25. Juli 1915

Predigt: 1 Johannes 3,2

292
282
1.Johannes 3,22
Meine Lieben, wir sind nun Gottes Kinder; und ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Wir wissen aber, wenn es erscheinen wird, daß wir ihm gleich sein werden; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.
Liebe Freunde!

Wir sind Gottes Kinder! Das ist das Einzige, was ich euch Sonntag für Sonntag predigen möchte. Alles Andere, was ich euch sage, braucht ihr nicht zu hören, wenn ihr nicht wollt, braucht ihr nicht zu verstehen, wenn ihr nicht könnt, mögt ihr wieder vergessen, wenn ihr es nicht zu behalten vermögt. Aber dies Einzige euch immer und immer wieder zu sagen, daran ist mir vor Gott gelegen; wenn ihr dies Einzige nicht hört und nicht versteht und nicht behaltet, dann bin ich umsonst hier; die einzige Erkenntnis: wir sind Gottes Kinder!, das ist auch das Einzige, was die Menschen zu ihrem Heil glauben müssen, denn in diesem Einzigen ist ja alles Notwendige enthalten. Wollten doch die Menschen einmal den Mut fassen, all das Törichte und Nebensächliche, an das sie sonst noch meinen glauben zu müssen, entschlossen auf die Seite zu |293 stellen, um dafür mit diesem Einzigen ganz anders ernst zu machen: wir sind Gottes Kinder! Denn wo diese Erkenntnis ist, da bricht das Heil an, da findet sich Alles, was wir bedürfen. Da lösen sich unsere Fragen. Da werden unsere Zweifel lächerlich. Da kommen unsere Unordnungen in Ordnung. Da werden unsere Schwierigkeiten klein und nichtig. Da tun sich Wege auf nach allen Seiten. Da haben die Höllenmächte keine Macht mehr. Da kommt Freude, Kraft, Sieg, Seligkeit. Gott will uns von Allem befreien, was uns drückt. Gott will uns Alles schenken, was wir brauchen. Wenn wir nur erkennen, wer wir eigentlich sind: seine Kinder. Ohne diese Erkenntnis kann und will er freilich nichts tun. Mit dieser Erkenntnis fängt seine Herrlichkeit an, sich an uns zu offenbaren. An ihm liegt’s nicht, wenn wir noch so wenig davon gewahren. Er wartet nur auf uns. Wie lange muß er noch warten? Ja, wie lange?

Gottes Kinder! Gott ist die ewige Güte, die über Allem ist. Gott ist nicht dies und das. Gott ist nicht hier und dort. Gott ist nicht ein Wesen neben anderen Wesen. Gott ist der Sinn, der hinter Allem ist, die Quelle, aus der Alles kommt, und das Ziel, zu dem Alles hinstrebt. Der Sinn und die Quelle und das Ziel heißt Güte, nichts Anderes. Die Königin Sonne, die unsere Herzen erfreut und unsere Saaten reifen läßt der Ernte entgegen, sagt es uns: Gott ist Güte. Die Sterne, die über uns ihre unbegreiflichen, verwunderlichen Wege gehen von Jahrtausend zu Jahrtausend, sagen es: er ist Güte. Der strahlende Sommermorgen sagt es dem reichen, farbigen Abend, und der Abend sagt es der stillen, friedlichen Nacht, die es in ihrem Schweigen noch viel besser weiß und noch viel lauter verkündigt. Es sagen es uns allen die Erfahrungen unseres bisherigen Lebens, die guten und die bösen, die erfreulichen und die unerfreulichen, die, die uns vorwärts brachten, und die, die uns scheinbar hinderten und zurückbrachten, wenn wir sie wenigstens recht zu deuten verstehen. Es muß es ein Menschenkind dem anderen sagen, wenn wenigstens ihre Herzen miteinander zu reden kommen und nicht bloß ihre Zungen, heraus muß es überall, wo Menschen einander ihr Tiefstes einmal erschließen: Gott ist Güte. Wenn du’s von den armen Erwachsenen noch nie gehört hast, dann laß dir’s von einem der Kleinen sagen, die noch keine zwanzig Worte reden können, die wissen es ganz sicher. Es ruft’s uns das ganze Leben zu, wir müssen bloß seinen Ruf vernehmen, still und geduldig es lernen, ihn zu vernehmen: Gott ist Güte!

