27. Februar 1916

Predigt: Matthäus 10,5-8

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Matthäus 10,5–8
Liebe Freunde!

Wir haben am letzten Sonntag die große festliche Stunde miterlebt, da Jesus seine Jünger zu sich rief und ihnen Macht gab. Den fruchtbaren Augenblick haben wir miterlebt, wo etwas in diesen Menschen wuchs und wurde, wo ein neuer Trieb von Gott her ansetzte in der Menschenwelt überhaupt, daß Gott wieder Freude haben konnte wie am ersten Schöpfungstage. Und wir mußten uns sagen, daß das uns alle auch angehen könnte, daß das Einige von uns tatsächlich angeht: diejenigen, die sich jetzt von Jesus zum Dienste Gottes wollen berufen und mit den Kräften Gottes wollen beschenken lassen.

Und nun wollen wir heute weiter hören von dem gewaltigen königlichen Gehet hin!, mit dem Jesus die Seinigen in den Dienst Gottes und in ihre Arbeit hineingestellt hat. Dazu hat er sie zusammengerufen, nicht zu einem erbaulichen und interessanten Beisammensein, sondern zum Dienst und zur Arbeit. Dazu hat er ihnen die Macht Gottes verliehen, die er selber hatte, nicht zu einem andächtigen Beschauen der göttlichen Wunderkraft, sondern zum Kampf mit dem Wort und mit der Tat. Ja, wenn Jesus nicht Jesus gewesen wäre, sondern irgend ein frommer Mann, dann wäre jetzt aus jener fruchtbaren Stunde sicher eine Stunde der Andacht geworden. Er hätte zu ihnen sagen können: Liebe Brüder, ich freue mich darüber, daß ihr den rechten Weg gefunden habt, daß euch die Welt gleichgiltig und Gott allein wichtig geworden ist. Ihr habt mit mir das bessere Teil erwählt [vgl. Lk. 10,42]. Eure Sünden sind euch vergeben, und in allen Nöten und Gefahren des Lebens werdet ihr einen Halt und Trost haben, die Welt wird euch nichts mehr anhaben können, und nach allem Leid und aller Schwachheit des Erdenlebens wartet euer drüben eine selige Vollendung. Und nun werdet nur recht fest auf dem rechten Weg, und dazu wollen wir nun noch viel, viel reden und reden, hören und hören von der Liebe Gottes und davon, wie seine Kinder sich heiligen müssen, und von der Herrlichkeit, der sie entgegengehen, und dazu habe ich euch zusammengerufen, und nun höret! So hätte Jesus reden können, wenn er eben nicht Jesus gewesen wäre. Und ganz sicher haben auch manche von seinen Jüngern etwas Derartiges von ihm erwartet. Und wir, liebe Freunde, wir möchten auch immer wieder gerne einen |83 solchen Jesus haben. Wir möchten uns ja gerne mit Gott beschäftigen, nämlich um eine liebliche innere Unterhaltung zu haben. Wir möchten gerne den rechten Weg finden, nämlich um unserer inneren Ruhe willen. Wir möchten gerne, daß uns etwas Neues gezeigt und aufgetan werde, nämlich eine neue Andacht und Erbauung. Wir möchten gerne die Herrlichkeit Gottes vor uns wissen, nämlich um gelassen allem Künftigen entgegensehen zu können. Das ist ein Trieb der menschlichen Natur, der immer wieder die Menschen zur Religion, zum Christentum geführt hat. Manchmal ist das Interesse dafür etwas stärker, manchmal etwas schwächer, aber es ist immer da, und wenn uns Jesus da entgegenkommen würde, dann würde er unseren Wünschen entsprechen. Wir möchten gerne, daß Jesus immer wieder rede und rede und daß wir immer wieder hören und hören können. Wir erwarten eigentlich nicht mehr von ihm als das, und weil wir ja das eigentlich schon lange haben, so denken wir jedesmal, wenn er uns zusammenruft: nun wird’s eben weitergehen mit dem Reden und Hören, Reden und Hören.|

