi> das, was in uns ist von Himmelreichshoffnung und Erwartung. Das ist die hohe, steile Mauer der Passion, die uns einfach stellt auf unserem Wege. Dieses: ihr müßt gehaßt <pb xml:id="p137" ed="pga"/> werden! scheint uns unannehmbar, es scheint uns gegen die Natur <hi rend="italic">und</hi> gegen Gott zu gehen! Gerade wie es den Jüngern des Heilands gegangen ist, wenn er ihnen immer wieder davon sprach, daß er von den Menschen verworfen werden, leiden und sterben müsse [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.8.31">Mk. 8,31</ref> par.]. Da konnten sie auch nur den Kopf schütteln. Da konnte <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> auch nur laut protestieren. Und wenn wir uns von Jugend auf daran gewöhnt haben, daß Jesus leiden und sterben mußte, so stehen wir nur umso betroffener und unwilliger da, wenn wir merken, daß unser eigener Weg ein Passionsweg sein <hi rend="italic">muß</hi>. Ihr müßt gehaßt werden!, sagt uns der Heiland. Und wir antworten ganz bewußt und entschlossen: Herr, das widerfahre uns nur nicht! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.22">Mt. 16,22</ref>],</p>
          <p>Aber wie <hi rend="italic">meint er es</hi> denn nun? Er will uns doch wahrhaftig mit seiner ganzen Botschaft und mit dem Auftrag, den er uns gibt, das Himmelreich nicht verschließen, sondern eröffnen, er will uns nicht verwerfen, sondern erlösen, er will uns nicht zu Feinden, sondern zu Freunden der Leute machen. Wo ist die Liebe Gottes hinter der harten, schrecklichen Passion? Warum die Passion auf dem Wege zum Himmelreich? Seht, da liegt nun die Antwort gerade in dem harten, abstoßenden: <hi rend="italic">ihr müßt!</hi> Es ist merkwürdig genug, aber es ist so: wenn uns Jesus <hi rend="italic">sagen würde</hi>: <hi rend="italic">vielleicht</hi> werdet ihr unter euren Nächsten einsam und unverstanden dastehen, es wäre <hi rend="italic">möglich</hi>, daß man allerlei Böses über euch denkt und sagt, es könnte <hi rend="italic">zufällig</hi> dazu kommen, daß man euch haßt und ausstößt und verfolgt, wenn Jesus <hi rend="italic">so</hi> mit uns reden würde, dann hätten wir innerlich das Recht, uns dagegen aufzulehnen, Alles zu tun, damit es nicht dazu komme, Gott zu bitten: Laß es an uns vorübergehen! Denn solange wir noch denken müssen: Vielleicht! vom Guten oder vom Bösen, solange sind wir noch nicht auf dem Wege zum Himmelreich. Im Himmelreich gibt’s kein Vielleicht, sondern lauter Sicherheiten, und wir wehren uns mit Recht gegen das Vielleicht. Was bloß möglich ist, das hat noch keinen Sinn für unser Leben, da kann immer gerade so gut auch etwas Anderes möglich sein, dem können und dürfen und sollen wir ausweichen, wenn wir Bedenken dagegen haben. Was bloß zufällig ist, das kann nicht der Wille Gottes sein, und dagegen müssen wir uns sträuben, darum hat auch Jesus in <placeName ref="kbga-places-864">Gethsemane</placeName> mit sich selbst und mit Gott noch einmal ringen müssen, ob das, was ihm bevorstand, nicht bloß ein Zufall sei und nicht der Wille Gottes, und hat gebetet: mein Vater, ist’s möglich, ist’s bloß ein Zufall, all dieses Düstere, Schreckliche, was jetzt mich und mein Werk bedroht, <pb xml:id="p138" ed="pga"/> so gehe dieser Kelch von mir! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.14.35 Mk.14.36">Mk. 14,35f.</ref> par.]