294 Das Leben kann uns schließlich nichts Anderes sagen. Wenn es manchmal Anderes zu sagen scheint, wenn wir zu hören meinen: Nein, der blinde Zufall ist Gott, nein, ein finsteres Schicksal, nein, ein boshafter Teufel gar, so mögen wir das wohl hören und eine Weile auch wohl glauben, aber das hält sich nicht, das geht zum einen Ohr ein und zum anderen wieder hinaus, das kann Keiner im Ernst glauben, da redet eben jedes Blümlein auf dem Feld und jeder vergnügte Spatz auf dem Dach und jedes Kindleins Lachen eine ganz andere Sprache. Das eigentliche, das wirkliche Leben, nicht das Leben, von dem wir oft träumen in unseren bösen Träumen, das wahre Leben, in dem wir drin sind, das sagt uns: die Güte ist Gott und Gott ist Güte und nichts Anderes. Andere Güte freilich als Menschengüte. Ewige Güte. Und das heißt: dauerhafte, siegreiche, endgiltige Güte. Sie ist das Geheimnis über den Sternen und über dem Gewimmel des Menschendaseins. Sie ist das lebendige Leben in Allem. Sie war, ehe die Sonne war. Sie war und galt, ehe ein Mensch auf Erden war. Sie wird sein und gelten am Ende der Menschengeschichte. Sie wird sein, wenn die Erde und die Sonne nicht mehr sein werden. Sie ist die eigentliche Wahrheit in der Welt, die durch niemand und durch nichts aufgehalten und widerlegt werden kann, die in Allem triumphiert und triumphieren wird. Das ist Gott.

Und wir sind seine Kinder. Ja, das ist’s eben. Das gehört sofort und unmittelbar zu dem allem hinzu und ist nicht davon zu trennen. Wir wissen von Gott gar nichts, solange wir das nicht gleich dazu wissen: wir seine Kinder! Eine schöne Idee und Ansicht im Kopf von einem guten Gott über den Wolken, am Anfang und Ende der Welt, das ist gar nichts. Die kann man haben und dabei immer noch ein ganz betrübtes, jämmerliches Geschöpf sein. Aber die Gewißheit im Herzen: unser Vater!, das ist etwas und daraus wird etwas und davon hat man etwas. Gottes Kinder! Das heißt doch, daß wir dem, der über Allem ist, nicht ferne sind [vgl. Act. 17,27], sondern daß er bei uns und in uns ist. Nicht fremd, sondern vertraut und eigen ist uns die ewige Güte. Nicht getrennt sind wir von ihm, der da war im Anfang und sein wird am Ende, sondern innigst und vollständigst mit ihm verbunden. Wir sind nicht ohne ihn, und er ist auch nicht ohne uns. Wir gehören zu ihm. Wir sind sein. Und so muß denn auch wohl Alles, was Gottes ist, auch unser sein.

