12. Dezember 1915

Predigt: Johannes 3,26-36 (III) (3. Advent)

496
301
III. Advent
Johannes 3,26–36 (III)
Liebe Freunde!

Nun wollen wir heute nur auf das achten, was uns Johannes der Täufer von Jesus, dem Größeren, der nach ihm kam, zu sagen hat. Er muß ihn gut gekannt, er muß ihm tief in die Seele hinein gesehen haben, daß er so von ihm reden kann. Er hat ihn lieb gehabt, diesen Jüngeren, der an seine Stelle treten sollte. Er sieht an ihm empor in dankbarer Ehrfurcht, denn in ihm hat er den Trost und die Freude gefunden für sein arbeits- und kampfreiches Leben. Und aus diesem Sinn heraus redet er von ihm.

Er hat in Jesus den Menschen erkannt, der ganz für Gott lebte. Nicht nur für Gott, das ist mißverständlich: auch Johannes lebte für Gott, tausende haben schon gemeint, ganz für Gott zu leben, zu wirken, zu reden, zu leiden. Aber sie waren nicht Jesus, und was von ihnen ausging, das waren nicht Heilandskräfte. Jesus lebte nicht nur für Gott, sondern ich möchte sagen: aus Gott in seinem ganzen Leben und Streben und vor Gott alle Tage und Stunden seines Lebens. Der Ursprung seines inneren Lebens und seiner Gedanken und was ihn dann immer innerlich bewegte und beschäftigte, es paßte zu dem Ziel seines Lebens. Er nahm nie eine andere Richtung, er schlug keine anderen Wege ein und wählte keine anderen Mittel, als die genau seinem Ziel entsprachen und auf dies Ziel hinführten. Das heißt: aus Gott und vor Gott leben und nicht nur «für Gott», denn welcher Mensch kennte das Ziel des Lebens nicht, das uns allen gesteckt ist in Gott? wer wüßte das nicht, daß alle Dinge und wir Menschenkinder alle nicht zur Ruhe kommen können, bis der Friede des Reiches Gottes in uns und unter uns zum Vorschein kommt? Darum nennen wir uns doch Christen, darum haben und pflegen wir doch unsere Religion, darum greifen wir immer wieder nach Bibel und Gesangbuch, darum finden wir auch immer wieder den Weg in die Kirche, das eine öfter, das andere seltener, dartun falten wir auch wohl in stillen Stunden die Hände und versuchen es, wieder einmal zu beten, weil wir eben von unserem Ziel wissen, das im Himmel ist, und das will sagen: in der schönen, klaren Freudenwelt |497 und Wahrheitswelt und Liebeswelt, in der Gott wohnt über unserer Welt, und weil es uns keine Ruhe läßt, daß wir immer an dieses Ziel denken und heimlich ihm wenigstens ein bißchen näher kommen möchten.

Aber, ja aber — unser Ursprung und Anfang, von denen wir ausgehen, und die Wege und Weglein, die wir einschlagen, stimmen eben nicht zu diesem Ziel. Wir gehen nicht von Gott aus zu Gott hin, und wenn wir unterwegs sind, wollen wir uns immer von viel zu viel Anderem nähren und unterhalten als einfach von Gott selber, und darum ist es dann auch mit unserem «für Gott» und «zu Gott hin» so eine mißliche Sache. Darum haben wir dann wohl unsere Gewissensunruhe und Sehnsucht und ein herzliches Verlangen nach Gott, haben wohl unsere Religion und Christentum, Bibel und Gesangbuch, Pfarrer und Prediger, Kirchen und Gemeinschaften, haben wohl unsere Hoffnungsgedanken und Gebete: o Gott, gib dich uns zu erkennen, laß uns mehr verspüren von deiner Güte und Gegenwart — aber was wir nicht haben, das ist das, was in Jesus, dem Heiland, und um ihn herum war, nämlich das ewige Leben und die Lichter und Kräfte des Gottesreiches. Es bleibt immer der Unterschied: wir die Christen, er der Christus, er der, der hat, wir die, die nicht haben, sondern nur haben möchten; er der Wirkende und Lebendige in voller Macht, wir im besten Fall die, die, eben vom tiefen Schlaf erwacht, die Augen aufschlagen, er vom Himmel, wir von der Erde. In diesem Unterschied kommt unser Elend an den Tag, wenn wir wollen — aber man kann ebensogut sagen: die große Freude, die unser wartet, wenn uns verkündigt wird: für euch ist heute der Heiland geboren [Lk. 2,11], und wenn wir diese Verkündigung annehmen.

