Predigt: Johannes 3,26-36 (III) (3. Advent)
Nun wollen wir heute nur auf das achten, was uns
Er hat in Jesus den Menschen erkannt, der ganz für Gott lebte. Nicht nur für Gott, das ist mißverständlich: auch Johannes lebte für Gott, tausende haben schon gemeint, ganz für Gott zu leben, zu wirken, zu reden, zu leiden. Aber sie waren nicht Jesus, und was von ihnen ausging, das waren nicht Heilandskräfte. Jesus lebte nicht nur für Gott, sondern ich möchte sagen: aus Gott in seinem ganzen Leben und Streben und vor Gott alle Tage und Stunden seines Lebens. Der Ursprung seines inneren Lebens und seiner Gedanken und was ihn dann immer innerlich bewegte und beschäftigte, es paßte zu dem Ziel seines Lebens. Er nahm nie eine andere Richtung, er schlug keine anderen Wege ein und wählte keine anderen Mittel, als die genau seinem Ziel entsprachen und auf dies Ziel hinführten. Das heißt: aus Gott und vor Gott leben und nicht nur «für Gott», denn welcher Mensch kennte das Ziel des Lebens nicht, das uns allen gesteckt ist in Gott? wer wüßte das nicht, daß alle Dinge und wir Menschenkinder alle nicht zur Ruhe kommen können, bis der Friede des Reiches Gottes in uns und unter uns zum Vorschein kommt? Darum nennen wir uns doch Christen, darum haben und pflegen wir doch unsere Religion, darum greifen wir immer wieder nach Bibel und Gesangbuch, darum finden wir auch immer wieder den Weg in die Kirche, das eine öfter, das andere seltener, dartun falten wir auch wohl in stillen Stunden die Hände und versuchen es, wieder einmal zu beten, weil wir eben von unserem Ziel wissen, das im Himmel ist, und das will sagen: in der schönen, klaren Freudenwelt |497 und Wahrheitswelt und Liebeswelt, in der Gott wohnt über unserer Welt, und weil es uns keine Ruhe läßt, daß wir immer an dieses Ziel denken und heimlich ihm wenigstens ein bißchen näher kommen möchten.
Aber, ja aber — unser Ursprung und Anfang, von denen wir ausgehen, und die Wege und Weglein, die wir einschlagen, stimmen eben nicht zu diesem Ziel. Wir gehen nicht von Gott aus zu Gott hin, und wenn wir unterwegs sind, wollen wir uns immer von viel zu viel Anderem nähren und unterhalten als einfach von Gott selber, und darum ist es dann auch mit unserem «für Gott» und «zu Gott hin» so eine mißliche Sache. Darum haben wir dann wohl unsere Gewissensunruhe und Sehnsucht und ein herzliches Verlangen nach Gott, haben wohl unsere Religion und Christentum, Bibel und Gesangbuch, Pfarrer und Prediger, Kirchen und Gemeinschaften, haben wohl unsere Hoffnungsgedanken und Gebete: o Gott, gib dich uns zu erkennen, laß uns mehr verspüren von deiner Güte und Gegenwart — aber was wir nicht haben, das ist das, was in Jesus, dem Heiland, und um ihn herum war, nämlich das ewige Leben und die Lichter und Kräfte des Gottesreiches. Es bleibt immer der Unterschied: wir die Christen, er der Christus, er der, der hat, wir die, die nicht haben, sondern nur haben möchten; er der Wirkende und Lebendige in voller Macht, wir im besten Fall die, die, eben vom tiefen Schlaf erwacht, die Augen aufschlagen, er vom Himmel, wir von der Erde. In diesem Unterschied kommt unser Elend an den Tag, wenn wir wollen — aber man kann ebensogut sagen: die große Freude, die unser wartet, wenn uns verkündigt wird: für euch ist heute der Heiland geboren [
In diesem Unterschied von uns, der uns angstmachen könnte und der uns doch auch wieder einfach freuen muß, stellt
Da steht das Wort: von oben her oder vom Himmel her. Um den Heiland wirklich zu sehen, müssen wir gerade das sehen, wo er herkommt. Aus
Und doch ein Anfang und Ursprung von oben her, vom Himmel |499 her, etwas total Anderes als bei dir und mir. Wie sollen wir das verstehen? Denk dir jetzt, du würdest zuhören müssen, wie jemand von dir eine Beschreibung macht, und nun würde er anfangen: das war sein Vater und das seine Mutter, und in
Aber kannst du dich eigentlich wundern darüber, kann sich irgend eins von uns wundern, wenn man uns so menschlicherweise beschreibt? Was wollen wir eigentlich ehrlicherweise antworten, wenn uns einer aufs Gewissen fragte: wo kommst du her? was ist der Anfang und Ursprung deines inneren Lebens, deiner Gedanken, deiner Bemühungen und Sorgen und Freuden, wo kommst du her? Müßten wir dann nicht aufrichtig bekennen, das Eine wie das Andere: ja, es ist wahr, ich kom|500me aus meinem Dorfe her, so wie sie da, die Meisten, immer gewesen sind, so bin ich auch geworden, so wie man’s da im Allgemeinen treibt, so treibe ich’s auch, und aus meiner Familie komme ich her und bin stolz auf meine Familie und will das, was daheim alle wollen, und habe die lieb, die mich wieder lieb haben [vgl.