Das ist der Sinn des Menschenlebens, daß wir Gottes sind und daß |295 Gott uns wahrhaftig sein ganzes Herz und seinen ganzen Reichtum erschließt. Nichts ist, was er für sich behalten, nichts, was er nicht mit uns, seinen Kindern, teilen möchte. Er hat wohl väterliche Gedanken über uns, die wir noch nicht verstehen, aber ganz gewiß keine Hintergedanken, die etwas Anderes sein könnten als Liebe. Er läßt uns wohl unsere eigenen Wege, unsere Irrwege, Strauchelwege, Todeswege gehen, in Armut und Not hineinlaufen, aber er versagt und verschließt sich uns nie, er bleibt unser Vater mit allem, was er ist und hat. Aus seiner Güte strömt Licht hinein in unser Leben, weckt unser Gewissen, daß es uns sagen muß, wo wir hingehören und wo wir darum nicht bleiben können, pflanzt Liebe, Treue, Wahrhaftigkeit, Freundschaft, Selbstlosigkeit in unsere Herzen, daß wir immer hinblicken müssen auf diese Sterne und sie nicht vergessen können, wo wir auch hingehen, schenkt uns die Sehnsucht, daß wir glauben müssen an einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt [2.Petr. 3,13], gibt uns den Mut und die Freudigkeit, daß wir uns nicht fürchten, selber als Lichtlein, die diese neue Welt3 verkünden, unerschrocken zu leuchten im Dunkel der alten Welt, schafft schließlich in uns eine große Sicherheit und Seligkeit, daß wir in stiller Klarheit gar nichts Anderes und Besseres mehr verlangen können, als auf Gottes Reich zu warten und dafür schon jetzt zu leben. Und weil Gottes Güte eine ewige Güte ist, darum ist das alles nicht bloß Licht, sondern Kraft in unserem Leben, strömt uns nicht bloß zeitweilig zu, sondern bleibt in uns als eine schaffende, wirkende, wachsende Macht, fliegt uns nicht bloß an als ein Einfall, eine Stimmung, eine Meinung, ein Standpunkt, als etwas, was heute da ist, um morgen wieder etwas Anderem Platz zu machen, sondern ergreift von uns Besitz und wird unser persönliches Eigentum. Es wird lebendiges Leben in uns, wie Gott selber lebendiges Leben ist.

Und dieses lebendige Leben in uns verwandelt nun unser ganzes Dasein. Jetzt hört dieses Dasein auf, langweilig zu sein; denn die Lichter und Kräfte Gottes sind das Interessanteste, Mannigfaltigste und Bewegteste, was wir uns denken können. Jetzt hört die selbstsüchtige Kleinlichkeit und Knorzerei auf, von der wir uns erfüllen ließen; denn der Vater führt uns auf einen hohen Berg, wo uns das Große ganz groß |296 wird und das Kleine ganz klein4. Jetzt können wir uns nicht mehr so sorgen und aufregen über das, was uns schmerzt und hindert und verdrießt, denn welche Höllenmacht soll denn bestehen können vor der Macht dessen, der den Anfang und das Ende in seiner Hand hält? Jetzt lernen wir es, Geduld haben mit den Menschen und Geduld auch mit uns selbst und doch nicht träge sein, sondern [ausharren] mitten im Feuer des Kampfes, denn Gott ist auch geduldig, obgleich er schafft und wirkt und kämpft als das verzehrendste Feuer [vgl. Dtn. 4,24 u. ö.]. Jetzt brauchen wir unser kleines Persönchen nicht mehr so wichtig zu nehmen, weder sein Wohlergehen, noch seine Wünsche, noch was die Leute über uns sagen, denn Gottes Kinder leben ja nicht für sich, sondern für eine große Sache, und gerade darum und darin sind sie selig.