In diesem Unterschied von uns, der uns angstmachen könnte und der uns doch auch wieder einfach freuen muß, stellt Johannes den Heiland vor unsere Augen. Hört, wie er ihn beschreibt: er kommt von oben her, er kommt vom Himmel und ist darum über Allen, er bezeugt, was er gesehen und gehört hat. Wir wollen es versuchen, über diese Worte ein wenig nachzudenken, dann lernen wir den Heiland vielleicht auch ein wenig kennen, wie er so gewaltig und unmittelbar für Gott und aus Gott und vor Gott lebte, und was darum Besonderes in ihm war.

Da steht das Wort: von oben her oder vom Himmel her. Um den Heiland wirklich zu sehen, müssen wir gerade das sehen, wo er herkommt. Aus Nazareth scheinbar, aus den Zuständen der Leute, die |498 damals dort wohnten, aus dem Handel und Wandel, aus der Arbeit und den Sorgen, aus Freud und Leid der Menschen in jenen ganz bestimmten Verhältnissen. Und dann wieder aus einer bestimmten Familie, mit den Vorteilen und Nachteilen, die jedes Familienleben hat, mit der Erziehung, die sie ihm zu bieten vermochte, mit dem guten und schlechten Einfluß, den sie auf ihn haben konnte. Und er selber schließlich ein Mensch mit einem Körper und körperlichen Bedürfnissen, mit bestimmten Anlagen und Fähigkeiten, mit seinem bestimmten Charakter, mit seinem Beruf, dem er während langen Jahren, während der längsten Zeit seines Lebens ruhig und in aller Stille nachgegangen ist. Jesus ist nicht als ein Engel aus den Wolken auf die Erde herniedergeflattert, sondern er kam, als er zu Johannes an den Jordan und nachher zu dem Volk von Galiläa kam, als ein Mensch zu den Menschen — und von den Menschen her. Es ist in diesem Augenblick kein, aber auch gar kein Anlaß da, zu vermuten, daß er anderswoher komme als aus menschlichen Verhältnissen, menschlichen Gedanken, menschlichen Sorgen, menschlichen Wünschen und Bestrebungen. Und doch nimmt ihn Johannes, sobald er ihn kennt, von allen Anderen aus, auch von sich selber, stellt ihn sofort sich selbst und allen Anderen gegenüber in eine andere Reihe, in der er aber vorläufig allein steht, als den, der wirklich anderswoher kommt als von Nazareth, von seiner Familie und seinem Beruf her, von seiner eigenen Person her. Er kommt von oben her, vom Himmel her! Was heißt nun das? Damit ist der menschliche Anfang und Ursprung Jesu nicht durchgetan1 und geleugnet. Das wollen wir uns nicht nehmen lassen, sondern darüber wollen wir uns freuen, daß der Heiland wirklich war wie unser einer, daß er auch ein Vaterland hatte und noch dazu eins, das ihm sehr lieb war, daß er auch so aus einem Dorf kam, vielleicht wie das unsrige mit guten und schlimmen Zuständen, mit Leuten von der und dieser Art, daß er auch Eltern und Brüder hatte, die man kannte und über die man allerlei wußte, und daß er schließlich und kurzum eben auch so ein Menschenkind war mit Allem, was zum Menschen gehört, wie du und ich. Das wollen wir keinen Augenblick vergessen, das hilft uns, ihn uns lieb und vertraut zu machen wie einen älteren Bruder.