Aber, liebe Freunde, auf diesem Wege wird uns Jesus ganz sicher nicht begegnen. Wir können das ja haben und haben es. Unser ganzes Christentum ist ja ein ewiges Reden und Hören geworden. Oft und oft, wenn sich im Christentum etwas geregt und bewegt hat, ist zum Schlusse doch wieder nur ein Reden und Hören daraus geworden. Viele, viele fromme und ernste Christen, die eine solche große festliche Stunde erlebten, wo Jesus ihnen gerufen hat, sind schließlich doch nur bis zu einem neuen Reden und Hören vorgedrungen. Und das heißt: sie kamen eigentlich nicht zu Jesus, sondern an einen Ort abseits von ihm. Denn das haben wir ja schon letztes Mal gehört: als Jesus seinen Jüngern rief, da sollte ja nun eben nicht mehr bloß geredet und gehört werden, sondern das Entscheidende an jener Stunde war, daß nun etwas geschehen sollte. Jesus wollte zu ihnen sagen: ich habe nun geredet, und ihr habt nun gehört, ihr seid nun zu meinen Füßen gesessen wie Maria und habt damit das gute Teil erwählt [Lk. 10,39.42] – nun aber kommt etwas Anderes, nun gilt’s Ernst und Gehorsam! Und in diesem Ernst und Gehorsam muß es sich nun bewähren und beweisen, daß das Erste, das Reden und Hören, echt war, nun gehet hin! Und durch Alles, was er ihnen jetzt noch zu sagen hat, tönt machtvoll und gebieterisch dieses Gehet hin! hindurch. Kein einziges seiner Worte, die jetzt noch kommen, soll ihrer Andacht und Unterhaltung dienen, ja sie sollen jetzt nur merken, daß sie auch seine |84 bisherigen Worte falsch verstanden haben, wenn sie einen geistigen Genuß daraus gemacht haben. Jesus sprach seine Worte nicht, damit sie geredet und gehört würden, sondern jedes davon war die Anweisung zu etwas, das getan werden und geschehen müsse. Nicht eine Anweisung zum Stillesitzen, Ruhehaben und Abwarten, sondern eine Anweisung zum Wandern, Arbeiten und Kämpfen.|

Und wir müssen nun dieses: Gehet hin! auch hören wollen. Wer den Ruf Jesu wirklich gehört hat von uns, der weiß auch, daß man damit nicht spielen kann. Wer die große festliche Stunde in die Länge ziehen möchte, der verdirbt sich ihren Segen. Wer den fruchtbaren Augenblick ausdehnen will, dem wird er unter den Händen zu unfruchtbaren Jahren, zu einem unfruchtbaren Leben. Jesus hat uns nicht gerufen, um uns bei sich zu behalten, sondern um uns auszusenden. Aus der Welt, aus dem Leben, von den Leuten kamen wir zu ihm, müde, verwundet, enttäuscht, unbefriedigt, froh, bei ihm etwas Anderes, Besseres, bei ihm Gott zu finden. Und in der Welt, ins Leben, zu den Leuten schickt uns Jesus wieder zurück als Freie, Gesunde, Starke, als Solche, die eine Macht haben, daß wir das Andere, Bessere, das wir gefunden haben, zeigen, daß wir Gott bekennen vor den Menschen. Das ist der Dienst und die Arbeit und der Kampf, zu denen wir berufen sind. Wir dürfen diesen unseren Beruf keinen Augenblick trennen wollen von unserer Erlösung als etwas, das wir uns vielleicht auch schenken könnten. Wir dürfen uns nicht sagen: Ich will wohl ein Jünger Jesu sein, aber ich will nur erlöst und selig sein, ich will nicht dienen, nicht arbeiten, nicht kämpfen, ich will nicht von ihm ausgesendet sein. Daran erkennen wir, ob wir wirklich erlöst sind, daß wir diesen Beruf spüren und ihm gehorsam sein müssen. Daran können wir merken, ob wir das göttliche Licht selbst haben, daß wir es müssen leuchten lassen vor den Leuten zur Ehre des Vaters im Himmel [Mt. 5,16]. Wo nichts leuchtet, da brennt auch nichts! Wenn wir von dem Gehet hin! nichts wissen oder nichts wissen wollen, dann wissen wir sicher auch noch nichts von der Einladung Jesu: Kommet her zu mir! [Mt. 11,28]. Es ist nichts verborgen, das nicht offenbar werde, und es ist nichts heimlich, das man nicht wissen werde. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht, und was ihr höret in das Ohr, das predigt von den Dächern! [Mt. 10,26f.]. Liebe Christen, das wollen wir hören und tun und uns nicht davon dispensieren, mit Jesus ganzen Ernst zu machen.