Und nun das Größte und Beste: dies lebendige Leben, das aus Gottes Güte kommt, ist nicht nur so ein Tröstlein und Freudelein und eine kleine Erbauung für da ein Fraueli und dort einen alten Mann und dort ein gleichgesinntes Ehepaar und dort eine Bibelstunde. Nein, das lebendige Leben in den Kindern Gottes ist die Ankündigung und die Vorhut einer ganzen neuen Welt5. Ein anderes Leben ragt da hinein in die Natur und in die Geschichte, in das Dorf Safenwil und in die europäische Menschheit, in den ganzen kuriosen, erschrecklichen Klumpen, den wir die «Welt» nennen — ein anderes Leben für die ganze Schöpfung, ein Leben, das von den Lichtern und Kräften Gottes lebt statt unter der Herrschaft der Höllenmächte, ein Leben, wo das Gewissen aufhört, ein Peiniger zu sein, wo Liebe und Gerechtigkeit und Wahrheit nicht mehr schöne Begriffe und Ideale sind, sondern freie Selbstverständlichkeiten, wo die Liebe Gottes und der Friede Gottes nicht mehr in den Kirchen |297 sind als eine schöne Sonntagsdekoration, sondern in den Menschen und zwischen den Menschen und in ihrem Handeln und Wandeln. Sieh, wie ein Keil treibt sich das lebendige Leben in den Gotteskindern hinein in die morsche alte Welt, bis sie von selbst zusammenstürzt; in aller Stille wird ein Neues begründet und gebaut, wo dies Leben Eingang gefunden hat, bis das Alte abgebrochen werden kann wie ein Gerüst, das seinen Dienst getan hat; in harter Winterszeit wächst der Same der Ernte entgegen im Schoß der Erde, und wenn die Ernte da ist, denkt niemand mehr an Eis und Schnee. Daß wir diesen unseren höchsten Zweck erfüllen, daß wir Keil und Neubau und Samen seien für Gottes Reich, dazu wissen wir von Gottes Güte, dazu erfahren wir sie, dazu erschließt er uns sein Herz und seinen ganzen Reichtum.

Meine Freunde! Wir sind Gottes Kinder. Wir alle. Wir sollten doch diese tiefste, herrlichste Wahrheit unseres Lebens nicht immer wieder von uns abschieben, als ob sie uns vielleicht nichts angehe! Gott macht ganz gewiß keine Unterschiede zwischen uns. Gott fragt nicht danach, ob du besonders fromm und kirchlich gesinnt seist. Gott fragt nicht einmal danach, ob du ein besonders Braver bist und ob man dir nicht zuviel vorhalten kann. Gott sagt zu keinem von uns: das ist für Andere, aber nicht für dich. Nein, er sieht da nur lauter Menschen, und jedes Menschlein ist ihm lieb, jedes rechnet er zu sich, jedes ruft er bei seinem Namen [vgl. Jes. 43,1], jedes will er haben für sein Reich und brauchen für seine Sache. Wir sind alle Gottes Kinder.

Aber nun ist’s auch wahr und steht geschrieben: Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Und das will offenbar sagen: man merkt so wenig von dem, was wir eigentlich sind. Es sieht so gar nicht danach aus, als ob wir so etwas Hohes und Schönes wären, wie wir da gehört haben. Es ist noch nicht am Tag, was eigentlich in den Menschen steckt und wie sie es haben könnten. Ja, das wissen wir alle, das haben wir uns wohl alle im Stillen gefragt: wo sind sie denn, die erleuchteten, kräftigen Kinder Gottes, die selig von der Güte ihres Vaters leben und Verkündiger einer neuen Welt sind? Wo sind sie? Wir tun die Augen auf und sehen da etwas ganz Anderes: eine Völkerwelt, die alle ihre Leidenschaften und Kräfte darauf gerichtet hat, einander zu hassen und zu vernichten ohne Aufhören und Ende, schrecklicher und folgenschwerer mit jedem Monat, ein Schweizervolk, das aus den Ereignissen der Zeit nicht einmal gelernt hat, unter sich selbst einig zu sein, sondern hüben und |298 drüben seinen blinden Instinkten und Vorurteilen folgt, geschweige denn, daß es seinen Frieden im Sturm dazu benutzt hätte, zu noch größeren und tieferen Erlebnissen und Erkenntnissen vorzudringen, die Safenwiler, die nach wie vor zittern und beben vor der gleichen toten Mammonsmacht, die das jetzige Weltunglück zum großen Teil verursacht hat, die Nachbarn und Dorfgenossen, die einander jeden kleinen Vorteil gierig mißgönnen und umso heftiger bedacht sind, jedes günstige Wässerlein auf ihre Mühlen zu leiten, die Männer mit ihrem Mißtrauen und Trotz und die Frauen mit ihren Sörgelein und Ärgerlein, die keine fünf Minuten Nachdenkens wert sind, die Gesunden mit ihrer sorglosen und gedankenlosen und undankbaren Sicherheit und die Kranken mit ihrer Unruhe, die nach Trost begehrt und sich doch nicht will trösten lassen, die Erwachsenen, die alle Kindlichkeit und Einfachheit und Fröhlichkeit verloren haben, und die Jungen, die bereits alle Fehler ihrer Eltern und ihrer Umgebung an der Stirne geschrieben tragen. Das alles und noch viel mehr Derartiges sehen wir, wenn wir die Augen auftun. Wo sind die Kinder Gottes?