Und doch ein Anfang und Ursprung von oben her, vom Himmel |499 her, etwas total Anderes als bei dir und mir. Wie sollen wir das verstehen? Denk dir jetzt, du würdest zuhören müssen, wie jemand von dir eine Beschreibung macht, und nun würde er anfangen: das war sein Vater und das seine Mutter, und in Safenwil ist er aufgewachsen und ging in die Schule und wurde ein Safenwiler, wie sie eben sind und sein müssen, ging in die Fabrik oder wurde Bauer, wurde ein paarmal krank und wieder gesund — und dann noch ein paar gute Eigenschaften und ein paar Fehler, wie sie ja jeder hat, etwa in der Weise des Lebenslaufes, den man bei einer Beerdigung zu hören bekommt. Denke dir jetzt, du würdest jetzt bei Lebzeiten einen solchen Lebenslauf von dir zu hören bekommen, und nach Aufzählung aller dieser Dinge ertönte das Wort: Fertig! Und in dem Bilde, das da gezeichnet wurde, solltest du nun dich selber wiedererkennen! Nicht wahr, da würde sich etwas in dir auflehnen dagegen, auch wenn du gerade nichts weiter hinzufügen könntest, und du würdest bei dir selber denken und vielleicht auch sagen: Nein, nicht fertig! Ich bin nicht nur der Sohn oder die Tochter von dem und dem, ich bin nicht nur ein Safenwiler, ich bin nicht nur ein Bauer oder ein Fabrikarbeiter, ich bin nicht nur ein Vermöglicher2 oder ein Armer, ich bin nicht nur der und der, ich bin mit all dem und allem Ähnlichen noch nicht fertig beschrieben: ich bin weiß Gott noch etwas Anderes; der, der mich so beschrieben hat, der hat nur meine Kleider und meine Haare beschrieben, der hat mir nicht ins Herz gesehen, der kennt mich eigentlich gar nicht, kennt das nicht, was da in mir ist und sich ängstigt, sich sehnt, sich freut, was da seufzend an den Ketten rüttelt des Gefängnisses, in dem ich bin, was sich in einzelnen hellen Stunden jubelnd dem Lichte entgegenstreckt. Das, das bin ich — meine hungernde und dürstende Seele, das bin ich, das ist das Eigentliche, das Wahre an mir. Ja, du hast wohl recht, wenn du dich so wehrst.