85Und nun möchte ich, daß alle die von uns, die den Ruf Jesu in seinem ganzen Gehalt auf sich beziehen wollen, sich ganz klar werden könnten über ihre große Aufgabe. Gehet hin!, sagt Jesus zu ihnen, und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! Es ist euch vielleicht neu, daß diese Aufgabe nicht nur die Aufgabe der Pfarrer sein soll. Es ist aber wirklich die Aufgabe von allen denen, die den guten Willen haben, Jesus ganz zu gehorchen. In der Bibel ist nirgends von besonderen Pfarrern die Rede, die das zu besorgen haben, sondern nur von allerlei Leuten, die guten Willen hatten, und das waren eben die Jünger. Es ist ein Notbehelf, daß es besondere Pfarrer geben muß, und wir dürfen darüber nie vergessen, daß ihre Aufgabe eigentlich die Aufgabe aller ernsten Jünger Jesu ist. Er geht also wirklich alle die an, die wollen, daß er sie angehe, dieser Befehl Jesu: gehet hin und predigt und sprecht: das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! Es verwundert euch aber vielleicht auch das, daß die Aufgabe, die Jesus den Christen da stellt, eigentlich genau seine eigene Aufgabe ist. Gerade mit dieser Botschaft vom nahen Gottesreich ist ja Jesus selbst aufgetreten. Das war sein Wort, das er auszurichten hatte: es ist jetzt etwas anders geworden zwischen Gott und den Menschen; das Alte ist am Vergehen, das Neue steht vor der Tür; der Jammer der Menschheit ist am Weichen, die Herrlichkeit Gottes will hervorbrechen; erhebet eure Häupter, denn eure Erlösung ist nahe! [Lk. 21,28]. Und nun stellt er uns wirklich ganz neben sich, indem er uns aufträgt, dieses Wort nun auch auszurichten. Er will nicht mehr sein als wir, er will uns nicht hinter sich zurücklassen, er will nicht als etwas Besonderes vor uns und über uns stehen. O, merkt ihr den Zusammenhang? Die Kinder des himmlischen Vaters können doch keinen anderen Weg gehen als den, den er, der Sohn voller Gnade und Wahrheit [vgl. Joh. 1,14], gegangen ist. Dazu ist er ja als der Sohn Gottes unter uns getreten, damit wir seine Brüder würden. Und in Allem beruft er uns zur Gemeinschaft mit ihm: zur Gemeinschaft im Vertrauen zu Gott, zur Gemeinschaft in der Liebe, die keine Schranken kennt, zur Gemeinschaft in der Hoffnung auf den Sieg, der die Welt überwindet [vgl. 1.Joh. 5,4], nun auch zur Gemeinschaft im Dienst, in der Arbeit, im Kampf, dann freilich auch zur Gemeinschaft im Leiden und Kreuz. Es ist dem Jünger genug, daß er sei wie sein Meister und der Knecht wie sein Herr [Mt. 10,25]. Ja, es ist Jesus ernst: wir haben nun seine eigene Aufgabe fortzusetzen. Was seine Jünger bewegt und treibt, das ist das gleiche, was ihn |86 bewegt und getrieben hat. Was wir zu sagen und zu vertreten haben, das ist nicht mehr und nicht weniger als das, was er gesagt und vertreten hat. Das heißt des Heilands Jünger sein: sein Werk fortsetzen und treiben auf Erden. Das heißt ihm nachfolgen. Wer ihn lieb hat, der mache sich auf! Ehrfürchtig vor einer so gewaltigen Aufgabe, aber auch von Herzen freudig, daß ihm so Großes anvertraut wird.|