Und: wo ist das Kind Gottes? werden wir wohl auch fragen müssen, wenn wir in den Spiegel blicken und uns selbst ansehen. Wieviel Stumpfheit und Trägheit ist in mir! Wieviel trüber, ungläubiger Sorgengeist! Wie kritisiere und krittle ich doch so gern! Wie bin ich so arm an fröhlicher, natürlicher Liebe zu meinem Nächsten! Wie geht’s mir so schrecklich schwer ein, Böses zu vergessen und zu vergeben! Ja, da soll nun ein jedes sich selber betrachten und sich seine eigene Aufzählung machen. Es wird wohl zuletzt auch zu fragen haben: wo ist da das Kind Gottes? Ich merke so wenig davon, daß ich so eines sein soll. Und, Alles in Allem, wo ist die andere, die neue Welt6, die Gott doch seinen Kindern zeigt und verheißt und in die sie hineingehören? Wo ist das lebendige Leben, das in Gott selber ist und das aus ihm quillt und strömt und das uns umschaffen, verwandeln, erneuern sollte mit Allem, was wir sind und denken und tun? Was sollen wir auf das alles antworten als eben mit unserem Textwort: es ist noch nicht erschienen. Ja, das ist einfach so. So sicher wir Gottes Kinder sind, so sicher ist’s noch nicht erschienen, was wir sein werden. Wie eine dichte Nebelwand steht etwas Anderes zwischen uns und dem, was wir eigentlich sind. Wir können |299 sie mit Augen sehen und mit Händen greifen; es lohnt sich gar nicht, darüber Worte zu machen.

Wir wollen uns also auch nicht länger damit aufhalten, darüber zu reden, daß es so ist. Wir wollen mit dem Apostel gleich weitergehen. Der wirft das ja auch nur so zwischenhinein: es ist noch nicht erschienen! und fährt triumphierend fort: wir wissen aber, wenn es erscheinen wird, daß wir ihm gleich sein werden; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Seht, schon das ist wichtig, daß der Apostel dieses traurige «Noch nicht» gar nicht so wichtig nimmt, daß er gar nicht daran denkt, dabei nun kleben zu bleiben, darüber nun viele beschreibende und erklärende Worte zu machen. Seine Gedanken stürmen vorwärts: es wird aber erscheinen! Das interessiert ihn, daran glaubt er, das ist ihm die Hauptsache, bei der er verweilt, von dieser Hauptsache aus ist Alles gedacht und gesagt. Und das traurige «Noch nicht» ist wirklich Nebensache. Wir sollten es auch so machen.