Aber kannst du dich eigentlich wundern darüber, kann sich irgend eins von uns wundern, wenn man uns so menschlicherweise beschreibt? Was wollen wir eigentlich ehrlicherweise antworten, wenn uns einer aufs Gewissen fragte: wo kommst du her? was ist der Anfang und Ursprung deines inneren Lebens, deiner Gedanken, deiner Bemühungen und Sorgen und Freuden, wo kommst du her? Müßten wir dann nicht aufrichtig bekennen, das Eine wie das Andere: ja, es ist wahr, ich kom|500me aus meinem Dorfe her, so wie sie da, die Meisten, immer gewesen sind, so bin ich auch geworden, so wie man’s da im Allgemeinen treibt, so treibe ich’s auch, und aus meiner Familie komme ich her und bin stolz auf meine Familie und will das, was daheim alle wollen, und habe die lieb, die mich wieder lieb haben [vgl. Mt. 5,46 par.], und vielleicht bin ich eine Zeitlang in der Fremde gewesen und habe noch die und die anderen Lebenskreise gesehen, und so komme ich noch ein wenig von jenen anderen Kreisen her, und dann komme ich von meinem Beruf her, und was den angeht, das ist mir wichtig und dafür interessiere ich mich, und vor allem komme ich von meiner eigenen Person oder von meinem kleinen Persönlein her, so wie ich nun einmal bin mit meinem Wunsch, einen glatten Weg vor mir zu haben mit möglichst wenig Anstößen und Schwierigkeiten, mit meinem Wunsch nach ein wenig oder auch ein wenig viel Geltung und Anerkennung, mit der sorgfältigen Pflege, die ich meiner Eigenart zuteil werden lasse, als ob sie eine kostbare ausländische Pflanze wäre. Da komme ich her! Und das, was wir vorhin die Seele nannten, das Eigentliche, das Wahre an uns? Das doch Keines von uns sich absprechen läßt, nicht wahr? Sieh, das ist gerade der Jammer, das ist wohl auch so da in uns, aber es ist eben nicht der Anfang und Ursprung unseres Lebens und Wesens. Es ist nicht die Quelle, nicht die Wurzel unserer Gedanken. Es ist nicht die Kraft, die uns in Bewegung setzt. Es ist nicht die Gewalt, die unsere Gefühle beherrscht und unsere Handlungen und unsere Worte. Es ist nur eben noch so da in uns. Von allem Möglichen kommst du her, aus allem Möglichen heraus lebst du, aber nicht aus dem Anderen, dem Eigentlichen und Wahren in dir, nicht aus deiner Seele heraus lebst du. Die steht bedrängt und verschupft3 auf der Seite, die muß immer an zweiter Stelle sein, die muß immer wieder zu kurz kommen. Die gilt nichts, gar nichts oder fast gar nichts. Das, was bei dir gilt, das sind die menschlichen, äußeren Sachen. Und darum kann man dich so menschlicherweise beschreiben: nur der und der! nur so ein Mensch! nur so Einer! nur so Eines! Und so muß man nicht nur dich beschreiben, sondern auch mich und uns alle, und menschlicherweise ganz mit Recht. Wir spüren es uns eben alle gegenseitig an, wo wir herkommen: aus dem Menschlichen her, aus tausenderlei Menschlichkeiten heraus, und darum nehmen wir |501 einander nicht ernster, als wir es tun. Und seht ihr, das ist eben der Weg, der zu unserem Ziel nicht paßt: aus dem Menschlichen heraus werden wir niemals, und wenn wir’s noch so gerne möchten, und auch nicht mit noch so viel Religion und Christentum, etwas «für Gott» tun und zu Gott hin gelangen können. Anfang und Ziel müssen eben übereinstimmen.

Und nun steht der Heiland vor uns als der Mensch, bei dem Anfang und Ziel übereinstimmen. Er kommt von oben, vom Himmel her. Er kommt auch als Mensch von den Menschen her und verwirft und verdammt das Menschliche nicht. Aber der Anfang und Ursprung ist bei ihm ein anderer; hinter dem Menschlichen senken sich die Wurzeln seines Lebens hinunter zu der Quelle, die bei uns zugeschüttet ist. Diese Quelle ist das Eigentliche und Wahre, die Seele. Wir kennen sie auch, aber wir anerkennen sie nicht. Jesus hat sie anerkannt. Er hat in seiner für uns fast unbekannten Jugendzeit schon und dann immer deutlicher und stärker, je älter er wurde, in sich selber etwas entdeckt, das wurde ihm wertvoller als Alles, das mußte er pflegen, sorgfältiger als alles Andere, dem mußte er lauschen, dem mußte er nachgehen, dem mußte er gehorsam werden wie nichts Anderem. Wie sollen wir’s beschreiben: er fühlte sich geliebt mit einer ewigen Liebe, er fühlte sich getragen von einer unendlichen Macht, er fühlte sich erfüllt und bewegt von einer wunderbaren Freiheit und Freude. Er sah hinein in eine wundervolle Tiefe und Wahrheit des Lebens, über die er fast erschrecken wollte und die ihn doch einfach mit Seligkeit erfüllte. Und dieser Blick ins Leben hinein klärte und reinigte und heiligte ihn von Tag zu Tag mehr, er konnte nicht genug Zwiesprache mit sich selber halten, weil ihm aus seinem Geheimnis fort und fort Kräfte zuströmten, die ihn fest und sicher machten. Alles wurde ihm klein um ihn herum und doch nichts unbedeutend, alle Menschen und ihre Art konnte er vergessen, und doch verstand er sie immer besser und mußte sie immer lieber haben, er fragte nichts mehr nach Himmel und Erde [vgl. Ps. 73,25] und fand doch in der ganzen sichtbaren Welt immer deutlicher die Spuren des gleichen Lebens, das in ihm aufgewacht war. Er konnte nur noch gleichsam zitternd lauschen und warten, was nun wohl aus dem Großen, das in ihm angefangen hatte, werden wolle, und doch lebte er fröhlich wie ein anderes Kind und war seinen Eltern Untertan [Lk. 2,51] und lebte dann still und treu in seinem Beruf wie jeder Andere. Das war die Seele, was Jesus da in sich entdeckt hatte.