. Und wir dürfen uns getrost an seine Seite stellen und uns gestehen, daß wir eben nicht um einer Laune, einer Kurzsichtigkeit, eines Mißverständnisses willen leiden möchten, gleichviel ob die nun uns selber oder den anderen Leuten oder einem sog. Schicksal zugeschrieben werden, und solange wir eben nur das hinter den bösen Gesichtern und Worten der Menschen zu sehen vermeinen, solange wehren wir uns dagegen, suchen ihren Haß und das Leiden darunter soviel als möglich zu vermeiden. Und haben ganz Recht dabei, denn solange es eigentlich nur ein Zufall, eine Möglichkeit neben anderen ist, daß die Leute gegen uns sind, solange hat es gar keinen Sinn, uns von ihnen hassen zu lassen und so eine ganz falsche kleine Passionsgeschichte aufzuführen. Da würde Jesus selber lächelnd zu uns sagen: ihr habt euch ein Kreuz aufgeladen, aber es ist nicht mein Kreuz, ihr könntet es anders haben, ihr müßtet nicht gehaßt werden, denn daß die Leute gegen euch sind, liebe Freunde, das kommt nur von eurer Ungeschicklichkeit oder von ihrer Unklarheit, das ist nur eine große Verwechslung, dieser bittere Kelch kann und soll an euch vorübergehen!|</p>
        <p>Aber wenn’s nun <hi rend="italic">nicht so ist</hi>, wenn wir uns ehrlich gemüht haben, die Achtung und Liebe der Menschen zu erwerben, friedlich mit ihnen zu leben, ihnen in Fröhlichkeit und Güte zu zeigen, wie wir’s meinen und welches unser Weg ist, und wenn dann trotz Allem Abneigung und Feindschaft ihre Antwort ist, wenn dann trotzdem etwas zwischen uns und unsere nächsten Bekannten und Verwandten hineintritt, was uns von ihnen vorläufig scheidet, wenn dann trotzdem böse Augen uns anblicken, böse Worte uns umschwirren, böse Machenschaften gegen uns unternommen werden – ist’s dann nicht ein <hi rend="italic">wahrer Trost</hi> und eine ganz erlösende Erkenntnis, wenn wir merken: es muß so sein? ihr müsset gehaßt werden von jedermann um meines Namens willen. Spüren wir nicht den frischen, fröhlichen Luftzug, der da hinein weht, oder die warme, erweckende Frühlingssonne, die da hinein scheint in so viele dumpfe, gespannte, drückende Verhältnisse, die zwischen uns und den Leuten bestehen mögen? Spüren wir nicht, wie die Last von uns genommen wird, indem wir wissen: es ist Gottes Wille, daß es uns so gehen muß!, jene Last, die uns drückt, solange wir denken müssen: es ist bloß Dummheit, Laune, Zufall, daß es uns so geht? O seht, als <hi rend="italic">Jesus dort</hi> seinen Jüngern das Schreckliche sagte: ich muß leiden und sterben!, als er sich dann in <placeName ref="kbga-places-864">Gethsemane</placeName> noch einmal hindurchkämpfte und -betete durch die Anfechtung, es könnte <pb xml:id="p139" ed="pga"/> vielleicht doch anders möglich sein, es könnte Alles nur ein drohender Zufall, eine Schicksalslaune sein, als er sich fest hineinstellte in die Erkenntnis: es ist Gottes Wille so, da brach er eben nicht vollends zusammen unter dem erdrückenden Gewicht dieser bitteren höheren Notwendigkeit, sondern da brachte ihm gerade diese Notwendigkeit die volle Freiheit, ja den vollen Sieg über die Bitterkeit seines Leidens, da konnte er, wenn auch äußerlich zitternd vor dem, was da kam, innerlich stark und froh zu seinen Gefährten sagen: stehet auf und lasset uns gehen! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.14.42">Mk. 14,42</ref> par.], gehen nicht in Nacht und Graus und Tod hinein, sondern gehen der Klarheit und der Überwindung entgegen, gehen den Zielen des Vaters entgegen, da war es Ostern geworden schon vor dem Karfreitag, denn da wurde die Kraft der Auferstehung entbunden und geboren, die die Schreckenstat der Menschen in eine Liebestat und Erlösungstat Gottes verwandelte.</p>