Wir machen es gewöhnlich anders. Wir lassen uns wohl gerne sagen: du bist Gottes Kind!, aber nun fällt in die andere Waagschale die Tatsache: ach, ich bin so ein armer, unvollkommener Mensch, habe auch schlechte Erfahrungen gemacht, bin viel in Versuchung gekommen, und nun bin ich, was ich bin, weit weg von einem Kind Gottes. Wir hören es wohl gerne, wenn man uns sagt wie an den letzten Sonntagen: Gott ist Sieger über alle Höllenmächte, die uns plagen und uns schaden wollen! Aber o weh, denken wir sofort hinzu: ich bin so arm, ich bin so krank, es geht mir so bös, ich muß so viel durchmachen, ich merke so wenig von den Siegen Gottes. Oder wir beten wohl auch mit: Dein Reich komme! Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel! [Mt. 6,10] und spüren dabei ganz gut, was das eigentlich für ein erlösendes, befreiendes Beten ist — aber sofort kommen unsere klugen, gescheiten Gedanken und sagen uns: ja, aber das geht noch lange, bis Gottes Reich wirklich kommt und sein Wille geschieht auf Erden, jetzt merkt man noch wenig davon, so 1000 oder 2000 Jahre wird es wohl noch gehen bis dahin. Und gelt, jedesmal nehmen wir eigentlich das Zweite viel wichtiger und ernster als das Erste. Das Erste, das, was Gott will und mit uns vorhat, das hören wir und sagen: Ja, ja! dazu, das Zweite aber, daß noch nicht erschienen ist, was wir sein werden, dabei bleiben wir kleben und sitzen, daran glauben wir, das ist unsere eigentliche Meinung, das ist uns die Hauptsache.

300 Umgekehrt, umgekehrt, lieber Freund! Mach’s, wie’s der Apostel gemacht hat. Der sah das sogenannte wirkliche Leben mit seinem traurigen, grausamen «Noch nicht» auch, aber er sah darüber hinweg auf Gott hin, und jetzt wurde ihm das «Noch nicht» ganz klein und unbedeutend. Laß die andere Waagschale sinken. Gott ist die Hauptsache und nicht das, was ihm noch entgegensteht. Die Freude auf seinen Triumph muß gelten und sich behaupten und nicht das grämliche Kopfschütteln darüber, daß du ihn noch nicht wahrnimmst. Ach, wie könnten wir doch schon jetzt in dieser alten, greuelvollen Welt so ganz anders wirklich als Gottes Kinder leben, wenn einmal unsere Gedanken sich umkehren wollten, wenn wir’s lernen wollten, vom lieben Gott aus zu denken statt von all den «Noch nicht» aus, die wir gegen seine Verheißungen einzuwenden haben. So haben’s die ersten Christen gehalten und alle Gottesmenschen zu allen Zeiten. Sie haben’s ja alle auch gewußt, daß wir «noch nicht» so weit sind, sie haben ja alle auch ihr Kreuz getragen, Fehler begangen, Tränen geweint, gesorgt und sich geirrt und gelebt in einer Welt voll Leid und Unrecht, aber über Alles hinweg hörten sie es jubelnd tönen von tausend und tausend Engelsstimmen: Wir sind Gottes Kinder, Gott ist Sieger, sein Reich kommt und sein Wille geschieht! Das hörten sie, darüber haben sie nachgedacht, daran haben sie geglaubt. Wollte doch Gott unsere törichten Gedanken auch umkehren, daß wir an die Hauptsache denken müssen!

