19. Dezember 1915

Predigt: Johannes 3,26-36 (IV) (4. Advent)

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IV. Advent
Johannes 3,26–36 (IV)
Liebe Freunde!

Der Vater hat den Sohn lieb. Das war die wunderbare Wahrheit des Lebens Jesu. Das war die Tatsache, die dieses Leben zu einem so einzigartigen gestaltete. Das hebt Jesus heraus aus der Reihe der übrigen Menschen, auch aus der Reihe der größten Prediger und Propheten. Das gibt seiner Gestalt das eigentümliche Leuchten von innen heraus. Es ist kein Glorienschein nur, wie ihn die alten Maler ihren Heiligen aufs Haupt setzten. Es ist kein Zauber, der äußerlich über dieses Menschenbild ausgeschüttet ist. Es ist kein Blumenkranz, den ihm die Liebe und Verehrung der Menschen geflochten. Sondern es ist ihm natürlich, es gehört ihm, es ist ihm gewachsen. Das muß so sein, daß Jesus der ganz Besondere ist. Das muß so sein, daß der Vater ihn lieb hat.

Wir haben am letzten Sonntag davon geredet, wie bei ihm alles einen anderen Anfang und Ursprung hatte als bei uns, wie er nicht aus dem Menschlichen herkam, sondern von oben, vom Himmel her. Wir hätten noch hinzufügen sollen: Jesus kam auch nicht aus der Betrübnis über die menschliche Not und aus dem Zorn über die menschliche Sünde, sondern einzig aus der Liebe Gottes, die die menschliche Not und Sünde trägt und überwindet. Wir möchten immer gern von uns selbst und von der Welt her zum lieben Gott hin, und das geht eben nicht, so können wir Gott nicht gefallen. Und auch das hilft uns noch nicht, wenn wir vom Jammer über uns selbst und über die Welt herkommen, Gott kann eben nur Freude haben an dem, was aus ihm selber stammt, kann nur das Gewächs segnen und gedeihen lassen, das seine Wurzeln in ihm selber hat. So war es bei Jesus. Da war es von Anfang an so sauber und klar, woher er kam. Er lebte wohl ganz als Mensch unter den Menschen, aber er war so ganz hindurchgedrungen durch alle bloß menschlichen Gedanken, Wünsche und Bestrebungen, und nun stand er, obwohl er mitten unter den Anderen stand, fest auf dem Boden des ursprünglichen Lebens, den die Welt verlassen hat, nun sah er, obwohl er die Menschen und die Dinge auch sah, wie sie sind, beständig durch den dunklen Weltenvorhang hindurch in das große Licht, das dahinter ver|507borgen ist, nun lebte er, obwohl er auch hungerte und dürstete wie ein anderes irdisches Wesen, immer mehr von jenen tiefen, verschütteten Quellen des Lebens, von den Worten, die aus dem Munde Gottes gehen [vgl. Mt. 4,4]. Und darum hat ihn der Vater so lieb.