        <p>Und wahrhaftig, <hi rend="italic">wenn wir</hi> nun auch etwas durchmachen müssen unter den Menschen um seines Namens willen, wenn der Verdruß und der Zorn der Leute sich gegen uns wendet, weil sie Angst haben vor dem Licht und vor der Kraft des Himmelreichs, wenn wir einen einsamen, schwierigen Weg gehen müssen unter ihnen, das eine in seiner Familie, das andere bei der Arbeit, das dritte sonst unter seinen Bekannten, mit den bescheidenen Gotteslichtlein in uns und mit den ersten Spuren eines neuen Lebens in unserem Reden und Betragen, wenn es uns ist, es sei auch gar zu finster um uns, wir könnten auch gar nicht durchdringen, wir würden auch überall zurückgestoßen mit dem anderen Geist, den wir bewähren und zeigen möchten – dann gerade will uns Jesus <hi rend="italic">trösten</hi> und befreien mit dem, was ihn selbst getröstet und befreit hat, dann sagt er uns, nicht als eine Unglücksweissagung, sondern als eine freundliche Aufrichtung, nicht als Todesnachricht, sondern als Auferstehungsbotschaft: <hi rend="italic">es muß</hi> euch so gehen, ihr müßt gehaßt werden von jedermann. Er sagt uns, daß unsere Lage keine Torheit, keine Sinnlosigkeit ist, gegen die wir anstürmen, aus der wir uns herausziehen müßten, sondern eine <hi rend="italic">Notwendigkeit</hi>, die wir auf uns nehmen können, weil sie von Gott kommt. Er sagt uns, daß die Passion auf seinem und unserem Wege zum Himmelreich kein Hindernis ist, sondern daß Gott uns da <hi rend="italic">hindurchführt</hi>, gerade weil er das Himmelreich unter den Menschen aufrichten will. Er sagt uns, daß wir ganz recht haben, wenn wir Güte, Freundlichkeit, Frieden und Freude erwarten von den Menschen und unter allen Menschen, und daß es <pb xml:id="p140" ed="pga"/> Gott ernst ist, das alles auf der Erde zu pflanzen und wachsen zu lassen, daß wir aber Gott auch <hi rend="italic">völlig vertrauen</hi> und es uns gefallen lassen müssen, vorderhand durch Trotz und Bosheit und Unverstand hindurchzugehen. Das Weizenkorn kann keine Frucht bringen, es sterbe denn zuvor. Wenn es aber stirbt, dann bringt es auch Frucht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.12.24">Joh. 12,24</ref>]. Er sagt uns, daß unser Gehaßtwerden, das leichte und das schwere, <hi rend="italic">Gottes Wille</hi> ist. Was aber Gottes Wille ist, das kann nicht sinnlos, nicht dumpf, nicht schrecklich sein. Das ist nicht Spielerei des Schicksals oder der menschlichen Dummheit. Darin ist Ziel, Zukunft, Hoffnung. Das strebt hin auf Sieg und Herrlichkeit. Er sagt uns, daß der Haß und der Unfriede und die Plackerei der Menschen gegen uns und untereinander <hi rend="italic">aufgehoben werden</hi> soll dadurch, daß wir uns hassen und plagen lassen, dadurch, daß wir den Unfrieden gegen uns erleiden. Er verwandelt unser Leiden in ein <hi rend="italic">Tun</hi>, unseren Verlust in einen Gewinn, unsere Niederlage in einen Triumph. Es ist kein trauriges, sondern ein <hi rend="italic">seliges Müssen</hi>, ein Müssen von Gott her und zu Gott hin, das er uns ankündigt.</p>