Wir fragen: wie kommt man dazu, mit solcher Sicherheit über alles «Noch nicht» hinwegzuschauen auf Gott hin? Der Apostel sagt einfach: wir wissen!, und dabei denkt er ganz sicher an das, was ihm und vielen Anderen aufgegangen war in Jesus Christus. Bei ihm hat er das gemerkt und gelernt: wir sind Gottes Kinder Allem zum Trotz, was dagegen zu sprechen scheint, und einmal muß und wird das durch allen Schutt und Wust und Schmutz hindurch zum Vorschein kommen. Der Nebel ist wohl da, aber die Sonne zerreißt den Nebel. Der Berg türmt sich wohl vor uns steil und zackig, aber es führt ein Weg hinüber. Der Feind ist wohl aufmarschiert gegen uns und brüstet sich und tut großartig, aber er wird geschlagen. Die Höllenmächte haben wohl das Wort und die Gewalt in der Menschenwelt, aber Gott wird Meister. Wer Jesus Christus kennen gelernt hatte, der konnte all das traurige «Noch nicht» in der Welt nicht mehr so ernst nehmen. Denn — das war’s ja gerade! — bei Jesus gab’s kein «Noch nicht». Da war ein Kind Gottes, der |301 Sohn des Vaters im Fleisch, in der gegenwärtigen Wirklichkeit, mitten drin in der dunklen, bösen Welt, ein Mensch, aber ein Mensch, der ganz Gottes war, ein Mensch voll lebendigen Lebens, ein Mensch, in dem alles Menschliche verwandelt war in das Bild des gütigen, ewigen Gottes. Da sahen die Anderen in einem herrlich leuchtenden Spiegel ohne Flecken und Sprünge, was eigentlich wir alle sind. Da hatten die Höllenmächte keine Macht mehr. Vor ihm wich die Krankheit. Vor ihm floh die Sünde. Vor ihm gingen die Geldsäcke auf und verlor sich die Angst vor den Geldsäcken. Vor ihm schwieg das «liebe Ich» in den Menschen, und sie ließen Gott gelten. Ja, wer das einmal gesehen hatte, der konnte eben nicht mehr an das «Noch nicht» glauben, und wenngleich die ganze Welt auch damals voll «Noch nicht» war. Der mußte an Gott glauben, weil er Gott gesehen hatte. Darum sagt Johannes so sicher: wir wissen, daß erscheinen wird, was wir eigentlich sind; wir wissen, daß wir ihm, Gott, gleich sein werden; wir wissen, daß wir Gott sehen werden, wie er ist. Darum lebt Johannes nicht in der dunklen Gegenwart, sondern in der lichten Zukunft. Darum ist sein Glaube nicht ein müdes kleines Seufzerlein, das nichts vor sich sieht, und nicht ein kurzsichtiges kleines Geknorze um das Gute, sondern eine gewisse Hoffnung, die Hoffnung der Gotteskinder, die ihrem Vater Alles zutrauen.

Und wir? Wissen wir denn etwa nicht auch, was jener wußte? Doch, wir wissen es, aber wir wissen es lange nicht gut genug. Wir wissen, wer Jesus war, wir kennen sein Leben und Sterben, wir hängen sein Bild in unserem Zimmer auf und schauen es gern an, wir hören gern von ihm, wir nennen ihn Heiland, wir verspüren auch tatsächlich etwas von dem Heil, das er in unsere Welt und in unser Leben hineingebracht hat. Durch die Türspalte gleichsam oder durch das Schlüsselloch leuchtet etwas zu uns hinaus von der Herrlichkeit Gottes, die er uns nahegebracht hat.