Die Liebe des Vaters ist sein Lohn dafür, daß er nichts Anderes lieb hat. Man müßte aber eigentlich besser sagen: Die Liebe des Vaters erfüllt und bewegt ihn so mächtig, daß er nichts Anderes lieb haben kann. Es ist ein Wohlgefallen zwischen Gott und Jesus, ein Wohlgefallen, das durch keine Irrtümer und Unwahrheiten und Mißverständnisse gestört ist. Was etwa als Trübung zwischenhinein treten möchte, das wird immer wieder bekämpft und kann überwunden werden, weil Jesus auf dem rechten Boden steht und das große Licht sieht und von den Kräften aus der Tiefe lebt. Jesus sucht den Vater immer wieder, der ihn so lieb hat, und der Vater läßt ihn nie allein, weil Jesus ihn nie losläßt. Es ist zwischen dem Vater und Jesus ein immer neues Sich-Begegnen und Sich-Finden, ein immer innigeres Zusammensein. Immer tiefer denkt sich Jesus in das Herz Gottes hinein, immer deutlicher werden ihm die göttlichen Gedanken, immer williger und freudiger und selbstloser kann er sich dem göttlichen Willen unterwerfen. Und auf der anderen Seite tritt immer heller und deutlicher die Wahrheit und Güte Gottes an den Tag im Gesichte Jesu, immer besser kann er Gottes Worte nicht nur hören in seinem Herzen, sondern selber reden mit seinen Menschenlippen, immer offenkundiger erscheint er vor der Welt als Gottes Werkzeug, mit Freude begrüßt von den einen, gefürchtet und gehaßt wie der Tod von den anderen Geistern, immer völliger wird sein Menschenleben zu einem ersten Stücklein des unverhüllten ursprünglichen Lebens Gottes auf der Erde. Es wird wahr: Ich und der Vater sind eins [Joh. 10,30], und: wer mich siehet, der siehet den Vater [Joh. 14,9]. Alles, was zur rechten Liebe gehört, wird wahr zwischen Gott und Jesus. Der Vater hat den Sohn lieb.

Wirf einen kurzen Blick nur auf das Leben Jesu von Nazareth und auf dein eigenes und aller Welt Leben, so siehst du, was das bedeutet. Dein Leben ist ein Leben im Schatten von viel Unruhe, Betrübnis und Qual, nur selten hebt er sich wirklich, daß du Freude hast, auch der Gedanke an Gott kann dich nur vorübergehend wirklich fröhlich machen. Und so steht es mit dem Menschenleben in aller Welt. Jesus hatte eine Freude, die durch Alles hindurchging, die immer noch größer war |508 als alles Traurige und Böse, das er sah und erlebte, die groß genug war, daß er sie noch in Strömen Allen mitteilen konnte, die davon haben wollten. Woher nahm er diese Freude? Die Liebe des Vaters schenkte sie ihm. Du hast es so furchtbar schwer, dich rein zu halten. Mit gewaltiger Macht steht das Böse in deinem Leben drin von deiner Jugendzeit an. An so viel Ungutes und Unheiliges hast du dich längst gewöhnt, und in Anderes wirst du immer neu verflochten, du weißt selbst nicht wie. Und so geht es aller Welt. Wir erliegen der Versuchung, tausendmal bevor wir sie kennen, wir stehen in der Sünde drin, atmen und leben in ihr, unsere Rechtschaffenheit und unsere Religion ist im besten Fall ein neuer Lappen auf einem alten Kleid [vgl. Mk. 2,21 par.]. Und dafür ernten wir die Unruhe des bösen Gewissens und die Unbefriedigtheit vom Leben, die Einsamkeit und das Unverstandensein, die Trennung von einander und den Zweispalt, eine Welt voll Haß und Krieg. Jesus stand über der Versuchung, indem er sie einmal über das andere mit Füßen trat. An ihm hatte die Welt der Sünde keinen Anteil; er bleibt rein mitten in dieser Welt, sein Glaube und seine Liebe sind nichts Künstliches und Eingebildetes, sondern der wirkliche Anfang eines neuen Lebens. Wie konnte er das? Die Liebe des Vaters hat ihn dazu stark gemacht. Dein Leben ist umgeben von einem Meer von Leid und Not. Auch wenn du selbst für eine Weile frei bist von Tränen und Sorge, du hast nicht das Recht, fröhlich zu sein, denn links und rechts neben dir sind Familien, die einen hoffnungslosen, bitteren Kampf ums Dasein kämpfen, Kinder, unzählige Kinder, die langsam, aber sicher äußerlich und innerlich verkommen, links und rechts neben dir wird geseufzt, geflucht, geweint, geblutet, und du kannst nicht helfen, du kannst wohl bedauern, du kannst im einen oder anderen Fall «etwas tun», wie man so schön sagt, aber du kannst Leid und Not deiner Brüder nicht wenden, du kannst schließlich nur die Augen davor schließen. Jesus konnte helfen. Er hatte den Schlüssel, der die Tore der Traurigkeitswelt öffnete und die Gefangenen herausließ. Um ihn herum wurde die Macht des Leidens gebrochen. Er konnte die Traurigen trösten, die Kranken heilen, den Armen die frohe Botschaft vom guten Willen Gottes sagen [vgl. Mt. 11,5]. Wer ihn sah, der sah die anbrechende neue und doch uralte Ordnung Gottes, nach der Leid und Not nicht sein sollen.