Aber nun seht diese Aufgabe genauer an: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! Das sollen wir sagen und vertreten. Daß es ein Himmelreich überhaupt gibt, das glauben eigentlich alle Menschen. Das braucht nicht extra gesagt und vertreten zu werden. Daß es Güte, Frieden, Freude, herzliches Lachen und Jubel aus tiefster Seele, Leben ohne Schrecken und Tod, wahres Leben gibt, irgendwie gibt, wer glaubt das nicht? Es gibt es bei Gott, sagen die Einen. Über den Sternen! sagen Andere. In einem Leben nach dem Tode! die Dritten. Bei den unschuldigen Kindern! die Vierten. In der Tiefe der Menschenherzen! die Fünften. Und sie haben ja alle Recht. Aber es ist auch nichts Besonderes bei diesem Glauben. Um uns das zu sagen, brauchten wir keinen Heiland und brauchte die Welt seine Jünger nicht. Was jedermann weiß, braucht uns nicht erst offenbart zu werden. Aber wir leiden darunter, und die ganze Welt leidet darunter, daß das, was Alle wissen, eigentlich Allen so ferne ist, daß wir immer nur davon reden können wie von einem fremden, schönen Märchenland, daß wir das alles immer nur glauben und nur in wunderseltenen seligen Augenblicken sehen können. Wir haben das Himmelreich nicht, sondern wir haben unsere menschliche Unvollkommenheit, wir haben die Sünde und die Krankheit und den Tod, wir haben den Mammon und die Angst vor seiner Macht, wir haben unsere kleinen Beleidigungen und unsere großen Streitigkeiten, wir haben den Krieg und alle seine Folgen. Das alles sehen wir. Was soll uns da das Himmelreich, was soll uns da die reine feine1 Gotteswelt, wie wir sie uns auch denken mögen, an die wir immer nur glauben können? Da ist’s nun freilich eine Offenbarung und etwas ganz Besonderes, wenn Jesus uns sagt: das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Wenn er uns durch sein Leben sagt: die Welt Gottes, an die wir ja glauben, ist nicht tot und fern und unzugänglich, sie lebt und bewegt sich, sie kommt auf uns zu. Nicht im Gleichgewicht stehen Gott und die widergöttlichen Kräfte in der Welt |87 einander gegenüber, sondern Gott greift nach der Vorherrschaft, Gott selber lebt und will noch etwas, und ihm gehört die Zukunft. Nicht soll es ewig im Zweifel bleiben, ob die Stimme unseres Herzens eigentlich recht hat, die uns sagt, daß wir Gottes Kinder sind, oder unsere Augen und Ohren, die uns tagtäglich bezeugen, daß es noch nicht erschienen ist, was wir sein werden [1.Joh. 3,2], sondern es will an den Tag kommen, daß das wahr ist, was in unseren Herzen wahr ist. Das war die Offenbarung, die Jesus brachte: der lebendige Gott, der über alle Teufel und Götzen triumphiert. Das hat er seinen Jüngern gesagt. Das hat er mit seinen Wundern bewährt. Das hat er als das Geheimnis der Erlösung, das doch kein Geheimnis ist, vor das Volk hingestellt, das hat er mit seinem Tode endgiltig festgemacht für die ganze Menschenwelt: das Himmelreich ist nahe herbeigekommen! Der lebendige Gott!|