Und nun steht der Heiland vor uns als der Mensch, bei dem Anfang und Ziel übereinstimmen. Er kommt von oben, vom Himmel her. Er kommt auch als Mensch von den Menschen her und verwirft und verdammt das Menschliche nicht. Aber der Anfang und Ursprung ist bei ihm ein anderer; hinter dem Menschlichen senken sich die Wurzeln seines Lebens hinunter zu der Quelle, die bei uns zugeschüttet ist. Diese Quelle ist das Eigentliche und Wahre, die Seele. Wir kennen sie auch, aber wir anerkennen sie nicht. Jesus hat sie anerkannt. Er hat in seiner für uns fast unbekannten Jugendzeit schon und dann immer deutlicher und stärker, je älter er wurde, in sich selber etwas entdeckt, das wurde ihm wertvoller als Alles, das mußte er pflegen, sorgfältiger als alles Andere, dem mußte er lauschen, dem mußte er nachgehen, dem mußte er gehorsam werden wie nichts Anderem. Wie sollen wir’s beschreiben: er fühlte sich geliebt mit einer ewigen Liebe, er fühlte sich getragen von einer unendlichen Macht, er fühlte sich erfüllt und bewegt von einer wunderbaren Freiheit und Freude. Er sah hinein in eine wundervolle Tiefe und Wahrheit des Lebens, über die er fast erschrecken wollte und die ihn doch einfach mit Seligkeit erfüllte. Und dieser Blick ins Leben hinein klärte und reinigte und heiligte ihn von Tag zu Tag mehr, er konnte nicht genug Zwiesprache mit sich selber halten, weil ihm aus seinem Geheimnis fort und fort Kräfte zuströmten, die ihn fest und sicher machten. Alles wurde ihm klein um ihn herum und doch nichts unbedeutend, alle Menschen und ihre Art konnte er vergessen, und doch verstand er sie immer besser und mußte sie immer lieber haben, er fragte nichts mehr nach Himmel und Erde [vgl.
502 Aber nein, viel mehr als seine Seele. Jesus hat das Leben, das in ihm sich regte, nie als sein eigenes betrachtet. So groß und heilig war es, daß er es nie auch nur in Gedanken mit den Wörtlein: «ich» und «mein» verunreinigen konnte. Er sah im Spiegel seiner Seele nicht sich selbst, sondern den Schöpfer und Herrn seines Lebens, ja den Schöpfer und Herrn aller Menschen und der ganzen Welt. Die Quelle des Eigentlichen und Wahren, der er nachgegangen und die er ausgegraben hatte, sie führte ihn nicht zu sich selbst, sondern zu Gott hin. Nicht zu dem Gott der Schriftgelehrten, der ein bloßes hohes, hartes Wort ist, nicht nur zu dem Gott, den Millionen von armen, sehnsüchtigen Menschen als ein Schmuckstück ihres Lebens betrachten und doch nichts Rechtes mit ihm anzufangen wissen, auch nicht nur zu dem strengen, furchtbaren Richter- und Rächergott, den
Und nicht nur Gott sah Jesus als den Schöpfer und Herrn, sondern die ganze Welt der ursprünglichen Schöpfung Gottes, die jetzt gleichsam ruiniert und verschüttet ist. Und sie ist doch da. Und Gottes Gedanken sind doch Liebes- und Freudensgedanken. Und der Mensch ist doch Gottes Kind und gehört zu ihm, und nicht umsonst ist seine Seele so unruhig [vgl.