Wie kam das? Weil die Liebe Gottes auf ihm ruhte und in ihm war. Und du bist so gebunden an dich selber, an deine eigene Art, an dein |509 Ich, wie es einmal ist, das du schon oft weggewünscht hast und das doch immer wieder da ist. Und das Große, was in dir steckt — denn es steckt in jedem Menschenkind etwas Großes —, es wird immer wieder erdrückt von all dem Kleinen, das eben auch zu dir gehört. Und das fröhliche, selige, einfache Kind, das du eigentlich sein möchtest und könntest, es kann sich nicht regen und bewegen, weil du selber ihm ein Gefängnis gebaut hast mit viel unaufrichtigem, verzwicktem Wesen, von dem du doch auch wieder nicht lassen kannst. Und wie dir geht`s aller Welt. Es ist eine rechte Ich-Welt, mit tausenden und tausenden von kleinen, engen Gefängniszellen, in denen kein schönes Leben ist. Und weil eine Ich-Welt, darum auch eine Todeswelt, denn was Ich heißt und zum Ich gehört, das muß vergehen und sterben. Jesus war an sich selber nicht gebunden. Sein Leben hat etwas erstaunlich Sachliches, Freies, frei von aller Rücksicht auf seine eigene Person. Wir sehen ihn von Anfang an auf dem seltsamen Wege, der ihn zuletzt nach Gethsemane und Golgatha führt, auf dem Wege, auf dem das Ich verschwindet im Willen Gottes, auf dem Weg des Sich-Gebens und Sich-Opferns. Sich selber schenkt er, nicht nur irgend etwas, sich selber stellt er unter die Not und Sünde der Welt, aber auch unter die Gnade Gottes. Wir ahnen, daß hier das tiefste Geheimnis liegt der Lichter und Kräfte, die von ihm ausgehen. Sein Kreuz wird zum leuchtendsten und stärksten Zeichen der neuen Welt, die er eröffnet. Wie kann das sein? Die Liebe Gottes offenbart sich in dem Verachteten, Geschlagenen, Getöteten als die größte Freiheitsmacht.

Sieh, so steht Jesus da neben dir und mir. Solches hat er vor uns und unserer Welt voraus. Und alles dieses Auffallende, Wunderbare ist ihm natürlich, hat bei ihm so sein und werden und wachsen müssen, weil der Vater den Sohn lieb hatte. Eine andere Ursache dafür gibt es nicht. Aber diese eine Ursache wirkte Wunder.