        <p>Ja, Seligkeit ist hinter den bösen Gesichtern und Worten der Leute verborgen. Wer bis an das Ende beharret, der wird selig! Seligkeit <hi rend="italic">für uns</hi>, die wir jetzt vielleicht unter ihrer Verachtung und ihrem Groll leiden müssen. Denn wenn wir beharren und uns selber treu bleiben und uns von ihnen wohl brechen, aber nicht biegen lassen in dem, was wir sind, tun wir das Werk Gottes, und in diesem Tun werden wir selig sein, und wenn uns die Angst und Betrübnis bis an den Rand der Verzweiflung brächte. Es gibt nichts, was uns mit mehr Freude und Sicherheit und Trost erfüllen könnte als dies Bewußtsein: ich lebe ja nicht für mich, sondern ich schaffe mit meiner schwachen Kraft und mit allen meinen Fehlern für Gott. Ich bin nichts, er ist Alles, ich liege in seiner Hand, und er bewacht mich. Dieses Bewußtsein wird umso stärker, wenn die Widerstände um uns wachsen, wenn die Arbeit für ihn groß und schwer wird. Denn umso größer wird er selber. In solchen Zeiten und Erfahrungen kommt uns das ewige Leben nahe, mitten in den Anklagen und unter den Streichen der Menschen die Liebe, mitten in der Einsamkeit und Verlassenheit eine große Gemeinschaft, mitten in der Feindschaft und im Unfrieden eine tiefe Freundlichkeit, ein stiller Friede. Geht und fragt alle, die schon einmal um des Namens Jesu willen wirklich gelitten und beharrt haben bis ans Ende, ob sie nicht selig gewesen sind, selig nicht nur in der Erwartung, selig nicht erst nach dem Tode, sondern tatsächlich <pb xml:id="p141" ed="pga"/> und in der Gegenwart! Aber die Seligkeit ist <hi rend="italic">auch für die Leute</hi>, die dich jetzt vielleicht plagen, ja gerade für die. O wenn du das Werk Gottes tust und treu bleibst, dann dienst du den Leuten. Es geschieht wahrhaftig nicht gegen sie, sondern für sie, wenn du deinen Weg gehst und dich nicht irre machen lässest. Du mußt dich nicht anfechten lassen, wenn es deinetwegen vielleicht Unannehmlichkeiten gibt in der Familie und sonst, weil du bist, was du bist, wenn man dich als Friedensstörer anklagt und dir womöglich das Gewissen schwer machen will. Wer sich selber und Gott treu bleibt, der hilft auf alle Fälle seinen Nächsten, und wer ein <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> wird, der verrät und schädigt sie auf alle Fälle. Denn sieh, <hi rend="italic">das</hi> brauchen sie, das braucht der arme Herr Jedermann gerade, nicht daß du schwach werdest und nachgebest, sondern daß du treu bleibest. Je heftiger sie tun, umso mehr zeigen sie ihre Unruhe und Bedürftigkeit. Je eifriger sie dich abbringen wollen von deinem Weg, umso sicherer erwarten sie im Grunde von dir, daß du dich nicht davon abbringen lassest. Ihr scheinbarer Haß ist auch nur eine verborgene Sehnsucht und Liebe zum Himmelreich. Sie würden gerne glauben, die Leute, wenn sie an dir sehen könnten, was wirklicher Glaube bis ans Ende, bis ins Kleine und Äußerste ist. Du mußt all ihr Anklagen und Angreifen so verstehen, als ob sie dir zurufen würden aus ihrer Ratlosigkeit und Hilflosigkeit heraus: steh fest! halte deine Treue! Um unsertwillen! Sieh, es ist ganz sicher so, daß unter denen, die jetzt gegen dich sind, zwei oder drei oder noch mehr sind, die dich einmal segnen werden, wenn du fest bleibst. Sie möchten auch selig werden, sie möchten die Liebe, die Gemeinschaft, die Freundlichkeit, den Frieden auch sehen, die du sehen darfst. Sie sind manchmal nicht ferne vom Reiche Gottes [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.12.34">Mk. 12,34</ref>], gerade die, die am ärgsten tun. Du bist es ihnen schuldig, dein Kleinod nicht wegzuwerfen, wenn sie dich anfechten. Und die Seligkeit, die da herausgearbeitet wird, wenn es dir bös geht und du treu bleibst, das ist die Seligkeit <hi rend="italic">des