503 Und nun hat er selber, Jesus, eben nicht warten können, sondern hat zugegriffen und zu Gott, der mit ihm geredet: Ja! gesagt, und sofort war für ihn die Welt der ursprünglichen Schöpfung wieder da. Sofort kam für ihn und in ihm das Verborgene zum Vorschein, und er konnte ruhig und fröhlich werden, trotzdem er weit um sich herum noch immer den dunklen Vorhang ausgebreitet sah über Welt und Menschen. Sofort galt für ihn die neue Lebensordnung, die sonst nur bei Gott gilt—nd doch das alles keinen Augenblick nur für ihn allein. Er konnte sich nicht als der Sohn Gottes fühlen, ohne es nun laut zu allen Menschen zu sagen: ihr seid meine Brüder, denn ihr seid auch Gottes Kinder, und was ich habe und bin, das könnt ihr auch haben und sein, ich will es euch schenken und zeigen. Und das wird nun seine Lebensaufgabe, sein Beruf, obwohl er nur ein armer Handwerker ist, zu zeigen, was ihm gezeigt worden ist, weiter zu schenken, was ihm geschenkt ist, leuchten zu lassen das große Licht, das ihm aufgegangen ist. Das war der Ursprung und Anfang seines Lebens! Da kam er her! Er kam von Gott her. Und darum konnte man von ihm nicht sagen: nur ein Mensch! nur der und der! Was war da
Und darum ist Jesus der Heiland. Er sieht unseren Jammer, daß wir alle nur Menschen sind, daß du nur du bist und ich nur ich. Daß man unser Leben so gleichgiltig beschreiben kann: ach der und der! so und so einer! ward geboren, lebte und starb dann, fertig! Nein, sagt er zu uns: nicht fertig!, es braucht durchaus nicht fertig zu sein! Du kannst und darfst viel, viel mehr sein als der und der und so und so einer. Du brauchst nicht gefangen zu bleiben in dem Häuslein, das du dir mit der Zeit so gebaut hast. Du brauchst dich nicht ermüden und erschöpfen zu lassen durch die vergänglichen und nebensächlichen Fragen und Sorgen, von denen du jetzt herkommst. Ich will dir die Hand geben, daß du, ja daß du wahrhaftig auch vom Himmel, von oben her kommen und leben darfst. Ich will dir zeigen, wie man der verborgenen Quelle in der Seele nachgeht, denn du hast auch eine Seele, weil du auch Gottes Kind bist. Ich will dir zeigen, wie du noch viel weiter kommen kannst |504 als in deine Seele hinein, nämlich zu Gott, dem Herrn und Schöpfer, daß du ihn auch hinter Allem erkennen lernst als den Eigentlichen und Wahren, daß du die Augen auch bekommst, um das Schimmern und Leuchten von ihm her durch den dunklen Weltvorhang hindurch zu sehen und dich hellauf zu freuen. Ich will dir helfen, daß du die ursprüngliche Schöpfung Gottes auch wieder siehst und wie eigentlich Alles, was dazu nicht stimmt, Zank und Stolz und Borniertheit und Menschenfurcht, aber auch Krieg und Teuerung und Tuberkulose nur böse Träume sind, auf die ein freudiges Erwachen folgen wird, wenn wir einmal Gott machen lassen. Du sollst, sagt der Heiland zu uns, darin mein Bruder sein, daß ich dir zeige, wie man still und getrost auf den Vater wartet, der uns mit seiner Güte erfreuen will, aber auch darin, daß wir nicht warten, sondern zugreifen wollen, wenn er uns nur nahetritt, so daß wir ihn sehen können. Es kann auch mit dir etwas Anderes, Göttliches werden. Nicht erst, wenn du alt bist. Nicht erst, wenn du irgend etwas Künstliches, Schwieriges durchgemacht hast, etwa eine Bekehrung oder was du dir Schreckliches unter einer Bekehrung vorstellst. Nicht etwa erst, wenn du gestorben und in ein anderes Leben versetzt bist. Nein, jetzt, ohne Umstände und in diesem Leben. Es ist, sagt uns der Heiland, für dich so einfach wie für mich. Du kannst! Komm! Geh meinen Weg mit mir! Komm mit mir von Gott her zu Gott hin. Aus der Freude hinein in die Freude, aus der Freiheit in die Freiheit, aus dem Frieden in den Frieden, aus der Wahrheit in die Wahrheit. Von oben her! Vom Himmel her! Laß dich mitnehmen!
Das ist der Heiland, liebe Freunde, so stellt ihn
Das ist der Heiland für dich und für mich. Glaub’s nicht, wenn man dir sagt, daß du «nur du» seiest, daß du von der Erde seiest und wieder zur Erde müssest [vgl.
- Nr. 90: «Wie soll ich dich empfangen» von
P. Gerhardt , Strophen 1.3.4 und (nach der Predigt) 6-8 (= GERS [1952] 104,1.3.4; 6-8; EG 11,1.3.4; 6-8)