Aber Johannes der Täufer sagt ja noch etwas von Jesus: Der Vater hat ihm Alles in die Hand gegeben. Und da verstehen wir nun erst, was dies Wunder in unserem Leben soll und was die Weihnachtsbotschaft für einen Sinn hat. Diese Liebe Gottes, die in Jesus war und hundertfältig aus seinem Leben widerstrahlt, sie ist eben nicht nur so ein Schauspiel gewesen, das sich da so vor unseren Augen abwickelt und dem wir von Weitem zusehen könnten. Nein, das geht uns etwas an. Da handelt es sich um unsere Sache. In diesen Vorgang werden wir hineingezogen, ob |510 wir’s wollen oder nicht. Seht, da hat Gott etwas getan. Der Mensch von oben her, als der Jesus durch die Welt gegangen ist, sollte doch nichts Anderes, als uns allen sagen, wie wir mit Gott eigentlich dran seien. Die Liebe Gottes, die so mächtig auf ihm ruhte, sie sollte nicht eine Ausnahme sein unter den Menschenkindern, sonst müßte uns ja der Heiland vorkommen wie ein schönes, aber eigentlich recht wenig tröstliches Märlein, nein, diese Liebe Gottes, die der eine Jesus so stark erfahren hat, sie ist ein freundliches, unwiderrufliches Angebot an uns alle. Gott will uns an dem Einen nur recht deutlich zeigen, wie das ist, wenn er ein Menschenkind lieb hat. Verlieren sollen wir unsere bornierte Angst, als ob unser Leben nichts Anderes sein könnte, als es jetzt ist. Verlieren sollen wir unsere kleinmütigen Gedanken, als ob es in der Welt nie anders werden könnte, als wie es jetzt aussieht. Bekommen sollen wir den fröhlichen Glauben, daß unser menschliches Leben viel mehr wert ist, als wir bis jetzt gedacht haben, daß da noch Schätze verborgen sind im Acker, die nur auf uns warten, um uns ganz reich zu machen [vgl. Mt. 13,44]. Bekommen sollen wir ein kühnes Zutrauen und große, freie Gedanken, daß es eine Welt gibt hinter dem großen Vorhang, die eine andere Gestalt und ein anderes Gesicht hat als das, was wir jetzt wahrnehmen, als der dunkle Nebel, in dem wir jetzt tappen. Glustig1 sollen wir werden durch den Anblick des Heilands nach dem wunderbaren Leben, das er gelebt hat, nach den Lichtern, mit denen er geleuchtet, nach den Kräften, mit denen er gearbeitet hat. Es soll, wenn wir jetzt bald wieder im Geist an seine Krippe treten, übermächtig die Sehnsucht über uns kommen: Ach wenn doch der himmlische Vater zu mir auch sagen würde: Mein Kind! wie zu dem da! Ach, wenn er mich doch auch so lieb hätte wie ihn.

Und sofort soll diese Sehnsucht auch erfüllt werden. Denn das sagt uns ja nun Jesus gerade, das gleiche Gotteswort, das seines eigenen Lebens Geheimnis war: Der Vater hat euch lieb! [Joh. 16,27]. Ihr seid nicht anderen Geschlechtes als ich, ihr seid mit Gott und seinen Gaben nicht anders dran, es ist keine Rede davon, ihr Menschen, daß ihr nur so des lieben Gottes Stiefkinder wäret neben mir. Dazu habe ich den Weg zum Vater finden und gehen dürfen, dazu habe ich die Botschaft von Gottes Reich in Herrlichkeit verkündigt in mächtigen Worten und Taten, dazu |511 bin ich so etwas Besonderes gewesen, ein solch merkwürdiger strahlender Sonnenaufgang an einem trüben Tage, den man nicht vergessen kann, dazu habe ich zuletzt mich selbst drangegeben und mein Kreuz getragen, daß ihr’s merkt: ihr seid auch des Vaters Kinder, und es nicht nur merkt, sondern auch all das Große und Schöne habt und braucht und genießt, was des Vaters Liebe mir geschenkt hat.