502 Aber nein, viel mehr als seine Seele. Jesus hat das Leben, das in ihm sich regte, nie als sein eigenes betrachtet. So groß und heilig war es, daß er es nie auch nur in Gedanken mit den Wörtlein: «ich» und «mein» verunreinigen konnte. Er sah im Spiegel seiner Seele nicht sich selbst, sondern den Schöpfer und Herrn seines Lebens, ja den Schöpfer und Herrn aller Menschen und der ganzen Welt. Die Quelle des Eigentlichen und Wahren, der er nachgegangen und die er ausgegraben hatte, sie führte ihn nicht zu sich selbst, sondern zu Gott hin. Nicht zu dem Gott der Schriftgelehrten, der ein bloßes hohes, hartes Wort ist, nicht nur zu dem Gott, den Millionen von armen, sehnsüchtigen Menschen als ein Schmuckstück ihres Lebens betrachten und doch nichts Rechtes mit ihm anzufangen wissen, auch nicht nur zu dem strengen, furchtbaren Richter- und Rächergott, den Johannes der Täufer verkündigte. Nein, zu dem Gott, der einfach mit großer Liebe und Freude ist, der hoch über allen menschlichen Gedanken und Gesetzen lebt, der nicht nur etwas ist im Leben der Menschen, sondern Alles, auch wenn sie es gar nicht wissen, der sich durch alle Torheit und Sünde der Menschen keinen Augenblick hindern läßt zu sein, was er ist: groß und wahr und gütig, die Klarheit und der Friede. Jesus sah Gott als den Eigentlichen und Wahren hinter Allem. Die Welt und die jetzige Menschenart wie einen dunklen Vorhang, der niedergegangen ist und uns verhüllt hat, was im Anfang und im Grunde wahr ist, und der doch an tausend Stellen etwas durchleuchten läßt von dem Verborgenen, wer nur die Augen hat, zu sehen.

Und nicht nur Gott sah Jesus als den Schöpfer und Herrn, sondern die ganze Welt der ursprünglichen Schöpfung Gottes, die jetzt gleichsam ruiniert und verschüttet ist. Und sie ist doch da. Und Gottes Gedanken sind doch Liebes- und Freudensgedanken. Und der Mensch ist doch Gottes Kind und gehört zu ihm, und nicht umsonst ist seine Seele so unruhig [vgl. Ps. 42,6]. Und das Leben ist doch Herrlichkeit. Und die Ordnung des Lebens kann Friede und Recht sein von Stund an. Und die Feinde des Menschen haben nur Macht über ihn, weil Gott nicht sein Freund ist. Und es gibt nichts Trauriges und Böses, was der Mensch anerkennen und hinnehmen müßte, wenn er nur Gott einmal anerkennen und hinnehmen wollte. Und alles Gute und Schöne und Liebe wartet eigentlich nur auf den Menschen; wo er geht und steht, könnte und wollte der Vater ihn segnen, wenn er es nur haben wollte.