Und nun soll es unsere, soll es jedes wirklichen Christen Aufgabe sein, das weiterzusagen. Die Kunde vom lebendigen Gott will durch lebendige Menschen weitergetragen sein. Es wäre eine Schmach und etwas ganz Unmögliches, wenn die Christenheit diesen ihren eigentlichen Beruf, Vorarbeiter und Vorkämpfer Gottes zu sein, immer nur einigen dazu angestellten Leuten, den Pfarrern, überlassen wollte. Das Predigen auf der Kanzel ist nur eine Form, diesen Beruf auszuüben, und sicher nicht einmal die wirksamste. Die Vorarbeiter und Vorkämpfer des Teufels predigen auch nicht auf Kanzeln und predigen doch mit größtem Erfolg. Wir sollten von ihnen lernen. Wir sollten uns sagen, daß wir das Himmelreich predigen können durch das, was wir sind, indem wir ganz schlicht, aber auch ganz tapfer in jeder Umgebung und in jeder Gesellschaft und in jeder Lage das sind, was wir wirklich sind. Ein jeder Mensch, dem man etwas anspürt von der Vorherrschaft Gottes, predigt das Himmelreich. Ein jeder Mensch, der das Recht mehr respektiert als das Geld, predigt das Himmelreich. Ein jeder Mensch, der sich vor den krummen Gesichtern und Vorwürfen, die ihm seine Verwandten und Bekannten machen könnten, nicht fürchtet und zu seiner Überzeugung steht, predigt das Himmelreich. Ein jeder Mensch, der sich von seinen Schrullen und Gewohnheiten losreißen kann um der Liebe und um der Wahrheit willen, predigt das Himmelreich. Ein jeder Mensch, der über sein eigenes Leben hinaussieht und anfängt, den Anderen Treue zu halten, predigt das Himmelreich. Wir predigen das Himmelreich damit, daß wir’s zeigen: wir glauben nicht nur daran, sondern wir geben Gott tatsächlich Recht, wir |88 sind an ihn gebunden, wir müssen uns auf seine Seite stellen, wir müssen uns zu seiner Sache bekennen. Wir predigen das Himmelreich damit, daß man es uns anmerkt: wir können persönliche Kümmernisse und Beleidigungen nicht so wichtig nehmen, weil unser Leben einer größeren Sache gewidmet ist als unserer eigenen Person. Wir predigen das Himmelreich damit, daß die Anderen ein inneres Feuer in uns glühen sehen, das von innen heraus allmählich die Kleinlichkeiten und Torheiten, die uns noch anhaften, verzehrt. Wir predigen das Himmelreich damit, daß etwas in uns ist, was die Anderen gleichzeitig beschämt und erfreut, gleichzeitig mit tiefem, sicherem Frieden erfüllt und sie mitreißt, einmal zu wagen, was bis jetzt niemand wagen wollte. Wir predigen das Himmelreich damit, daß wir in der Nachfolge unseres Meisters einsame Wege gehen, uns zurückweisen und verachten, uns beleidigen und angreifen lassen, ohne andere Waffen in der Hand zu haben als die, die Gott uns gibt.|