So redet Jesus mit uns, wenn wir ihn hören wollen. Er sagt uns kurzum: es ist Alles für Euch! Für Euch Fröhlichkeit, für Euch Reinheit, für Euch Sieg über Leid und Not, Aufhören von Tränen und Blut, für Euch Freiheit von euch selber und eurer Kleinheit! Für Euch die neue Welt der Liebe, die in Gethsemane und auf Golgatha begründet worden ist. Durch die Liebe des Vaters Alles, Alles für Euch! Seht, darum ist die Weihnachtsbotschaft unsere Sache: welchen Gott gesandt hat, der redet Gottes Worte. Und Gottes Worte sind nicht in die Luft geredet, sondern sie gehen uns an, wen denn sonst, dich und mich und alle Mühseligen und Beladenen, alle Verwirrten und Betrübten, all die seufzende Kreatur auf Erden, welche jetzt in ihrer Befangenheit und Torheit meint, es gebe nichts Anderes. Doch!, sagt uns der, welchen Gott gesandt hat: es gibt etwas Anderes, der Vater hat euch lieb, und weil das wahr ist, wird es anders bei dir und mir, in unseren Häusern und Familien, in der Schweiz und in Europa, ja wahrhaftig zwischen Himmel und Erde. Es soll bei uns nicht das Alte weitergehen, sondern das Neue, das in Jesus angefangen hat. Das ist das große Angebot der Liebe Gottes an uns. Der Vater hat dem Sohn Alles in die Hand gegeben, alles Gute, das er mit uns vorhat, alles Herrliche, das er uns schenken will. In die Hand gegeben für uns, liebe Freunde.

Wo aber ein Angebot ist, da muß eine Entscheidung fallen. Wo Gottes Worte geredet sind, da muß von uns Menschen eine Antwort kommen. O wenn es einmal ein großes Verstehen unter uns geben würde, daß wir’s alle merkten: Gott wartet auf eine Entscheidung, Gott wartet auf Antwort! Muß ich’s denn erst noch sagen, wieviel von dieser Antwort und Entscheidung für uns abhängt? So sicher es nur einen Gott gibt, so sicher gibt es nur den einen Barmherzigkeits- und Gnaden-und Hilfswillen Gottes, der uns da in der Weihnachtsbotschaft: Christ ist geboren! begegnet. Und zu diesem einen Gotteswillen gilt es einmal Stellung zu nehmen.

Zwei Wege eröffnen sich: wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige |512 Leben. Aber wer dem Sohn nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm. Der wunderbaren Freiheit und Freude, die uns erwartet, wenn wir das Angebot der Liebe Gottes annehmen, entspricht die trostlose Kälte und Unnatur eines Lebens, in dem es trotz Allem im Alten weitergeht. Das ist eine folgenschwere Entscheidung. Wir sehen ja am Heiland, wie das ist: der hat das ewige Leben!, dazu haben wir den Heiland. Und wir können an uns selbst und an unserer Welt, wie jetzt Alles ist, sehen, wie das Andere ist: der sieht das Leben nicht, und wie uns der liebe Gott dann als ein ferner, fremder und zorniger Gott vorkommt. Wir können deutlich genug sehen, worum es sich handelt.

Warum antworten wir nicht auf Gottes Wort und Angebot? Denken wir etwa, wir könnten Gott hinhalten? Wir wissen doch ganz gut, daß wir ja auf die Weihnachtsbotschaft nicht mit: Nein! antworten können. Ich glaube, es ist kein Einziges hier in der Kirche, das es von sich stoßen könnte, wenn ihm jetzt gesagt wird: Gott hat dich lieb und nicht nur dich, sondern also hat Gott die Welt geliebet, daß er seinen eingeborenen Sohn gab [Joh. 3,16]. Das bringt kein von uns fertig, das ist uns ganz unmöglich, da hören wir alle viel zu deutlich die heimliche Stimme in uns: Ja, ja, das ist wahr, und ich, ich sollte nun auch einmal anfangen, Gott wieder lieb zu haben, wie es der Heiland tat, sollte so recht Bruder und Schwester des Heilands und mit ihm stark und selig werden. Wir können da nicht Nein sagen.