Gottesreiches</hi> und kommt den Menschen überhaupt zu Gute. Was du durchmachst, das ist ja eben ein Tun für Gott und mit Gott. Und wie Gott nichts umsonst tut, so ist auch nichts umsonst getan, was mit ihm und für ihn getan wird. Und wenn du dich ganz allein fühltest, verlassen und angegriffen ringsum, und wenn du innerlich tief unglücklich wärest und wenn du gar keinen Erfolg und Einfluß deiner Treue spürtest, es kann <hi rend="italic">nie</hi> umsonst sein, wenn ein Mensch Gott Treue hält. Das, was du damit tust, das ist das Einzige, was überhaupt Wert hat zwischen Himmel und Erde, und es <pb xml:id="p142" ed="pga"/> hat einen Wert, auch wenn er zunächst ganz verborgen wäre. Um solcher Menschen willen läßt Gott seine Sonne scheinen und läßt es regnen auf Erden, läßt es Frühling und wieder Herbst werden, auf solche Menschen in ihrem einsamen Kampf sehen alle Engel Gottes mit atemloser Spannung, mit unaussprechlicher Freude. Wenn wir die Menschheit ansehen könnten mit den Augen Gottes, dann würden wir sehen, wie die als die Großen, als die Helden dastehen: die einsamen Ausgelachten, Angefochtenen, Zurückgewiesenen, die stillen Beter, Kämpfer, Liebhaber, Hoffer, da ein paar, dort ein paar zerstreut über die weite Erde, übersehen von den Gelehrten und Fürsten und Diplomaten und Feldherren, die scheinbar die Geschichte machen, übertönt vom Knittern der Banknoten und vom Donnern der Kanonen, auf die scheinbar Alles ankommt – sie sind’s, die in Wirklichkeit der Weltgeschichte den Sinn und die Richtung geben. Was du durchmachst in Treue, sieh, das ist erarbeitet und gewonnen fürs Ganze der Welt, da ist ein Sieg erfochten, der seine Folgen haben wird, auch wenn du längst nicht mehr da bist. So Großes hat Gott dir kleinem Menschlein anvertraut, daß du es nun der Welt schuldig bist, der Erlösung, die Gott vorbereitet für alle Kreatur, an deinem Posten auszuharren.</p>
        <p>Wer ausharret bis ans Ende! Sieh, da stellt uns Jesus eben wieder in allen Teilen neben sich selber. Sein Leben gibt unserem Leben den Sinn, seine große Passion unserer kleinen, seine Auferstehung von den Toten ist die Verheißung unserer Seligkeit. O wir müssen seine Verheißung nur glauben, dann strömen uns von seinem Kreuz schon die Kräfte zu, deren wir zum Ausharren bedürfen. Sie sind nicht ferne, diese Kräfte, sie sind da. Wer glaubt, der hat sie.</p>
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          <salute>Amen.</salute>
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          <head>Lieder:</head> 
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-79" type="song">Nr. 111 «Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen» von <persName ref="kbga-actors-1366">J. Heermann</persName>, Strophen 1-4 (GERS [1952] 143,1.3–5; EG 81,1.3.4.6)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-143" type="song"> Nr. 223 «Nun freut euch, lieben Christen gmein» von <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName>, Strophen 6-8 (GERS [1952] 253,6-8 mit geringen Textabweichungen, ebenso EG 341,6-8)</bibl>
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            <item><ref type="pub" subtype="bib1-ein1920" target="b0111">Nr. 111</ref> «Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen» von J. Heermann, Strophen 1-4 (<bibl><title level="m">GERS</title> [1952] 143, 1.3–5</bibl>; <bibl><title level="m">EG</title> 81, 1.3.4.6</bibl>)</item>
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