Seht, das ist so Einiges aus der Aufgabe, die Jesus uns stellt. Einiges, das wir alle tun können, gleichviel, was wir auch sind. Wenn wir nur wirklich Jesu Ruf gehört und ihm gehorcht haben, dann ist das alles und noch viel mehr ja nur die natürliche Folge davon, dann heißt es wirklich: und seine Gebote sind nicht schwer [1.Joh. 5,3]. Wenn die Jünger Jesu Solches tun, dann merkt es die Welt, dann merken es die Leute, daß das Himmelreich wirklich nahe herbeigekommen ist. Dann hört das nutzlose Glauben und Träumen und Seufzen und Sehnen nach Gott und seiner Wahrheit auf. Dann sehen sie mehr als das, was sie mit Augen sehen, und hören mehr als das, was sie mit Ohren hören. Dann wird das Ferne nahe, das Zukünftige gegenwärtig, das Göttliche menschlich. Dann nimmt sich Gott der Herr der Leute an. Dann wird den Leuten geholfen. Und dazu schickt uns ja Jesus auf die Fahrt. Dazu hat er uns zusammengerufen und Macht gegeben. Man getraut sich ja fast nicht, das ernst zu nehmen und auf uns zu beziehen, was er da gesagt hat: machet die Kranken gesund, reiniget die Aussätzigen, wecket die Toten auf, treibet die Teufel aus! Und doch müssen wir es ernst nehmen und auf uns beziehen. Denn das sind ja alles nur die Wirkungen, die sich von selbst einstellen, wenn das Himmelreich gepredigt wird. Das alles ist ja nur die große, gründliche Reformation des Lebens, die geschehen muß, wenn wir es wagen, die Vorherrschaft Gottes zu vertreten und zu behaupten. Das alles ist ja nur der Sieg des Lichtes über die Finsternis, dessen die Jünger Jesu sicher sind. Es ist wohlfeil und töricht, immer nur zu sagen: das ist zu groß für uns, das ist |89 unmöglich!, immer wieder von unserer Schwachheit zu reden. Wer so redet, der steht eben nicht drin in der Gottesarbeit und in dem Gotteskampf, sondern draußen, dem hat die Not der Menschen noch nicht ans Herz gegriffen, und die Macht Gottes ist ihm noch nicht übermächtig geworden. Kommt herein, die ihr so redet, in die Arbeit und in den Kampf, in denen Jesus gestanden ist, dann werdet ihr nicht mehr so reden. Und ihr, die ihr drinnen steht, laßt euch nicht irremachen, als ob es Hindernisse und Schwierigkeiten gebe, die nicht überwunden werden könnten. Kein Ding ist unmöglich dem, der da glaubt [vgl. Mk. 9,23]. Wieviel Krankheit und Unreinheit, wieviel Tod und Teufelsherrschaft leiblicher und geistiger Art müßten tatsächlich unmöglich sein, wenn die Christen auf ihrem Posten wären! Wieviel Herrliches, Liebevolles, Befreiendes müßte beständig geschehen auf der Erde, wenn die Christen glauben würden! Wenn die Christen Christen wären, ganze Christen und nicht nur halbe. Christen, die hingehen und die Not und das Unrecht unter den Menschen sehen und etwas dazu sagen und tun wollten, wie ihr Meister sie geheißen, wie er selber und alle seine echten Jünger es getan haben. O warum fangen wir nicht an, warum fangen wir nicht viel ernstlicher und freudiger an, an unsere Aufgabe zu gehen, nachdem Jesus so lange zu uns geredet und wir ihn so lange gehört haben? Soll uns denn der Segen der großen Stunde, da er uns gerufen, verloren gehen? Soll denn auf den fruchtbaren Augenblick der Gottesschöpfung, den wir mit ihm erleben durften, ein unfruchtbares Leben folgen? Soll es denn ein Traum, eine Lüge sein, das Neue, das Göttliche, das uns bei ihm aufgegangen ist? Sollen wir schließlich doch einfach wieder zu den Vielen, viel zu Vielen gehören, die Jesus gar nicht verstanden haben und gar nicht daran denken, ihm zu gehorchen? Liebe Freunde! Wir wollen unsere Erlösung nicht preisgeben, und darum müssen wir in unsere Aufgabe hineinstehen, jeder auf seine Weise und an seinem Posten. Es ist hohe Zeit, daß der lebendige Gott wieder durch lebendige Menschen zu Ehren komme.