Aber ich glaube, wir alle möchten so gerne unser Ja noch ein wenig hinauszaudern, noch nicht gleich jetzt uns entschließen, der Liebe Gottes zu uns mit kindlichem Vertrauen zu begegnen. O warum ist es so? warum zaudern wir? Ist es uns etwa Angst vor der großen Freude? Angst vor der Freiheit vom Bösen? Angst vor dem siegreichen Kampf gegen Leid und Not? Angst vor der Erlösung von uns selbst und unserer Ich-Welt? Fürchten wir uns davor, nicht mehr die Menschlein sein zu können, die wir bis dahin waren, nicht mehr in den engen Häuslein wohnen zu können, in die wir uns bis jetzt selbst eingesperrt hatten, blendet uns der Sonnenaufgang der neuen Welt Gottes in Christus? Wie dem auch sei, wir können das auf die Länge gar nicht, Gott hinhalten und hinaustragen2. Wem gibt man keine Antwort? Denen, denen man |513 nicht recht traut, nicht wahr? Denen, bei denen man eine Unwahrhaftigkeit vermutet. Wir kommen in eine ganz schiefe, unglückliche Lage, wenn wir es Gott so machen wollen. Und wir sind tatsächlich in dieser schiefen, unglücklichen Lage. Wir möchten wohl heimlich Ja sagen, aber dann hält uns ebenso heimlich ein Mißtrauen zurück, es könnte vielleicht doch nicht so sein, und so stehen wir da wie der schwache Richter Pilatus: Was soll ich denn machen mit Jesus, von welchem gesagt wird, er sei Christus? [Mt. 27,22]. Ja, was soll ich denn machen?, so fragst du hin und her und bleibst in der Unfreudigkeit, bleibst in der Versuchung und in der Unreinheit, bleibst in der Ratlosigkeit gegenüber der Not der Brüder, bleibst in der Gefangenschaft deines Ich. Was soll ich denn machen?, fragt die Menschheit, und es bleibt Alles beim Alten, und es ist 2000 Jahre nach der Geburt des Heilands noch so Weniges wirklich anders geworden. Warum? Weil wir mit unserem Zaudern Gott zum Lügner machen. Solange wir uns nur heimlich und halb und halb für ihn entscheiden und seiner Liebe recht geben, solange kann er uns auch nur heimlich und halb und halb helfen. Wenn wir Gott nicht ganz trauen, kann er uns auch nicht ganz segnen.