503 Und nun hat er selber, Jesus, eben nicht warten können, sondern hat zugegriffen und zu Gott, der mit ihm geredet: Ja! gesagt, und sofort war für ihn die Welt der ursprünglichen Schöpfung wieder da. Sofort kam für ihn und in ihm das Verborgene zum Vorschein, und er konnte ruhig und fröhlich werden, trotzdem er weit um sich herum noch immer den dunklen Vorhang ausgebreitet sah über Welt und Menschen. Sofort galt für ihn die neue Lebensordnung, die sonst nur bei Gott gilt—nd doch das alles keinen Augenblick nur für ihn allein. Er konnte sich nicht als der Sohn Gottes fühlen, ohne es nun laut zu allen Menschen zu sagen: ihr seid meine Brüder, denn ihr seid auch Gottes Kinder, und was ich habe und bin, das könnt ihr auch haben und sein, ich will es euch schenken und zeigen. Und das wird nun seine Lebensaufgabe, sein Beruf, obwohl er nur ein armer Handwerker ist, zu zeigen, was ihm gezeigt worden ist, weiter zu schenken, was ihm geschenkt ist, leuchten zu lassen das große Licht, das ihm aufgegangen ist. Das war der Ursprung und Anfang seines Lebens! Da kam er her! Er kam von Gott her. Und darum konnte man von ihm nicht sagen: nur ein Mensch! nur der und der! Was war da Nazareth und seine Brüder und sein Beruf und sein persönlicher Charakter? Das war ja alles auch da. Aber das war doch alles nicht wichtig. Wichtig war, daß er von oben her, vom Himmel her kam, daß er hindurchgedrungen war zu den Quellen des Lebens, zu Gott selber, zu Gottes Schöpfung und Welt, daß er als der Sohn Gottes zu den Menschen kam, um sie seine Brüder zu nennen.

Und darum ist Jesus der Heiland. Er sieht unseren Jammer, daß wir alle nur Menschen sind, daß du nur du bist und ich nur ich. Daß man unser Leben so gleichgiltig beschreiben kann: ach der und der! so und so einer! ward geboren, lebte und starb dann, fertig! Nein, sagt er zu uns: nicht fertig!, es braucht durchaus nicht fertig zu sein! Du kannst und darfst viel, viel mehr sein als der und der und so und so einer. Du brauchst nicht gefangen zu bleiben in dem Häuslein, das du dir mit der Zeit so gebaut hast. Du brauchst dich nicht ermüden und erschöpfen zu lassen durch die vergänglichen und nebensächlichen Fragen und Sorgen, von denen du jetzt herkommst. Ich will dir die Hand geben, daß du, ja daß du wahrhaftig auch vom Himmel, von oben her kommen und leben darfst. Ich will dir zeigen, wie man der verborgenen Quelle in der Seele nachgeht, denn du hast auch eine Seele, weil du auch Gottes Kind bist. Ich will dir zeigen, wie du noch viel weiter kommen kannst |504 als in deine Seele hinein, nämlich zu Gott, dem Herrn und Schöpfer, daß du ihn auch hinter Allem erkennen lernst als den Eigentlichen und Wahren, daß du die Augen auch bekommst, um das Schimmern und Leuchten von ihm her durch den dunklen Weltvorhang hindurch zu sehen und dich hellauf zu freuen. Ich will dir helfen, daß du die ursprüngliche Schöpfung Gottes auch wieder siehst und wie eigentlich Alles, was dazu nicht stimmt, Zank und Stolz und Borniertheit und Menschenfurcht, aber auch Krieg und Teuerung und Tuberkulose nur böse Träume sind, auf die ein freudiges Erwachen folgen wird, wenn wir einmal Gott machen lassen. Du sollst, sagt der Heiland zu uns, darin mein Bruder sein, daß ich dir zeige, wie man still und getrost auf den Vater wartet, der uns mit seiner Güte erfreuen will, aber auch darin, daß wir nicht warten, sondern zugreifen wollen, wenn er uns nur nahetritt, so daß wir ihn sehen können. Es kann auch mit dir etwas Anderes, Göttliches werden. Nicht erst, wenn du alt bist. Nicht erst, wenn du irgend etwas Künstliches, Schwieriges durchgemacht hast, etwa eine Bekehrung oder was du dir Schreckliches unter einer Bekehrung vorstellst. Nicht etwa erst, wenn du gestorben und in ein anderes Leben versetzt bist. Nein, jetzt, ohne Umstände und in diesem Leben. Es ist, sagt uns der Heiland, für dich so einfach wie für mich. Du kannst! Komm! Geh meinen Weg mit mir! Komm mit mir von Gott her zu Gott hin. Aus der Freude hinein in die Freude, aus der Freiheit in die Freiheit, aus dem Frieden in den Frieden, aus der Wahrheit in die Wahrheit. Von oben her! Vom Himmel her! Laß dich mitnehmen!