Aber, meine Freunde, das alles genügt doch nicht, damit können und dürfen wir uns doch nicht zufrieden geben, da könnten wir doch viel, viel mehr an ihm haben. Dazu hat doch Gott dieses wunderbare Leben nicht geschaffen, daß wir in unserem dunklen «Noch nicht» drin sitzen und an Jesus so einen kleinen Lichtstrahl, so ein bescheidenes Tröstlein haben. Dazu ist Jesus doch nicht unser Heiland, daß wir daran doch nicht recht glauben, daß wir Gottes Kinder sind, daß Gott siegt, daß |302 sein Reich kommt! Dazu sind wir doch nicht Christen, daß wir die Hauptsache, das, was werden soll, gar nicht ernst nehmen, dafür aber das traurige, gottlose «Noch nicht»! Nein, Christus ist die weit offene Tür zu Gott [vgl. Joh. 10,9]. Bei Christus gibt’s etwas zu merken und zu lernen. Christus hat uns etwas zu sagen. Er sagt uns gerade das, was Johannes von ihm weiß und so sicher sagt: es wird erscheinen, was ihr seid, ihr werdet dem Vater gleich sein, ihr werdet ihn sehen, wie er ist. Er flößt uns in allem «Noch nicht» drin die Freudigkeit, die Kraft, die Zuversicht ein, daß wir gar nichts Anderes wissen wollen und wissen können als: Gott behält doch recht, und wir sind doch seine Kinder! Das wollen wir uns doch von ihm sagen lassen. Er sagt es uns so klar und einleuchtend. Daran liegt Alles, daß wir es uns von ihm sagen lassen. Nicht Gott ist schuld an dem traurigen «Noch nicht», sondern unser dumpfer Unglaube. Aus dem Unglauben kommt Krieg, Uneinigkeit, Knechtschaft, Neid, Unruhe, Übermut und Torheit. Unser Unglaube ist’s, der uns verhüllt, was wir eigentlich sind. Die traurige Welt des Unglaubens zerbricht, wenn der Glaube kommt, wenn wir Christus mit uns reden lassen. Und die neue Welt Gottes, die Welt der Kinder Gottes kommt, wenn der Glaube kommt, wenn die Tür einmal weit aufgeht, statt daß wir durchs Schlüsselloch gucken. Christus will unsere Hoffnung werden. Wo er das geworden ist, da hört das Alte auf, und das Neue hat angefangen.

Amen.
Lieder:

Safenwil:

  • Nr. 42: «Die goldne Sonne» von P. Gerhardt, Strophen 1-3 (= GERS [1952] 77,1-3; EG 449,1-3 «Die güldne Sonne») 🎵
  • Nr. 342: «Wachet auf, ruft uns die Stimme» von Ph. Nicolai, Strophen 1 und 3 (= GERS [1952] 380,1.3; EG 147,1.3) 🎵

Ürkheim:

  • Nr. 188: «Herr, dein Wort, die edle Gabe» von N. L. von Zinzendorf und Chr. Gregor, Strophen 1-2 (= EG 198,1-2) 🎵
  • Nr. 327: «Kommt, Brüder, laßt uns gehen» von G. Tersteegen, Strophen 1.2.4 (= GERS [1952] 325,1.2.4 «Kommt, Kinder, laßt uns gehen»; EG 393,1.2.6 mit Textabweichungen) 🎵

Sachfußnoten

1
Ürkheim ist die Nachbargemeinde von Safenwil im Südosten. Barth vertrat dort — wie schon am 3.8.1913 und 26.7.1914 — den Pfarrer Paul Schild.↩
2
Am 27. Juli 1915 schrieb Barth an Thurneysen: «Am letzten Sonntag hab ich deine Predigt noch einmal gehalten, aber ein wenig anders und lange nicht so schön. Du kannst sie dann einmal lesen und dich freuen über die Anregung, die du mir gegeben hast» (Bw.Th. I, S. 67 📖). Über Thurneysens Predigt, die Barth mangels eines freien Termins nicht gehört haben kann, sondern gelesen hat, ist Näheres nicht bekannt.↩
3
Vgl. oben S. 13, Anm. 2.↩
4
Vgl. Strophe 4 des Liedes «Brich herein, süßer Schein» von M. Schmalenbach (1882) 🎵:
Ewigkeit, in die Zeit
Leuchte hell herein,
Daß uns werde klein das Kleine
Und das Große groß erscheine,
Selge Ewigkeit.
(Z. B. in: Reichs-Lieder, Nr. 556).↩
5
Vgl. die Predigt Nr. 259, die unter der Überschrift «Gottes Vorhut» gedruckt wurde, oben S. 52–68; das Stichwort von der «neuen Welt» taucht auf in Barths Unterweisung im Jahrgang 1915/16: Konfirmandenunterricht 1909-1921, S. 127. 📖 ↩
6
Siehe oben S. 296, Anm. 5. ↩