Was muß denn geschehen? Wir müssen es mit einem freudigen, offenen Ja ganz aus der Tiefe unseres Herzens einmal besiegeln, daß Gott wahrhaftig ist [vgl. Röm. 3,4]. Müssen es ohne Hintergedanken und Zweideutigkeit und Vorbehalt annehmen, daß er uns so lieb hat, es so gut mit uns meint. Das ist’s. Es ist etwas Gewaltiges um dieses Annehmen und Bestätigen, daß Gott wahrhaftig ist, um dieses Ja-Antworten und Sich-Entscheiden für die Weihnachtsbotschaft. Etwas Gewaltiges und doch wieder etwas Kindereinfaches. Stell dir nichts Falsches darunter vor! Du denkst jetzt vielleicht in deinem Herzen: er meint, ich sollte ein wenig religiöser werden, mich mehr mit den inneren, frommen Sachen abgeben, vielleicht da und dort dabeisein und mitmachen, wo es ernst zugeht. Ich bitte dich, das nicht zu denken. Was Johannes der Täufer da so mächtig vor uns hinstellt als unseren Weg: wer an den Sohn glaubt!, das ist etwas Anderes als alles religiöse und kirchliche Wesen. Das wäre eine ganz unglückliche Verwechslung. Es könnte uns allerdings geschehen, daß wir uns innerlich gedrängt fühlen, Gott einmal unser Ja-Wort zu geben, und daß wir ihm dann noch in letzter Stunde entrinnen und, statt seine Liebe zu uns anzunehmen, in ein solches religiöses und kirchliches Wesen hineingeraten. Wir können sehr ernste |514 und eifrige religiöse und kirchliche Menschen sein und doch dem Pilatus gleichen und nicht wissen: was soll ich denn mit Jesus machen? und doch noch vollständig im Alten drinstecken. O, ich möchte um keinen Preis zu dieser furchtbaren Verwechslung Anlaß geben, wenn ich euch und wenn ich unsere ganze Gemeinde frage: wo bleiben unsere Antworten? wo bleiben die Entscheidungen, die wir Gott schuldig sind? Ich fürchte manchmal fast, unser religiöses und kirchliches Wesen ist uns geradezu ein Hindernis, daß wir nicht zu jenem aufrichtigen Ja-Sagen kommen, und wir haben nicht zu wenig, sondern zu viel davon. Wir haben schon längst zu viel Predigten und Ansprachen gehört. Wir sind viel zu sehr gewöhnt daran, daß das Taufen und Abendmahlfeiern und Konfirmieren jahraus jahrein in diesem Raum seinen regelmäßigen Gang geht samt allem Religiösen, was wir sonst noch haben. Es ist uns viel zu natürlich geworden, daß es immer wieder Ostern und Bettag und Weihnacht wird mit den vielen, vielen Anfragen und Angeboten des lieben Gottes, die das alles eigentlich für uns bedeutet. Wir hören die gar nicht mehr, wir denken gar nicht mehr davon, daß wir Ja sagen sollten. Wir hören nur Predigten und sehen nur kirchliche Handlungen und machen das alles mit. Ja warum machen wir eigentlich mit? Was hat das alles für einen Sinn, wenn es gerade den Sinn nicht hat, daß wir Ja sagen? Sind da nicht die Anderen fast die Aufrichtigeren, die sich eingestehen, daß sie ja doch nicht Ja sagen wollen, und die darum finden, es habe keinen Sinn, mitzumachen? Haben sie nicht recht? Hat es einen Sinn, mitzumachen, wenn doch das Eine beharrlich nicht geschieht, das geschehen müßte? Ist uns nicht unser Mitmachen geradezu im Weg? Müßte man nicht vielen, vielen von uns — und ich rechne mich selber dazu — vor Allem zurufen: oh, nun sei einmal ein bißchen weniger religiös und kirchlich und dafür ein bißchen einfacher und ernster?

Denn an den Sohn Gottes glauben, das ist eine einfache und ernste Sache! Einfach, weil es dazu wirklich nicht mehr braucht, als daß du das große, schöne «Für Euch» der Weihnachtsbotschaft einmal für dich gelten lässest: Also, für mich! Nicht für die Nachbarn, nicht für die «Leute», nicht für die, die leider nicht in die Kirche gehen oder nur selten, nicht für die Unbekehrten, für mich! Wenn du es einmal für dich gelten lässest, dann gilt es auch für alle Anderen, sorg dich nicht darum, die entgehen ihm nicht, fang du jetzt einmal an. Einfach, weil dieses Geltenlassen nur darin besteht, daß du einmal ganz schlicht zugibt: in Jesus ist |515 das Größere als in mir und das, was ich nötig habe, und daß du wie ein Kind danach greifst: ich möchte es auch haben. Einfach, weil zu diesem Zugreifen nur eins nötig ist: fahren lassen deine Traurigkeit, deine Empfindlichkeit, deine Angst, deine Schwäche — hast du sie so lieb, diese Sachen? —, laß fahren, dann ist dir das Andere schon in der Hand. Das heißt an den Sohn Gottes glauben. Das ist mehr als Religion und Kirchlichkeit, das ist Leben. Das sind Tatsachen. Das ist etwas Einfaches.