Und nun steht da das merkwürdige Wort Jesu: gehet nicht auf der Heiden Straße und ziehet nicht in der Samariter Städte, sondern gehet hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. Dieses Wort steht nicht etwa im Widerspruch zu dem anderen Wort Jesu: gehet hin in alle Welt und verkündet das Evangelium aller Kreatur [Mk. 16,15]. Das kam dann nachher, später! Dieses Wort hier weist den Jüngern ihre nächste |90 Aufgabe an: sie sollten das Himmelreich zunächst da verkündigen, wo sie waren und hingehörten und wo es für sie das Natürliche und Gegebene war: in ihrem Volke. Und das möchte ich nun zum Schluß ganz praktisch auf uns anwenden. Ich bin schon gefragt worden, warum ich denn oft so rede, als ob nur Safenwil da wäre und als ob es an anderen Orten nicht auch an der rechten, lebendigen Gotteserkenntnis fehle. Ich möchte darauf antworten, daß ich es mit Absicht so mache. Und ich möchte alle die, denen es ernst ist mit ihrem Glauben, auffordern, ihrem Glauben, ihrer Hoffnung und ihrer Liebe zunächst gleichfalls diese ganz bestimmte Richtung auf unsere Gemeinde und das, was uns hier not tut, zu geben. Wir wollen nicht ein allgemeines Christentum pflegen, wir wollen nicht zum Fenster hinaus reden, wir wollen uns nicht aufhalten, die Wahrheit zu betrachten, die die Engländer oder die Oftringer2 vielleicht sehr nötig haben. Wir wollen die Wahrheit so ansehen, wie wenn sie uns allein anginge. Wir haben die ganze Not und die ganze Schuld der Menschheit direkt vor uns in unserer Gemeinde. Hier sind die Kranken, die gesund, hier sind die Aussätzigen, die rein, hier sind die Toten, die auferweckt, hier sind die Teufel, die ausgetrieben sein müssen. Hier tut’s not, daß es gehört und gesehen wird: das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Hier will sich Gott als der lebendige Gott beweisen. Safenwil ist die Welt im Kleinen: die unerlöste Welt und die Welt, die erlöst werden soll. Ich glaube, daß wir die Botschaft Jesu noch nicht verstanden haben, ja daß uns Gott noch ein Fremder ist, solange es uns nicht ganz lebendig und dringend geworden ist: hier muß das alles geschehen. Das Rechte für die Welt im Großen wird sich dann schon finden, wenn wir es einmal wirklich gefunden haben. Wir werden auch unterdessen durchaus nicht gleichgiltig sein gegen das, was draußen geschieht, und wollen fleißig über unseren Kirchturm hinausschauen, aber unsere große Aufgabe als Christen müssen wir hier in Angriff nehmen. Und darum bitte ich euch, mich gewähren zu lassen, wenn ich mich auch fernerhin immer wieder direkt an euch wende, ich glaube, ich darf es nicht anders machen, wenn es Ernst gelten soll. Und ich bitte euch selbst, wenn es euch ernst ist mit eurer Aufgabe, von der wir jetzt gehört haben: wendet euch mit aller Aufmerksamkeit und Liebe unserer Gemeinde zu und meint nicht, ihr könnet Christen im Allgemeinen sein. Hier muß es sich für uns entschei|91den, wenn sich etwas entscheiden soll. Hier, in Safenwil, brauchen wir den neuen Geist und die neue Art und die neuen Menschen und das neue Leben. Gehet hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel! Hier ist die Herde, die keinen Hirten hat [Mt. 9,36]! Gehet hin, ihr, die es angeht, ihr, die ihr der himmlischen Stimme nicht ungehorsam sein wollt [vgl. Act. 26,19], und sagt es den Anderen: der Herr ist unser Hirte, uns wird nichts mangeln [Ps. 23,1].

Amen.
Lieder:
  • Nr. 30 «Herzlich lieb hab ich dich, o Herr» von M. Schalling, Strophen 1-2 (GERS [1952] 65,1-2; EG 397,1-2, jeweils mit Textabweichungen) 🎵
  • Nr. 170 «Die Sach ist dein, Herr Jesu Christ», Strophen 1-2 von S. Preiswerk, Strophe 3 von F. Zaremba (GERS [1952] 360,1-3) 🎵

Sachfußnoten

1
Oder: «ferne»?↩
2
Oftringen ist der westliche Nachbarort Safenwils.↩