Das ist der Heiland, liebe Freunde, so stellt ihn Johannes der Täufer vor uns. Als den, der über Allen ist, obwohl er ist wie Alle und obwohl er nun Alle seinen Weg führen will. Als den, der bezeugt, was er und er allein so gesehen und gehört hat und was er doch nun uns allen gerade so zeigen möchte!

Das ist der Heiland für dich und für mich. Glaub’s nicht, wenn man dir sagt, daß du «nur du» seiest, daß du von der Erde seiest und wieder zur Erde müssest [vgl. Gen. 3,19]. Jesus hat dir etwas Anderes zu sagen. Er sagt dir, daß Gott es mit dir hat, und da hört alles «nur» auf. Aber du mußt nun auch selber anfangen, nicht mehr bloß «du» zu sein mit Allem, was dazu gehört. Glaub an das andere, das auf dich wartet.

Amen.
505 Lieber himmlischer Vater! Du weißt schon, wie wir Menschen alle dran sind. Wir haben eigentlich alle das Verlangen nach dir, nach dem Leben, nach der Gerechtigkeit, nach der Freude, die du schenkst. Es ist gar Keines unter uns, das es nicht weiß, daß du mit deinen Lichtern und Kräften ihm fehlst, und es sind solche unter uns, die sich aufrichtig danach sehnen, mehr von dir zu sehen und zu haben. Wir danken dir schon dafür, daß du uns keine Ruhe lässest, uns so unablässig zu dir rufst.
Du weißt aber auch, wo es uns fehlt. Wir wollen immer bauen auf einen Boden, der nicht standhält. Wir wollen fromm sein, ohne von Grund auf mit dir anzufangen. Wir wollen leben, ohne vor Allem einmal auf dich zu hören. Und da müssen wir dann immer wieder erfahren, daß es so nicht geht. Wir danken dir auch dafür, daß du uns so gut kennst und daß du uns immer wieder unsere Torheit so freundlich klar machst. Du hast aber auch Hilfe bereit für uns. Jetzt sagt es uns die Adventszeit wieder, wo wir sie suchen sollen. Wir haben uns ja schon oft zusammen freuen dürfen über den hellen Schein, den du durch unseren Heiland über uns und unsere Welt ausbreitest. Wir sehen so deutlich, wie sein Weg die Weisheit ist, die uns mangelt. Wir können es mit Händen greifen, wie mit ihm ein Neues anfängt für uns alle. Alles hast du uns in ihm bereitgestellt: Trost, Frieden, Wahrheit, eine neue Ordnung, ewiges Leben. Du willst uns in ihm heilen und erretten. Wir danken dir für den Sieg, den du uns in ihm gegeben hast, wenn wir ihn haben wollen.
Wir bitten dich heute um das Eine, daß es uns doch gegeben sein möchte, die rechte Zeit nicht zu versäumen und einmal Ernst zu machen. Und um das Andere, du wollest Geduld mit uns haben, wenn wir dich noch nicht tief genug verstehen, wenn wir noch nicht hart genug um dich gearbeitet und gerungen haben. Unser Vater …
Lied:
  • Nr. 90: «Wie soll ich dich empfangen» von P. Gerhardt, Strophen 1.3.4 und (nach der Predigt) 6-8 (= GERS [1952] 104,1.3.4; 6-8; EG 11,1.3.4; 6-8) 🎵

Sachfußnoten

1
= durchgestrichen.↩
2
= Wohlhabender.↩
3
= zurückgesetzt, benachteiligt.↩