Freilich auch etwas Ernstes. Denn um einmal so die ganze Weihnachtsbotschaft als wahr anzunehmen «für dich», dazu mußt du zugleich dich selbst ganz für Gott in Anspruch nehmen lassen. Das ist eine große und schwere Veränderung. Wiederum nicht die Anderen, nicht die Leute, sondern dich selbst für Gott. Du sollst von oben her, vom Himmel her leben wie Jesus, in seiner Nachfolge. Sorg dich [nicht], die Anderen kommen schon nach, laß es einmal an dir geschehen! Das ist ernst!, aber ist’s so schwer, ist’s nicht das Natürlichste, für Gott zu leben, von Gott her ins Leben zu sehen und zu gehen wie Jesus, ist’s nicht im Grunde leichter als alles Andere? Ernst ist’s, weil es viel Demut braucht, um Jesus wirklich als den Größeren zu anerkennen. Gesagt ist’s schnell, unterworfen haben wir uns nicht so bald. Aber wieder ist dieses Ernste kein hartes Joch. Es ist nicht schwer, vor Jesus demütig zu werden. Ernst ist’s, weil wir wirklich unseren Jammer und Plunder alle ein wenig lieb haben und gar nicht so gern darauf verzichten, aber mußt du nicht selbst schon ein wenig lächeln über diese Liebe, wenn’s nun von der anderen Seite so warm und schön tönt: Der Sohn macht euch frei [Joh. 8,36]? O, du möchtest ja so gerne frei werden. Solches Ernstmachen heißt an den Sohn Gottes glauben. Hüte dich, daß du es mit nichts Anderem mehr verwechselst. Auch dieses Ernstmachen ist nichts Scheinbares, sondern Leben und Tatsache.

Sieh, das muß geschehen: das Einfache und das Ernste, Jesus gegenüber. Gott weiß es, wie es nun sein wird an unserer Weihnacht. Wenn unser Weihnachtsfeiern und Abendmahlfeiern einen Sinn hat, dann muß es der sein, daß etwas von diesem Einfachen und Ernsten geschieht unter uns. Daß es zu Antworten und Entscheidungen kommt. Daß Gott von dir und von mir ein Ja zu hören bekommt. Er sagt dir jetzt durch den Heiland: Ich habe dich lieb! Was hast du darauf zu sagen?

Amen.
516 Lieber Vater im Himmel! Wir danken dir, daß du es nun wieder Weihnacht werden lässest. Wir danken dir, daß wir aufs neue Gelegenheit haben, anzunehmen den Frieden und die Freude, die du uns bietest. Wir danken dir, daß die Tore des Paradieses uns aufgetan sind. Es fehlt nicht an dir und es fehlt nicht an dem, den du uns gesandt hast, wenn wir draußen bleiben. Rühre du uns an, rede du mit uns, zeig du dich uns in diesen Tagen, daß wir deinem Sohne und dem Wort von dir, das er uns bringt, glauben müssen, daß wir dich lieb bekommen, wie du uns lieb hast. Segne mit deiner Gegenwart die, die dir in dieser Festzeit im heiligen Abendmahl begegnen möchten, und segne auch reichlich alle, die dich sonst suchen. In deinem Hause sind viele Wohnungen. Laß nur keinen von uns in Ruhe, bis er heimkehrt zu dir. Unser Vater …3
Lied:
  • Nr. 87: «Auf, auf, ihr Reichsgenossen» von J. Rist, Strophen 1-3 und (nach der Predigt) 4-6 (= GERS [1952] 105,1.2.4; 5-7 mit leichten Textabweichungen, ebenso im EKG 8,1.2.5 und 6-8) 🎵

Sachfußnoten

1
Glustig (gesprochen: «gluschtig») werden nach = Lust bekommen auf.↩
2
Das nicht sicher entzifferbare Wort könnte auch «hinauslügen» heißen.↩
3
Am Montag, 20. Dezember, schrieb Barth an Thurneysen: «Hier bekommst du meine Adventspredigten, die du aber mit Auswahl und vor allem mit Milde besichtigen mußt … Es sind keine entscheidenden Schläge, sondern harmlose positive Predigten mit etlichen ziemlich schwachen Partien, die ich dir nur schicke, weil du sie verlangst und weil es mir nichts macht, wenn du die Blöße gewahr wirst. Ich habe dato eher eine Zeit geringer Dinge» (Bw.Th. I, S. 118 📖).↩